«Aadie Waldeburgerli»

Sa, 10. Apr. 2021
Festlich geschmückt begrüsst die «Cremeschnitte» an ihrem letzten Tag zahlreiche Reiselustige, die sich von der WB verabschieden. Foto: Elmar Gächter

Die schmalste Schmalspurbahn der Schweiz ist Geschichte

Es ist ein Tag, der in die Annalen des Waldenburgertals eingehen wird. Hunderte von Menschen entlang der ganzen WB-Strecke wollten am Montag nochmals einen Blick auf ihr «Waldenburgerli» werfen.

Elmar Gächter – Volksstimme

WALDENBURG BL. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass die Waldenburgerbahn identitätsstiftend ist, wäre er am Montag erbracht worden. Ob klein, ob gross, ob jung oder älter, ob an der Strasse oder im Gelände, ob mit Kamera oder Handy oder einfach nur winkend erweisen ungezählte Bewohnerinnen und Bewohner der Talschaft ihrem liebevoll «Waldeburgerli» genannten Bähnli die letzte Ehre. Und wie wenn sich die mit prächtigen Frühlingssträussen bekränzten Triebwagen des besonderen Tages bewusst wären, dringt ihr wohlbekanntes Pfeifen noch lauter und stärker als sonst durch die Lüfte des Frenkentals. In einer speziellen Bahnparade zeigen sich die rot-weissen Fahrzeuge dem Publikum zum Abschied als zwei Fünfer-Traktionen, um ab Altmarkt gemeinsam in einem 180 Meter langen Fahrzeugkorso in den Bahnhof Liestal einzufahren.

Nach etwas mehr als 140 Jahren verliert das «Waldenburgerli» jene Exklusivität, die es über die Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht hat. Denn seit Dienstag, 1.18 Uhr, ist die 75-cm-Spur nur noch eine Sache für die Geschichtsbücher. Für die Talbewohner war der «Cremeschnitten-Express» mehr als nur ein Transportmittel, für manche eine Herzensangelegenheit. Und hätte die Pandemie nicht ihr Veto eingelegt, hätte die Bahnlegende in einem Abschiedsfest enden können. So aber bleibt das Mitfahren im Sonderzug nur wenigen Auserwählten vorbehalten und die meisten müssen sich mit der Rolle als Zaungäste zufriedengeben.

«Die Vorfreude überwiegt»
«Mir tut dieser Abschied ehrlich gesagt weh, ich könnte fast weinen», macht Ursula Schäublin aus Hölstein aus ihrem Herzen keine Mördergrube. Ihr Mann hat als Maler bei der Firma Schindler Waggon in Pratteln den Steuer- und Triebwagen zum rot-weissen Outfit verholfen. Ob die knallgelbe Farbe des künftigen Rollmaterials den emotionalen Verlust kompensieren kann, lässt sie auf sich zukommen. Etwas nüchterner sieht Alex Regenass, der in Oberdorf aufgewachsen ist, die Sache. Wie beim Aus der Dampfbahn schwingt bei ihm zwar eine gewisse Wehmut mit, andererseits ist er überzeugt, dass die neue Bahn ein grosser Fortschritt ist und das Tal beleben wird.

Auch Claudia Tschudin von «Waldenburg belebt» knüpft viele Erinnerungen an das «Waldenburgerli» und hat es vor allem geschätzt, dass man bei hochsommerlichen Temperaturen die Fenster öffnen konnte. Weniger lustig fand sie den Einstieg mit Kinderwagen. «Nun überwiegt jedoch die Freude auf das Neue.» Von einem Kulturgut im Tal, das mit dem heutigen Tag verloren gehe, spricht Piero Grumelli, Gemeindepräsident von Oberdorf. «Ging ich auf Reisen und fuhr mit der SBB in Richtung Liestal, machte sich in mir bereits beim Altmarkt so etwas wie Heimatgefühl bemerkbar, wenn der schmale Schienenstrang der Waldenburgerbahn in Sicht kam. Ja, mir ist die Bahn schon recht ans Herz gewachsen.»

Identitätsstiftend – auch in Zukunft?
Als ein schönes und besonderes Gefühl bezeichnet es Regierungsrätin Monica Gschwind, nochmals im bald ausgemusterten WB-Wagen «Liestal» sitzen zu können. «Ich war früher sehr viel mit der Waldenburgerbahn unterwegs und bin fast jeden Werktag zwischen Hölstein und Liestal hin- und hergependelt», sagt die Baselbieter Bildungsministerin. Statt in Nostalgie zu schwelgen, hebt sie die grosse Wichtigkeit der neuen Bahn für das Tal und seine Entwicklung hervor. Zu den kommenden Einschränkungen während der fast zweijährigen Bauphase meint sie: «Diese erfordern Geduld, aber ich bin überzeugt, dass die Bevölkerung diese aufbringt, weil sie weiss, dass sie mit der neuen Bahn einen reichen Gegenwert erhält. Ich finde es grossartig, was die Planer und Unternehmer hier auf die Beine stellen.»

Die ungezählten Baustellen, Lagerplätze, Bau- und Spezialmaschinen entlang der ganzen Strecke lassen keine Zweifel darüber aufkommen, dass die Fachleute auf allen Stufen bereit sind, die neue Bahn für die Zukunft fit zu machen. Ob sie nach dem Neubau ab Dezember 2022 als Linie 19, so ihre fahrplanmässige Bezeichnung, und mit ihrer Einmeterspur ebenso viel Identität für das Tal stiftet wie das «Waldenburgerli», wird sich weisen.

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