Die älteste Armee der Welt inmitten einer neuen Bedrohung

Sa, 23. Mai. 2020
Der Schweizer Gardist Romano Pelosi am Sankt Anna-Tor, dem Haupteingang zum Vatikan. Fotos: zVg

Wie die Schweizer Garde in Rom die Corona-Pandemie erlebt

Romano Pelosi, Schweizer Garde, Rom

Romano Pelosi, 23-jähriger Rheinfelder, dient seit Januar 2017 dem argentinischen Papst Franziskus bei der Päpstlichen Schweizergarde in der Vatikanstadt. Fast zwei Jahre lang hat er in der Kolumne «Espresso Romano» den NFZ-Leserinnen und Lesern über seinen Dienst und sein Leben als Schweizergardist in Rom berichtet: über die Präsidenten und Könige zu Gast beim Pontifex, die feierliche Vereidigung am 6. Mai oder die Touristenhorden aus aller Welt, die mit ihren immer selben Fragen neben dem Dienstgeschehen von den tapferen Schweizern manchmal viel Geduld forderten. Nun erzählt er den Lesern seine Erlebnisse über den «Lockdown», päpstliches Streaming und das Eldorado der Vatikanischen Gärten:

«Auch unsere kleine Welt ist nicht von Homeoffice, Streaming und der Flut an Desinfektionsmitteln verschont geblieben. Am 9.März wurde für Italien der totale «Lockdown», das Herunterfahren des gesamten öffentlichen Lebens, bekanntgegeben. An jenem Tag befand ich mich noch in Rheinfelden für einen kurzen Urlaub und musste plötzlich meine Rückreise in ein Land im Ausnahmezustand vorbereiten, einem abgeriegelten Land. Ein mulmiges Gefühl überkam mich beim Gedanken, dass ich in ein Rom im Kampf gegen einen unsichtbaren Feind zurückgehen musste. Wie geht es unserem Papst? Welche Massnahmen müssen wir als Schweizergarde ergreifen? Wie würde die Ewige Stadt ohne Touristen aussehen? Ehrlich gesagt war ich ziemlich neugierig. Zahlreiche verschiedene Fragen huschten mir zwei Tage später durch den Kopf, als mein Vater mich am 11.März zum Flughafen Zürich begleitet hat. Während der Fahrt horchten wir im Radio einer Mitteilung des WHO-Direktors, der das Coronavirus offiziell zur Pandemie ausgerufen hat. Zwei Kameraden haben mich am römischen Flughafen Fiumicino abgeholt: Als wir in Richtung Innenstadt gefahren sind, habe ich das wahre Ausmass der Tragödie erkannt. Die Strassen, welche sonst aus allen Nähten platzen, waren verlassen, die Rollläden sämtlicher Geschäfte heruntergelassen. Der Lockdown war vollzogen, die Menschen in Italien offensichtlich verängstigt. Eine Ironie des Schicksals habe ich erst später in den Wochen der verordneten Quarantäne (auch für uns Gardisten) entdeckt: Ein Rom ohne Touristen ist einfach gewöhnungsbedürftig. Zwar verlangen sie manchmal viel von uns ab, weil sie viele Fragen stellen, aber sie verleihen dem «Haupt der Welt» ihre berüchtigte Betriebsamkeit. Mir persönlich haben die Touristen gefehlt. Habe ich doch stets die Rom-Besucher verschiedener Herkunft während den langen Stunden des Dienstes gerne beobachtet und versucht sie anhand einiger Kriterien den Ländern unseres Globus zuzuordnen.

Im Vatikan thront über jedem Durchgang ein Papstwappen und zeugt von der wechselvollen Vergangenheit der katholischen Kirche. Plötzlich fügten sich an jeder Ecke Handdesinfektionsspender hinzu und mahnten daran, dass das mächtige Fundament der Kirche auch modernen Gefahren die Stirn bieten muss. Vor dem Vatikan-Supermarkt wurden in regelmässigen Abständen Striche auf den Boden gesprayt, um den berüchtigten einen Meter Abstand in der Warteschlange zu gewährleisten. Die Vatikanischen Museen und der Petersdom wurden geschlossen und der sonst so volle Petersplatz wurde beängstigend leer. Die Tätigkeiten der diversen Behörden und Dikasterien (Ämter der römischen Kurie) der Vatikanstadt und des Heiligen Stuhls wurden auf ein Minimum beschränkt.

Auch die päpstliche Agenda hatte Einschränkungen zu verzeichnen: Der Grossteil der Empfänge und Termine wurde abgesagt. Der Pontifex liess es sich nicht nehmen, den Kontakt mit der Aussenwelt trotz Isolation und Quarantäne aufrecht zu erhalten. Da die Pilger nicht zum Papst nach Rom zur Generalaudienz kommen konnten, gesellte sich der Heilige Vater nun eben zu ihnen nach Hause; und zwar via «Streaming». Am 8. März 2020 fand das erste Streaming-Angelusgebet in der Geschichte des Papsttums statt, live übertragen von Vatican Media aus der Privatbibliothek des Papstes im Apostolischen Palast. Am 11. März folgte die erste Generalaudienz in Streamingform.

Wie sah nun das Leben der Gardisten in der Kaserne aus?
Die neue Devise lautete: Mindestens einen Meter Abstand voneinander halten sowie oft und gründlich die Hände waschen. Die vatikanische Gesundheitsdirektion hatte die Richtlinien der italienischen Regierung bezüglich der Verhinderung der Ansteckung durch das Coronavirus übernommen. Auch die Schweizergardisten als stets vorbildliche Gemeinschaft hatten sich regelkonform zu verhalten, vor allem in den Örtlichkeiten des täglichen Zusammenlebens wie beispielsweise in der Kantine. Der Abstand zwischen den Sitzplätzen wurde vergrössert und in Bereichen der Küche und den Toiletten wurden die hygienischen Massnahmen verschärft. Ab Anfang Mai waren chirurgische Schutzmasken für den Dienst an den Eingängen zum Vatikan vorgeschrieben. Das Abstand halten hinderte uns Gardisten jedoch nicht daran, den Geist der Kameradschaft auch in Krisenzeiten zu pflegen. Aufmunterung und Fröhlichkeit sind in Zeiten der Isolation wichtiger denn je, Einfallsreichtum und Kreativität jedoch auch. Zahlreiche Kameraden entdeckten die Vatikanischen Gärten neu für sich: Die Einen, um sich einer spannenden Lektüre zu widmen, um in Ruhe die Italienischkenntnisse aufgrund der ausgefallenen Lektionen aufzubessern, und die Anderen um ihre eleganten Vespas am Leben zu halten oder um einfach nur im satten Grün zu flanieren. Die Vatikangärten wurde der neue Ort zum Verweilen der Gardisten und der übrigen Vatikanbewohner, während viele Italiener ausserhalb der vatikanischen Mauern in ihren engen Wohnungen dem Ende der Pandemie entgegeneiferten. Uns war es immer noch möglich unseren Dienst unter Beachtung all der vorgegebenen Schutzmassnahmen zu leisten, während die Italiener zuhause ausharren und hoffen mussten, ihren Job aufgrund der einsetzenden wirtschaftlichen Krise nicht zu verlieren.»

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