Die Normalität ist etwas Besonderes

Fr, 03. Apr. 2020
Das normale grenzüberschreitende Leben ist zum Erliegen gekommen. Was machen wir, wenn die Grenzen wieder für alle geöffnet werden? Foto: Boris Burkhardt

Leitartikel zur Grenzschliessung

Valentin Zumsteg

«Wie geht es euch da drüben», fragt die Kollegin von der deutschen Zeitung. Sie hat angerufen, um sich in den Ruhestand zu verabschieden. Wir plaudern über Persönliches und kommen im Gespräch schnell auf das Thema zu sprechen, das derzeit alles dominiert: Die Corona-Krise und ihre Auswirkungen auf das tägliche Leben. Gerade unsere Grenzregion wird hart getroffen.

Politiker in den Hauptstädten Bern und Berlin können sich wahrscheinlich nicht vorstellen, was die jetzige Grenzschliessung für die Menschen am Hochrhein bedeutet. Egal, ob in Laufenburg, Stein-Säckingen oder Rheinfelden: Hier sind sich die Menschen gewohnt, jederzeit auf die andere Seite des Rheins zu gehen, um zu spazieren, einzukaufen oder auch nur um eine Runde zu joggen. Im Sommer schwimmt man gerne gemeinsam im Rhein und wenn Besuch von weiter weg da ist, spaziert man mit ihm stolz über die Grenzbrücke, um zu zeigen, wie unkompliziert das geht. Hier ist Europa seit Jahrzehnten gelebte Realität.

In normalen Zeiten ist der Grenzübertritt etwas Alltägliches; doch jetzt sind die Zeiten nicht mehr normal. Wegen Corona bleiben die Grenzen zu, streng kontrolliert von deutschen Bundespolizisten und Schweizer Grenzwächtern. Nur noch Grenzgänger und Leute, die ihren festen Wohnsitz auf der anderen Seite haben oder über den richtigen Pass verfügen, werden durchgelassen. Apropos Grenzgänger: Wir sollten den vielen Menschen aus dem Badischen und dem Elsass dankbar sein, die jeden Tag in die Schweiz einreisen, um im Gesundheitswesen, in der Lebensmittelproduktion oder in anderen Sektoren zu arbeiten. Der Arbeitsweg ist gerade momentan alles andere als angenehm, da die Grenzkontrollen scharf sind. Ohne all diese Arbeitskräfte könnten wir in der Grenzregion wohl die meisten Spitäler – und auch andere Betriebe – dicht machen. Ich zweifle, ob die Versorgung mit Lebensmitteln funktionieren würde, wenn die deutschen und französischen Mitarbeiter wegblieben. Deshalb: Danke liebe Grenzgänger, dass ihr trotzdem zu uns kommt und mithelft, die Krise zu bewältigen. Das ist nicht selbstverständlich.

Ein Ende der Grenzschliessung ist derzeit nicht absehbar. Aber irgendwann werden die Übergänge wieder geöffnet und wir können unser normales Leben – hüben und drüben – wieder aufnehmen; so hoffe ich zumindest. Werden wir diesen Moment feiern, gemeinsam darauf anstossen und Brückenfeste organisieren? Warum nicht? Grund genug gäbe es.

Die Krise hat uns die Augen für vieles geöffnet: Wir wissen nun, wie wichtig ein gutes Gesundheitswesen, funktionierende Institutionen und eine solidarische Gesellschaft sind. Künftig sollten wir auch die guten Beziehungen über den Rhein und den unkomplizierten kleinen Grenzverkehr wieder mehr schätzen. Denn wir merken jetzt, dass die bisher gelebte Normalität eigentlich etwas Besonderes ist. Und etwas, das wir gerne wieder zurückhätten.

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