«Die Krise ist auch eine Treiberin»

Fr, 04. Dez. 2020
Reto Kuoni (links) und Stephan Bühler sind überzeugt, dass sich ihr Traditionsunternehmen mit Weitblick positiv weiter entwickeln wird. Foto: Susanne Hörth

Reto Kuoni und Stephan Bühler stehen seit kurzem an der Spitze der Jakob Müller AG

Im Gespräch erklären die beiden neuen Inhaber des weltweit tätigen Textilmaschinenunternehmens Jakob Müller Holding AG mit Hauptsitz in Frick, warum sie trotz Corona-Krise positiv nach vorne blicken.

Susanne Hörth

NFZ: Wie geht es der Jakob Müller Holding AG?
Stephan Bühler:
Der Firma geht es gut, aber wir stehen natürlich unter dem Einfluss von Corona.
Reto Kuoni: Der Auftragseingang ist in diesem Jahr gesunken. Wir sind trotzdem gut aufgestellt, haben neue Produkte und wir investieren.

Dauert die im Frühjahr verfügte Kurzarbeit in der Firma trotzdem noch an?
Kuoni:
Ja, aber nicht mehr so stark. Wir spüren eine Bewegung im Markt.

Wie können Sie Ihren Mitarbeitenden Zuversicht vermitteln?
Kuoni:
Wir stehen auf einem guten Fundament. Dieses trägt uns durch die Corona-Pandemie. Leider konnten wir beim Antritt im Sommer wegen Corona nicht wie geplant in persönlichen Gesprächen informieren. Wir gehen nun den digitalen Weg und sind mit unseren Kolleginnen und Kollegen auf der ganzen Welt via Onlinevideo im Austausch.

Was sagen Sie den Leuten, wenn diese ihre Arbeitsplätze ansprechen?
Bühler:
Wir haben einen langfristigen Horizont und wir investieren. Wie gesagt, stehen unsere Firmen auf einem festen Fundament. Wir sind ein Inhaber geführtes Schweizer Familienunternehmen mit 130-jähriger Geschichte. Uns ist es wichtig, Verantwortung zu übernehmen und verlässlich zu sein. Und nochmals: Wir spüren im Markt eine Veränderung und gehen davon aus, dass sich eine gewisse Erholung einstellt.

Aber konkret: Was können Sie den Leuten zu ihren Arbeitsplätzen sagen?
Bühler:
Sicher ist, dass wir weiter machen. Wir haben einen langfristigen Horizont und wir investieren.

Können Sie damit die Angst vor Entlassungen nehmen?
Bühler:
Absolute Sicherheit können wir nicht geben, das kann niemand. Aber wir glauben an unsere Firmen. Am Schluss diktiert auch der Markt unser Handeln.

Eine Antwort, welche die Mitarbeitenden nicht unbedingt zufriedenstellt…
Kuoni:
Uns ist es wichtig, die soziale Verantwortung zu übernehmen. Dafür stehen wir als Inhaber ein. Unsere Konkurrenzfähigkeit geht Hand in Hand mit unserem wirtschaftlichen Erfolg. Und dieser ist der Garant für unsere Arbeitsplätze.

Sie haben zu einer Zeit übernommen, in der die Corona-Situation alles sehr schwierig macht. Verunsichert das?
Kuoni:
Teils. Diese Krise ist für uns aber auch eine Chance und eine Treiberin.
Bühler: Es beschleunigte unter anderem unser Anliegen für ein besseres Zusammenwachsen über alle Firmenbereiche hinweg. Da passt auch unsere neue Kommunikations-App, die diese Woche in Betrieb geht.

Braucht es denn ein solches Kommunikationsmittel?
Bühler:
Ja, der Austausch und das Zusammengehörigkeitsgefühl haben in der Corona-Krise natürlich gelitten. Wir konnten uns gegenseitig nicht mehr besuchen, viele sind in Kurzarbeit, der persönliche Austausch ist sehr eingeschränkt.
Kuoni: Es war für die Mitarbeitenden ein emotional sehr schwieriges Jahr. Mit der neuen App sollen die Leute die Informationen direkt und nicht über sieben Ecken hinweg erfahren.


