Freiheit und Lebensqualität

Mi, 16. Dez. 2020

Franz Nietlispach setzt sich für die Mobilität von Rollstuhlfahrern ein

Während fast 30 Jahren war Franz Nietlispach im Wettkampfsport aktiv und galt damals als schnellster Rollstuhlfahrer der Welt. Bei seinen Erfolgen kam oftmals selbst entwickeltes Rennmaterial zum Einsatz.

Janine Tschopp

Es geschah an einem Freitag, den 13. Am Freitag, den 13. Juli 1973, morgens um halb sieben standen Franz Nietlispach und sein Freund Ruedi auf der Leiter, um Kirschen zu pflücken. Franz Nietlispach, er war damals ein topfitter 15-jähriger Bursche, wollte auf einen vermeintlich dicken und starken Ast klettern. Doch plötzlich krachte dieser, und in derselben Sekunde lag Nietlispach rücklings auf dem Boden.

Dieser tragische Unfall veränderte sein Leben auf einen Schlag. Seit diesem Moment ist er querschnittgelähmt und all seine Träume rückten weit in die Ferne.

Der Rollstuhl als Sportgerät
Nach einem achtmonatigen Spitalaufenthalt erhielt er einen Rollstuhl und akzeptierte ihn sofort. «Es war für mich mehr Sportgerät als Hilfsmittel», erinnert sich Franz Nietlispach. Ein Jahr nach seinem Unfall startet er erstmals an einem Rollstuhlrennen. Er lernte, dass im Leben nicht wichtig ist, was man nicht kann, sondern was man kann. In den folgenden fast drei Jahrzehnten holte er 14 Titel als Olympiasieger und 20 Weltmeistertitel. Oftmals fuhr er mit Rennmaterial, das er selber entwickelt hatte und war so seinen Konkurrenten stets eine Saison voraus.

Highlights gab es für den Sportler in seiner Karriere viele. Speziell waren für ihn die Erfolge an den Leichtathletik-Meetings «Weltklasse Zürich», die er zehn Mal gewann und sieben Mal einen Weltrekord aufstellte. Auch die Siege am Boston Marathon bedeuten dem Zeininger sehr viel. Insbesondere der Marathon im Jahr 1995 wird ihm ewig in Erinnerung bleiben. Denn, als er diesen erstmals gewann, wurde er vom damaligen amerikanischen Präsidenten Bill Clinton ins Weisse Haus und auf eine gemeinsame Joggingrunde eingeladen.

«Ich konnte nie vom Sport leben», erzählt der zweifache Familienvater, welcher ursprünglich aus Muri stammt, 1988 mit seiner Familie nach Rheinfelden zog und seit 1997 in Zeiningen zu Hause ist. Während 20 Jahren arbeitete er in einem 50-Prozent Pensum bei Novartis im Sport Sponsoring.

Konstrukteur und Tüftler
Auch als er sich 2001 vom Spitzensport zurückzog, gehörte es noch immer zu seinen grossen Leidenschaften zu tüfteln und neue Sportgeräte zu konstruieren. 2006 gründete Franz Nietlispach die Firma «Carbonbike», welche heute weltweit führend ist in der Herstellung von Handbikes. Aufgrund einer fortgeschrittenen Arthrose in der Schulter, seit einem Jahr hat er ein künstliches Schultergelenk, konnte Franz Nietlispach nicht mehr selber Handbike fahren und so auch nicht mehr an der Entwicklung weiterarbeiten. Er beschloss, die Firma an einen langjährigen Wegbegleiter zu verkaufen.

Erfinder von «MiAmigo»
Weil dem ehemaligen Spitzensportler die Lebensqualität und Mobilität von Rollstuhlfahrern am Herzen liegt, entwickelte er vor fünf Jahren «MiAmigo». Ein elektrisches Zuggerät, das mit wenigen Handgriffen an den Rollstuhl montiert werden kann. Ohne eigene Muskelkraft kann er damit 20 Stundenkilometer schnell fahren und hat eine Reichweite von 30 Kilometern. «Ich schaffe es fast auf den Sonnenberg, natürlich mit zwei Batterien», freut sich Nietlispach. «Mobil sein ist für uns wichtig», ist der 62-Jährige überzeugt. «MiAmigo» hat er in den letzten Jahren stets weiterentwickelt, so dass auch Personen, die weniger beweglich sind als er, davon profitieren können. Seine neueste Entwicklung ist ein Korb am Zuggerät, womit der Rollstuhlfahrer Waren transportieren kann.

So konstruiert Franz Nietlispach in seiner Werkstatt in Zeiningen ein wertvolles Hilfsmittel für Rollstuhlfahrer aus der ganzen Welt und lässt somit viele Menschen, die in der gleichen Situation sind wie er, von seinen Tüfteleien profitieren. «Noch vor 20 Jahren hast du als Rollstuhlfahrer verloren. Die Zeiten haben sich verändert. Heute ist es auch als Rollstuhlfahrer nicht nötig, auf Mobilität zu verzichtet. Es gibt kaum mehr Hindernisse», findet der erfolgreichste Rollstuhl-Leichtathlet aller Zeiten.

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