Das Schupfarter Festivalfieber ist ein wertvolles Virus

Mo, 18. Jan. 2021
Marco Ruflin (OK-Bau), Stefan Müller (OK-Vizepräsident), Fabian Ruflin, Doris Müller-Amsler (OK-Präsidentin) und Lars Müller (von links). Foto: Tony Fischer

Für einen Augenblick die Alltagssorgen vergessen

Das OK setzt alles daran, das Schupfart Festival des letzten Jahres zwischen dem 24. und 26. September 2021 nachholen zu können.

Clara Rohr-Willers

«Wir müssen einen Weg finden, um mit dem Virus zu leben und Kultur ist ein wichtiger Aspekt für die psychische Gesundheit eines jeden Menschen», sagt Doris Müller-Amsler, OK-Präsidentin des bald vierzigjährigen Schupfart Musikfestivals. Es gibt reale Viren und es gibt abstrakte wie dasjenige des Festivalfiebers, welches sie wie folgt definiert: «Bei einem guten Konzert die Geselligkeit pflegen, sodass auch die Alltagssorgen in den Hintergrund treten». Ob wir 2021 wieder in Gesellschaft Musik geniessen und Alltagssorgen vergessen können, ist derzeit unklar. Mit einem «Ghost Festival», das weder real noch virtuell je stattfinden wird, machen seit Montag, 11. Januar, rund 300 Künstlerinnen und Künstler mit Grössen wie Züri West, Stephan Eicher oder Knackeboul, auf die prekäre Lage der Kulturbranche aufmerksam. Der Ticketkauf des Geisterfestivals kommt somit einer Spende für die Künstler sowie deren Techniker gleich. Anders im Fricktal: Das Schupfart Festival soll zwischen dem 24. und 26. September 2021 als reales OpenAir stattfinden.

«Die Bands brennen darauf, wenn es mit Live-Auftritten wieder losgeht»
Man sei «positiv eingestellt», das Festival wirklich durchzuführen, erklärt Doris Müller im Interview. «Da wir das Festival 2020 infolge der Pandemie um ein Jahr verschieben mussten, war für uns klar, dieses Jahr mit dem gleichen Line-Up an den Start zu gehen, was uns auch gelungen ist», schildert sie. Die unter Vertrag genommenen Rock-, Country- und Schlagermusiker wie beispielsweise Vincent Gross, Max Giesinger, Ben Zucker, Ben & Noel Haggard sowie die jungen Zillertaler und DJ Ötzi hoffen auf die Durchführung des Festivals im September. «Die Bands brennen darauf, wenn es mit Live-Auftritten wieder losgeht», beschreibt Doris Müller. Sowohl Musiker wie auch Publikum bräuchten einen direkten Austausch miteinander. Es sei wie im Homeoffice: «Ein Zoom-Meeting ersetzt keinen persönlichen Kontakt mit allen Gefühlen und Empfindungen.»

Herausforderungen der Branche sind kein Grund, das Festival aufzugeben
Die Schweiz habe eine extreme Festivaldichte. «Vor der Pandemie fanden so viele Veranstaltungen wie noch nie statt», sagt Doris Müller, die den Festival- und Musikmarkt seit ihrem OK-Eintritt 1992 miterlebt und beobachten kann. «In den 1980er-Jahren Jahren gehörte das Schupfart Festival, das heute maximal zu den mittleren Playern des Business zählt, noch zu den grossen regionalen Musikevents», erinnert sich die 51-Jährige. In den vergangenen Jahrzehnten wurde der Markt stark ausgebaut und ausländische Agenturen entdeckten die Schweiz. Die Menschen seien heute zudem mobiler und würden teilweise weite Wege auf sich nehmen, nur um den einen oder andern Künstler zu sehen. «Durch die hohe Dichte verteilen sich die Eintritte auf viel mehr Veranstaltungen, sodass alle weniger Gäste haben», bilanziert Doris Müller. Im Gegenzug dazu seien die fixen Kosten und Bandgagen in all den Jahren exorbitant gestiegen, sodass auch die Eintrittspreise nach oben angepasst werden mussten. «Im Fricktal können wir nicht Eintrittspreise wie in städtischen Gebieten verlangen und nationale Sponsoren engagieren sich meist nur bei den sehr grossen Playern in der Branche», so Müller.

Aufgrund dieser Herausforderungen aufgeben sei dennoch weder «vor Corona» noch jetzt «mit Corona» zur Diskussion gestanden. «Werte wie das Miteinander, Kollegialität, Herzlichkeit und Fröhlichkeit, die im Alltag oft keinen Platz finden, stehen am Festival an der Tagesordnung», beschreibt die OK-Präsidentin. «Es erfüllt uns mit Freude, dass es immer wieder gelingt, junge Leute für das Projekt zu begeistern, ohne mit einer Banknote zu winken», sagt Doris Müller. Durch ihren Vater Ernst Amsler, ehemaliger Präsident des Velo-Moto-Clubs, aber auch ihren Schwiegervater Hanspeter Müller, wurde Doris Müller früh in das Festival eingebunden. Heute arbeitet sie mit ihrem Mann Stefan, dem Co-Präsidenten des OKs, ihren Söhnen und vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern für das Festival.

«Wahrhaftig magische Stimmung»
Angesprochen auf Highlights der vergangenen Jahre nennt Doris Müller das Konzert der Band «Unheilig», mehrfache Echo-, Bambi- und auch Swiss Music Award-Gewinner. Kurz bevor sich die Band 2016 für immer von der Bühne verabschiedete, habe sie am Schupfart Festival 2015 «eine wahrhaft magische Stimmung» erzeugt. «‹Der Graf› schaffte es, das ganze Publikum in seinen Bann zu ziehen und an den Ess- und Getränkeständen gab es plötzlich nichts mehr zu tun, da alle gebannt dem Konzert lauschten», beschreibt Doris Müller, die allein beim Gedanken an dieses Konzert heute noch Gänsehaut hat. Der Inhalt des Songtextes «Geboren, um zu leben» passt zum hohen Stellenwert des direkten persönlichen Kontakts zwischen Menschen, der an kulturellen Anlässen zum Tragen kommt: «Wir waren geboren, um zu leben für den einen Augenblick, bei dem jeder von uns spürte, wie wertvoll Leben ist.»

Während des dreitägigen Festivals hilft etwa jeder vierte Bewohner der 800-Seelengemeinde mit. Das Festival ist ein Gewinn für die ganze Region, denn davon profitieren der regionale Bäcker, Metzger, der Bierbrauer und viele mehr.

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