Sie sieht die Not jeden Tag

Fr, 08. Jan. 2021
«Viele Menschen hofften, sie hätten die Lage in ein bis zwei Monaten wieder im Griff, aber diese Krise dauert länger», sagt Linda Gaeta. Foto: Valentin Zumsteg

Die Pandemie verschärft die Situation jener Menschen, die schon zuvor armutsgefährdet waren. Die Diakonische Stelle der römisch-katholischen Pfarrei Rheinfelden-Magden-Olsberg hat wegen Corona so viel zu tun wie noch nie.

Valentin Zumsteg

Seit 20 Jahren führt Linda Gaeta die Diakonische Stelle der römisch-katholischen Pfarrei Rheinfelden-Magden-Olsberg, doch so viel Not wie in den letzten Monaten hat sie bei ihrer Arbeit noch nie erlebt. «Die Coronakrise hat vor allem die Situation jener Menschen verschärft, die schon vorher von Armut betroffen oder armutsgefährdet waren. Ich habe noch nie so viele Menschen beraten und unterstützt wie im vergangenen Jahr», erklärt Gaeta.

Lebensmittel und Weihnachtsgeschenk gekauft
Sie erzählt von einer alleinerziehenden Mutter, die im Dezember an Corona erkrankte und kein Geld mehr hatte, um Lebensmittel oder ein Geschenk für ihr Kind zu kaufen. «Ich habe ihr eine Tasche mit Lebensmitteln und ein Weihnachtsgeschenk für die Tochter eingekauft. Damit konnte das Weihnachtsfest gerettet und die grösste Not gelindert werden, bis die nächste Alimentenzahlung kam», erzählt Gaeta.

Stellenverluste und Kurzarbeit können bei Leuten, die sonst schon knapp kalkulieren müssen, zu finanziellen Engpässen führen. «Dadurch konnten Betroffene teilweise die Miete, die Krankenkassenprämien oder andere Fixkosten nicht mehr bezahlen. Viele Menschen hofften, sie hätten die Lage in ein bis zwei Monaten wieder im Griff, aber diese Krise dauert länger», sagt Linda Gaeta. Sie berichtet von einem Familienvater, der sich im Januar 2020 selbständig machte. «Zu Beginn lief es gut, dann kam Corona. Ich habe der Familie geholfen, die Miete zu zahlen.»

«Netze sind sehr bürokratisch»
Es komme immer wieder vor, dass Menschen ohne Hilfe dastehen, weil sie zwischen die Maschen der sozialen Netze fallen. «Und die Netze sind sehr bürokratisch. Wenn man einen Antrag auf finanzielle Hilfe stellt, muss man oft warten. Diese Zeit müssen die Betroffenen mit eigenem Geld überbrücken. Wer das nicht kann, gerät in Not und eine schnelle Verschuldung», schildert Gaeta. Sie sieht auch regelmässig Leute, die zwar Anrecht auf Sozialhilfe hätten, diese aber nicht in Anspruch nehmen wollen. «Es gibt Ausländer, die bewusst darauf verzichten, weil sie ihre Einbürgerung nicht gefährden wollen.»

Viele Menschen, die nur wenig verdienen, kaufen ihre Lebensmittel und Hygieneartikel häufig in deutschen Discountern ein. «Die Grenzschliessung ist für sie ein grosses Problem. Dessen war ich mir zuvor gar nicht bewusst. Wenn das Geld vorher geradeso gereicht hat, kann es jetzt knapp werden», erzählt Gaeta.

Viele Spenden
Sie erlebt aber auch, dass viele Menschen sich der Not der anderen bewusst sind und solidarisch handeln: «Die Diakonische Stelle hat noch nie so viele Menschen unterstützt, sie hat aber auch noch nie so viele Spenden erhalten wie im vergangenen Jahr. Das ist ein schönes Zeichen.»

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