Mit Bauernbrot zur Businessfrau

Sa, 16. Mai. 2020
«Hätte mir früher jemand gesagt, dass ich mal Bauernbrot backe, hätte ich ihn für verrückt erklärt», sagt Anita Sacher. Foto: zVg

Anita Sacher backt seit rund 25 Jahren Bauernbrot. Was mit einer Anfrage von Freunden begann, ist zu einem Erfolgsgeschäft mit treuer Stammkundschaft geworden.

Andrea Freiermuth

Donnerstag, 23 Uhr im Bachhüsli an der Rebgasse 10 in Zeiningen: Es ist wohlig warm und riecht nach frischem Teig kombiniert mit einem zarten Hauch von Rauch. Schon am Nachmittag um 15 Uhr hat Anita Sacher begonnen, den Ofen einzuheizen, vor einer Stunde hat sie zum letzten Mal Holz eingeschossen: Jetzt hat die Temperatur die gewünschten 260 Grad erreicht. Mit einem langen Schareisen stösst die 50-Jährige die Glut zur Rückwand des Ofens und platziert 20 Teigklumpen mit der Bäckerkelle direkt auf dem heissen Schamottstein. In einer Stunde wird die Fricktalerin sie wieder zum Vorschein bringen, als braun gebackenes knuspriges Bauernbrot.

Ein paar Kilo Bauernbrot für eine Geburtstagsfeier als Anfang
Seit rund 25 Jahren ist die ehemalige Postschalterangestellte und zweifache Mutter selbstständige Teilzeitbäckerin: «Hätte mir früher jemand gesagt, dass ich mal Bauernbrot backe, hätte ich ihn für verrückt erklärt», erinnert sie sich und lacht schallend. Sie habe als Kind das Industriebrot vom Grossverteiler dem Brot ihrer Mutter vorgezogen: «Bauernbrot war für mich normal und darum langweilig.» Erst im Erwachsenenalter sei ihr bewusst geworden, welches Privileg so ein frischgebackenes Brot aus dem Holzofen ist.

Begonnen hat alles mit einer Anfrage von Freunden, die ein paar Kilo Bauernbrot für ein Geburtstagfest wollten. Das Brot kam bei den Gästen so gut an, dass diese nach der Quelle fragten. Es trafen weitere Bestellungen ein. Und bald verkauften sich jedes Wochenende 16 Brote.

Das war im Jahr 1995 und Anita Sacher war damals Mutter einer Tochter. Sie hatte ihren Job bei der Post für die Familie an den Nagel gehängt, fühlte sich zu Hause aber etwas isoliert. Das Backen machte ihr Spass und die Wertschätzung der Bauernbrotfans tat ihr gut.

Ein neuer Ofen anstelle des Traktors
Als die Hobbybäckerin den Umsatz steigern wollte, machte der Ofen in der Küche ihrer Mutter nicht mit. Die dritte Ladung mit jeweils weiteren acht Laiben war zuviel für den alten Ofen. Anita Sacher brauchte einen grösseren Ofen, der die Hitze besser verteilen und speichern konnte. Platz gab es auf dem ehemaligen Bauernbetrieb ihrer Eltern genügend. Der Hafner im Nachbardorf baute den neuen Ofen dort, wo früher der Traktor ihres Vaters stand. So wurde die damals Mittzwanzigerin mit einer Anfangsinvestition von rund 20 000 Franken zur Jungunternehmerin.

Heute verkauft Selfmade-Bäckerin Sacher an einem Wochenende in der Regel 200 Laib Bauernbrot, 30 Zöpfe, 150 Speckbrötli und diverse Süsswaren wie Linzertorten, Brownies oder Studentenschnitten.

«Ich habe nie Werbung gemacht. Das war alles Mund-zu-Mund-Propaganda», erzählt sie vergnügt. Nicht mal eine Website hat das Bachhüsli. Umso mehr erstaunt, dass Anita Sacher ihre Kundschaft halten kann, obwohl sie inzwischen nicht mehr jede Woche, sondern nur noch am letzten Wochenende im Monat backt. Mit einem Post auf Facebook und dem Schild, das sie auf die Strasse neben dem Haus stellt, verkündet sie jeweils, dass das Bachhüsli wieder offen ist.

«Ich hatte in den vergangenen Jahren einige gesundheitliche Herausforderungen», erzählt sie. Erst eine «Frozen Shoulder» und dann noch eine Hüftoperation. Darum arbeite sie inzwischen wieder Teilzeit in einem Büro. Die Arbeit in der Backstube sei wahrscheinlich nicht der Grund für diese körperlichen Beschwerden, habe aber auch nicht gerade zur Genesung beigetragen.

Auch wenn das Bachhüsli immer wieder mal geschlossen blieb, die Kunden kamen stets zurück, sobald es wieder offen hatte.

Das Erfolgskonzept
Was steckt hinter dem Erfolgsrezept? Wie viele erfolgreiche Frauen spricht Anita Sacher erst bloss von Glück und Zufall. Gleichzeitig ist das Bewusstsein der Leute für Qualität gestiegen. Sacher sagt, sie lasse den Teig bis zu sechs Stunden gehen und verwende ausschliesslich Getreide aus IP-Produktion.

Erst beim Nachhaken erwähnt die tüchtige Geschäftsfrau, dass sie auch diverse Kurse im Backen belegt hat und stets offen für Kritik war: «So ein Holzofen ist launisch. Ich habe lange an der perfekten Kruste getüftelt.» Bäuerinnen, die etwas Ähnliches planen, rät die Unternehmerin: «Klein anfangen, Umfang und Sortiment langsam vergrössern, stets im Austausch mit der Kundschaft bleiben – und bei Bestellungen für Hochzeiten, Geburtstage und andere Feste Visitenkarten auflegen, um Neukunden zu generieren.»

Was Powerfrau Sacher nicht erwähnt, sind Energie und Ausdauer. Von beidem bringt sie mindestens so viel mit wie ein Marathonläufer: Am Donnerstagnachmittag setzt sie jeweils den Teig an und heizt den Ofen vor, von 18 bis 22 Uhr versucht sie zu schlafen und arbeitet dann bis am Freitag um 18 Uhr durch – um dann um 22 Uhr wieder aufzustehen und nochmals eine 16-Stunden-Schicht zu schieben.

Im Normalfall findet Backen und Verkauf im selben Raum statt: «Das Bachhüsli ist auch ein Treffpunkt. Manchmal wird es richtig eng hier drin. Darum habe ich, sobald es wieder warm wird, immer ein paar Tische und Stühle draussen.» Geplant sei demnächst ein Anbau mit einem zweiten Raum, wo dann auch Backkurse möglich wären. Anfragen dafür gibt es schon.

In Zeiten von Corona reichen Anita Sacher und ihre Gehilfin die Backwaren durchs Fenster. Zwischen ausrangierten Heuböcken haben die beiden ein Baustellenband gezogen und signalisieren den Kunden so, wie sie anstehen müssen. Viele Bäckereien leiden wegen dem Virus unter Umsatzeinbussen. Nicht so das Bachhüsli. Am Samstagabend wird Anita Sacher mehr verkauft haben als bei Normalbetrieb. Vor allem vom Süssen musste sie überdurchschnittlich viel produzieren. Am Sonntag wird sie am Telefon erzählen: «Es war sehr emotional. Die Leute standen geduldig an. Und viele bedankten sich, dass ich das Risiko eingegangen sei – das Bachhüsli gäbe ihnen ein Stück Normalität zurück.»

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