Auf der ganzen Welt tätig, in Frick zuhause

Stephan Bühler und Reto Kuoni haben die Jakob Müller Holding AG in einer schwierigen Zeit übernommen. «Es haben sich dadurch aber auch Chancen und neue Möglichkeiten ergeben», sind sich die neuen Inhaber einig. Froh sind sie auch über die langfristige und haushälterische Finanzplanung ihrer Vorgänger. Dadurch steht die Firma auf einem grundsoliden Fundament.

Susanne Hörth

Seit Mitte Jahr ist die Fricker Jakob Müller Holding AG in den Händen von Stephan Bühler und Reto Kuoni. Mit der Übernahme wurde vollzogen, worauf sich die beiden Männer schon lange vorbereitet haben; es sich teilweise auch schon seit früher Jugendzeit abgezeichnet hatte. «Meine Mutter ist Ruth Bühler, die Tochter von Jakob Müller, meinem Grossvater», so Stephan Bühler. Dem Wunsch seines Grossvaters, bereits als 16-Jähriger sein Berufsleben im Familienunternehmen zu starten, kam er nicht nach. «Ich wollte nicht ewiger Lehrling im eigenen Unternehmen bleiben, sondern mir meinen beruflichen Rucksack ausserhalb füllen.» Bühler bildete sich zum Elektroingenieur aus, hängte ein Betriebswirtschaftsstudium an und eignete sich in den anschliessenden Jahren ein umfassendes Know-how in verschiedenen Aufgabenbereichen an. 2009 kam er zur Jakob Müller Holding AG und gründete am Hauptsitz in Frick das Startup TexTrace AG. «Meine Leidenschaft ist die Innovation, die Technologisierung», so Bühler, der von sich auch sagt, dass er bei der gemeinsamen Führungsaufgabe mit Reto Kuoni eher den Part für die digitalisierte Zukunft übernehme.

«Ich bin kein Techniker, vielmehr ein Zahlenmensch. Als CFO bin ich um die gesunden Finanzen besorgt, damit wir unsere Zukunft weiter bauen können», sagt Reto Kuoni. Er ist der Sohn von Christian Kuoni, dem früheren Firmenchef. Nach der KV-Lehre bei einer Bank studierte er Betriebswirtschaft, machte den Master für Immobilienmanagement und kann sich seit diesem Jahr nach erfolgreicher Weiterbildung als Diplomierter Experte in Rechnungslegung und Controlling bezeichnen. Wie bei Bühler fand auch bei Kuoni der berufliche Werdegang die ersten Jahre ausserhalb der Jakob Müller Holding AG statt. Bei dieser trat er 2013 ein und war bis 2017 für den Bereich Immobilien zuständig. Seit 2018 kümmert er sich um die Finanzen der Holding.

Dass sich ihre Bereiche, bei Bühler die Digitalisierung und Technologisierung – «das ist zentral für die Zukunft» – und bei Kuoni die Zahlen – «die lügen nicht» – in ihren Führungsaufgaben gut ergänzen, davon sind die beiden überzeugt. Dazu kommt ein unisono betontes «absolutes, gegenseitiges Vertrauen.»

Verantwortung für die ganze Unternehmung zu übernehmen und verlässlich zu sein, ist den beiden Inhabern ein grosses Anliegen.

NFZ: Nach schwierigen, von der Corona-Situation geprägten Monaten, spüren Sie nach eigenen Aussagen eine gewisse Erholung am Markt. Können Sie Prognosen abgeben?
Stephan Bühler:
Nein. Die Pandemie ist unberechenbar, damit müssen wir umgehen. Aber wir sind zuversichtlich. Derzeit bauen wir in Frick ein Kompetenzcenter für die ganze Gruppe auf. Es unterstützt die Firmen in ihrer Positionierung und Entwicklung. Wir glauben an unsere Gruppe.

