Oben verpacken, unten lagern – aber wo?

Di, 15. Sep. 2020
Mitglieder der Regionalkonferenz Jura Ost in der Stadthalle in Laufenburg. Foto: Simone Rufli

Tiefenlager für radioaktive Abfälle, Kapitel 3

Auf der Suche nach einem Tiefenlager für radioaktive Abfälle geht es in Etappe 3 auch um Oberflächenanlagen und um die Frage, wie unsere Trinkwasservorkommen geschützt werden. Die Mitglieder der Regionalkonferenz Jura Ost befassten sich am Donnerstagabend in Laufenburg mit diesen und anderen Fragen.

Simone Rufli

Auf die Frage, welchen Grad der Wasserverschmutzung das Bafu (Bundesamt für Umwelt) tolerieren würde, gab Michael Schärer eine klare Antwort: «Keinen.» Es gelte ein Verunreinigungsverbot. «Trinkwasserressourcen sind bei der Standortwahl für Oberflächeninfrastrukturanlagen zu meiden – sofern möglich. Aber: Gemäss Bundesgesetzgebung gelten hier die gleichen Vorschriften wie beim Bau von Industrieanlagen, Flughäfen, Tanklager usw. Auch der Hauptbahnhof Zürich ist im Grundwasser gebaut. 40 Prozent des Landes liegen dezentral im Gewässerschutzbereich Au», gab Schärer zu bedenken. Das Bafu berät den Bundesrat in allen Fragen des Umweltschutzes, beim konventionellen Gewässerschutz und beim Schutz vor radioaktiver Kontamination.

Soll die Verpackungsanlage für hochradioaktive Abfälle innerhalb oder ausserhalb der Standortregion realisiert werden? Auch das ist eine vieldiskutierte Frage, mit der sich die Regionalkonferenz Jura Ost derzeit befasst. Michaël Plaschy von der Alpig AG führte den zu langen Zeitplan als Hauptgrund dafür ins Feld, warum sich weder das Kernkraftwerk Gösgen noch Leibstadt als Standorte für eine Brennelemente-Verpackungsanlage (Beva) eignen. «Auch wenn die Nutzung von bestehenden nuklearen Orten an sich sinnvoll wäre.» Aus Sicht der Nagra ist die Realisierung der Verpackungsanlage beim Tiefenlager oder beim Zwischenlager in Würenlingen (Zwilag) am sinnvollsten, wie Olivier Moser darlegte. Es könnten so die meisten Synergien genutzt werden. So betreibe das Zwilag bereits eine Umladezelle für hochaktive Abfälle. Zudem würden unnötige Transporte zu neuen Standorten vermieden. «Letztlich dürften emotionale Gründe ausschlaggebend sein, ob die Anlage beim Absender oder beim Empfänger zu stehen kommt», meinte Ueli Müller, Präsident der Regionalkonferenz. In die Diskussion zu den vorgeschlagenen Oberflächeninfrastrukturen fliessen die Anliegen der Fachgruppen Oberflächeninfrastruktur und Sicherheit sowie jene von besonders betroffenen Organisationen und Einrichtungen wie Paul-Scherrer-Institut (PSI) oder Zwischenlager Würenlingen AG ein. Die Abgabefrist für die Stellungnahme ist vom Bundesamt für Energie (BFE) verlängert worden von Ende dieses Jahres auf das erste Quartal 2021. Dies weil als Folge der Corona-Einschränkungen Versammlungen und Sitzungen ausfallen mussten. Ziel ist dennoch, dass sie bis zur nächsten Vollversammlung am 3. Dezember (ebenfalls in Laufenburg) vorliegt. Dann können auch Anträge gestellt werden. «3D-seismische Daten und Bohrlochdaten sind Schlüsseldaten für den Standortvergleich», kam Meinert Rahn, Leiter Geologie beim Ensi (Eidgenössisches Nuklearsicherheitsinspektorat) auf die aktuellen Sondierbohrungen zu sprechen. Das Ensi hat die Aufsicht über die Bohrungen. Das Ensi ist im Gegensatz zur Nagra (Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle), die zu einem grossen Teil durch die Elektrizitätswirtschaft finanziert wird, eine politisch und wirtschaftlich unabhängige, staatliche Institution, die direkt dem Bundesrat unterstellt ist. Am Standort Bözberg-1 befindet sich der Bohrer bereits in rund 800 Meter Tiefe. Der Opalinuston, die Gesteinsschicht, in der das Lager dereinst zu liegen kommen soll, fand sich auf 530 Metern und ist über 100 Meter mächtig. Der Opalinuston habe die Fähigkeit, allfällig auftretende Störungen selbst abzudichten. «Denn natürlich wird es über einen Zeitraum von einer Million Jahr zu Lecks kommen, wichtig ist daher, wie das umliegende Gestein reagiert, damit so wenig wie möglich an die Oberfläche gelangt», so Rahn.

Ueli Müller konnte in der Stadthalle 56 von 98 Vereinsmitgliedern begrüssen. Fragen zu den Ausführungen der Experten wurden nur wenige gestellt.


Wo stehen wir?

Die Regionalkonferenz Jura Ost (Region Bözberg) vertritt im vom Bund geleiteten «Sachplan geologisches Tiefenlager» (SGT) die Interessen der Region. Das Sachplanverfahren regelt die Suche nach einem Standort für ein geologisches Tiefenlager für radioaktive Abfälle. Im 2019 hat Etappe 3 begonnen. Sie dauert voraussichtlich zehn Jahre. Von den ursprünglich sechs vorgeschlagenen Regionen befinden sich nach einem Einengungsprozess neben Jura Ost noch Nördlich Lägern und Zürich Nordost in der dritten und letzten Etappe: Die Nagra (Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle) befasst sich derzeit konkreter mit der Oberflächeninfrastruktur in den verbliebenen Standortgebieten und sammelt mittels Tiefbohrungen Daten aus dem Untergrund. Insgesamt hat sie acht Gesuche für das Standortgebiet Jura Ost eingereicht. Die Tiefbohrung Bözberg-1 (Vierlinden) ist seit dem 27. April in Betrieb, Bözberg-2 (Riedacker) seit dem 11. August. (sir)

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