«Damit alle Pilger gesund ankommen»

| Mi, 13. Mai. 2020
Theo Weber vom Hornusser Pilger-Verkehrsdienst rät den Fricktalern: «Kommt mal mit zur Fusswallfahrt und erlebt das!» Foto: Birke Luu

Seit 30 Jahren ist es Theo Webers Aufgabe, bei der Fusswallfahrt von Hornussen nach Todtmoos im Schwarzwald für die Sicherheit der Pilger zu sorgen. Als Mitglied des Pilger-Verkehrsdienstes läuft er die ganzen 80 Kilometer mit und regelt dabei zusätzlich den Verkehr.

Birke Luu

Seit 30 Jahren gibt es in Theo Webers Agenda jährlich einen fixen Termin, und das ist die Fusswallfahrt von Hornussen nach Todtmoos im Schwarzwald. Sie findet jeweils zwischen Auffahrt und Pfingsten statt und erstreckt sich über zwei Tage und 80 Kilometer. Also am ersten Tag 40 Kilometer über Laufenburg bis in den bekannten deutschen Wallfahrtsort und am nächsten Tag dann wieder alles retour. Dabei verläuft die Pilgerstrecke ungefähr zur Hälfte auf normal befahrenen Strassen, wo dann Theo Weber und seine Kollegen vom «Verkehrstrupp» stark gefordert sind. «Wir sind einfach dafür da, dass alle gesund ans Ziel kommen und keine Unfälle passieren», beschreibt der 62-Jährige ihre Aufgabe. Doch so simpel ist es in der Realität dann doch nicht.

Sicher ans Ziel
Theo Weber und die anderen fünf ehrenamtlichen Mitglieder des wallfahrtseigenen Verkehrsdienstes, die an ihren gelben Sicherheitswesten gut zu erkennen sind, verteilen sich während des Marsches über die gesamte Länge des Pilgerzuges. «Der Vorauslaufende und der Hinterste warnen die Autos, dass wir da sind. Mit Handzeichen zeigen wir uns gegenseitig an, von wo die Fahrzeuge kommen und regeln dann die Überholmanöver», erläutert er. Dies sei nötig, da die Pilger in Zweierkolonnen auf der Strasse laufen und so jeweils nur Fahrzeuge aus einer Richtung die Fussgänger passieren könnten.

Am einfachsten sei sein Job auf den Waldstrecken, erzählt der Routinier, der die Wallfahrtsstrecke nach 30 Jahren beim Verkehrsdienst fast auswendig kennt. Auf Waldwanderwegen hätte er praktisch nichts zu tun und könnte auch mal mit den anderen Pilgern plaudern, doch auf Fahrstrassen müsse er für eine geordnete Pilgerreise sorgen, schliesslich seien bis zu 200 Personen unterwegs. Daher sei auch der Gesamtweg in festgelegte Abschnitte unterteilt: Strecken, auf denen der Rosenkranz gebetet werde, Strecken mit Schweigemarsch, beispielsweise beim Bergauf laufen, sowie Freimarsch-Strecken auf den erwähnten Waldwegen. Ein festes Programm für die Pilger, eine gute Planungshilfe für den Verkehrstrupp. Dieser hat kurz vor dem Ziel dann noch seine anspruchsvollste Aufgabe. «Auf dem letzten steilen Wegstück nach Todtmoos hinunter reihen sich Kurve an Kurve, und da wir dort immer am späten Nachmittag ankommen, herrscht viel Feierabendverkehr mit Bussen und Lastwagen», erzählt Theo Weber. «Da ist dann Action», beteuert er und ist froh, dass noch nie etwas passiert ist.

Doch warum nimmt man solche Anstrengungen überhaupt auf sich und das Jahr für Jahr?

Starke Verbundenheit
Die Fusswallfahrt nach Todtmoos entspringe einem alten Gelöbnis, das die Hornusser in grosser Dankbarkeit abgelegt hätten, als sich die Pest im 17. Jahrhundert nicht von Basel bis in ihr Dorf weiter ausgebreitet habe, weiss Theo Weber. Die Pilgerreise habe seitdem, mit Ausnahme der Weltkriegszeiten, jedes Jahr stattgefunden. «Eine gute Gelegenheit für Heimweh-Hornusser wie mich, alte Bekannte wiederzutreffen», lacht der mit Hornussen stark verbundene Speditionskaufmann, der allerdings seit ein paar Jahren in Oftringen bei Zofingen lebt. Schon als Kind sei er fünfmal mitgelaufen und sein Vater sei heute nach 40 Jahren Teilnahme auch noch immer dabei. «Man muss wohl Hornusser sein, um den Spirit dafür zu haben», versucht er seine Motivation zu beschreiben. Aber auch seine Aufgabe im Verkehrsdienst und die langjährigen Kollegen dort würden ihn jeden Frühling wieder ins Fricktal locken. «Ich habe gerne eine Aufgabe und bin ein nützlicher Teil dieser Wallfahrt», meint Theo Weber. Als er Anfang 30 war, habe ihn ein Kollege gefragt, ob sie diese Aufgabe nicht gemeinsam erfüllen wollten – «und seitdem machen wir das», lacht er. Obwohl er sich dabei auf jede dieser Wallfahrten gefreut hat, waren rückblickend gesehen doch diejenigen für ihn am schönsten, bei denen eines seiner Kinder mitgekommen ist. Die Fusswallfahrt ist eben auch ein Stück Hornusser Tradition, die seine Familie verbindet.

Mitreissende Erfahrung
Theo Weber ist kein strenger Katholik und will auch nicht sagen, dass ihn die Wallfahrt Gott näherbringe, aber dieses besondere Erlebnis tue ihm einfach gut, mache ihn glücklich. Obwohl er schon zwei Knie-Operationen hinter sich hat, möchte er solange es geht weiter mitpilgern. «Es sind immer Leute dabei, die solch eine Wanderleistung das restliche Jahr über nicht bringen, aber im Sog der anderen schafft man das dann», spricht er aus Erfahrung. Ihn selbst lasse zwar die Aufgabe beim Verkehrsdienst seine müden Beine vergessen, dennoch bereite er sich auf die Wallfahrt vor, gibt der Sportliche zu, der in seinem Leben viel Fussball und Tennis gespielt hat. «Ich mache vier- bis fünfstündige Wanderungen, um den Rhythmus und die Ausdauer für die Fusswallfahrt zu bekommen.» Und dennoch sei es nicht selbstverständlich am Ziel anzukommen, sei es jedes Mal wieder ein erfüllender und stolzmachender Moment, wenn die zehnstündige Tagesetappe geschafft sei – sowohl bei Ankunft in der Marienkirche von Todtmoos als auch wieder zu Hause in Hornussen. Der Rückweg sei dabei allerdings das «Dessert» der Pilgerreise, schmunzelt Theo Weber. Fast den gesamten Weg über gehe es nämlich bergab und bei gutem Wetter habe man immer die Alpen vor Augen.

Dieses Jahr nun, wer hätte es gedacht, fällt die Fusswallfahrt wegen Corona aus. «Das fühlt sich komisch an – mir fehlt etwas», ist Theo Weber traurig, denn bis zur nächsten Wallfahrt im Frühjahr 2021 sei es noch eine lange Zeit. Immerhin, da kann man sich sicher sein, ist dieser Termin bereits fix eingetragen in seiner Agenda. Und sollte Theo Weber in ein paar Jahren nicht mehr selbst mitlaufen können, so bleibt ihm noch die Möglichkeit, beim die Pilger begleitenden Fahrdienst mitzuwirken, wie dies sein Vater heute bereits macht.

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