Was bedeutet dieses Jahr in der Lehrlingsausbildung
Bühler:
Es war für unsere Lernenden sicher nicht einfach, sie waren mit einer ausserordentlichen Situation konfrontiert und arbeiteten in der Maskenproduktion unserer Texmask GmbH. Es war für sie eine interessante Erfahrung zu erleben, wie es ist, aus der Not eine Tugend zu machen und schnell auf Bedürfnisse im Markt reagieren zu müssen und zu können.

War die Maskenherstellung in dieser schwierigen Zeit eine richtige Entscheidung?
Reto Kuoni:
Auf jeden Fall und auch eine sehr wichtige.
Bühler: Es wurde sehr schnell reagiert. Für die Mitarbeitenden war es eine Genugtuung in dieser ausserordentlichen Zeit für etwas arbeiten zu können, das sinnvoll und systemrelevant ist. Es ist wie ein Start-Up, das aus dieser Zeit hervorgegangen ist.

Was hat Corona bei ihrer Unternehmung sonst noch verändert?
Kuoni:
Finanziell hat es Spuren hinterlassen, der Umsatz ist durch Corona deutlich gesunken.
Bühler: Wir sind bezüglich Homeoffice und f lexiblen Arbeitszeiten toleranter geworden. Seit klein auf bewegen wir uns in einem dynamischen und zyklischen Umfeld. Wir sind also schon etwas krisenerprobt.
Kuoni: Allerdings haben wir eine Krise dieses Ausmasses sicher auch noch nie erlebt. Auf jeden Fall wollen wir von der Pandemie profitieren und aus der Krise gestärkt hervorgehen. Das haben wir uns zum Ziel gesetzt und arbeiten intensiv daran.

Sie sehen optimistisch in die Zukunft?
Bühler:
Ja. Wir profitieren davon, dass unsere Vorfahren haushälterisch mit dem Geld umgegangen sind. Das schreiben wir uns ebenfalls auf die Fahne. Zur Jakob Müller Holding AG gehören fünf Unternehmen, die alle mehr oder weniger direkt in der Textilindustrie tätig sind. Zu unserer Philosophie gehören sowohl Akquisitionen bestehender Unternehmen wie auch Expansion. Und Ja: Wir denken langfristig und positiv.
Kuoni: Es hat mich erstaunt, als ich in der Zeitung zwei Wochen nach dem Lockdown über Konkurse von Firmen lesen musste. Unsere Vorgänger haben es sehr gut gemacht. Unsere Unternehmen stehen auf einem grundsoliden Fundament.
Bühler: Wir haben ganz klar eine Wachstumsstrategie. Wir haben uns einiges vorgenommen.

Wie wichtig ist der Standort Frick
Kuoni:
Er ist für uns enorm wichtig. Frick ist das Herz des Unternehmens.
Bühler: Wir sind auf der ganzen Welt daheim, unser Netz von Tochterfirmen mit seinen Standorten in Asien, Amerika und Europa umspannt fast die ganze Welt. Aber in Frick sind wir zuhause.


Jakob Müller Holding AG

Zur Jakob Müller Holding AG gehören die Jakob Müller AG Frick, die Benninger AG, die List Technology AG, die TexTrace AG sowie die Jakob Müller Immobilien AG.

Mit Stephan Bühler und Reto Kuoni stehen zwei Männer an der Spitze der ganzen Holding, die beide die gleiche Verantwortung tragen, beide die gleiche Position als Inhaber einnehmen. Sie sind in allen Verwaltungsräten der einzelnen Firmen vertreten.

Insgesamt beschäftigt die Jakob Müller Holding AG rund 1100 Mitarbeitende, 300 davon arbeiten am Standort Frick.

 

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