Eine Art Pflichtverteidiger

So, 12. Jan. 2020
Zeit für Neues: Michael Pfisterer. Foto: Ronny Wittenwiler

Michael Pfisterer verlässt die offene Jugendarbeit Möhlin

Nach sechseinhalb Jahren ist Schluss. Michael Pfisterer blickt zurück auf das Engagement als Jugendarbeiter und auf seine Klientel, von der es seit Jahrhunderten heisst, dass sie im Heute schlechter ist als im Gestern.

Ronny Wittenwiler

«Man darf Jugendliche auch mal provozieren.» Das sagte Michael Pfisterer 2013 in einem Interview, kurz nachdem er in Möhlin seine Stelle als Jugendarbeiter angetreten hatte. Jetzt, sechseinhalb Jahre später, sitzt er auf der Couch im Jugendhaus und lacht, als er an die ihm damals gestellte Frage erinnert wird: Wie alt darf ein Jugendarbeiter sein, dass er von seiner Klientel noch ernst genommen und für genügend cool gehalten wird? Pfisterer sagte damals: «Ich werde es Ihnen sagen, wenn die Grenze erreicht ist.» Jetzt ist Pfisterer 47 und winkt ab: Nein, er sei nicht zu alt geworden. «Ich glaube, das physische Alter allein ist nicht entscheidend, sondern, ob man Bock darauf hat, mit den Jugendlichen zu arbeiten. Doch nun, nach zwanzig Jahren in der Jugendarbeit, wird es Zeit für Neues.»

Die Jugendlichen stärken
Ende Januar verlässt Pfisterer die offene Jugendarbeit Möhlin (JAM). Und was hat er erreicht? «So etwas lässt sich doch nur schwierig messen. Ich habe versucht, mit meinem Stil und meinem Engagement eine gute Jugendarbeit zu machen.» Die ganz grossen Worte packt er nicht aus, Eigenlob, so dünkt es, liegt ihm fern, doch sagt er nun: «Ich glaube, es ist uns gelungen, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich die Jugendlichen wohl und willkommen fühlen, und es ist uns gelungen, sie zu stärken und ihnen Unterstützung zu bieten.»

Bei seinem Amtsantritt 2013 wollte die NFZ von ihm aber auch wissen, ob die Jugend von heute denn schlechter sei als früher. Wenig anfangen konnte er mit dieser Frage – «wie ein Erwachsener hat auch jeder Teenager seinen eigenen Charakter», gab er sich diplomatisch. Und auch jetzt, bei seinem Abschied, wählt er Worte mit Bedacht. Es bringe nichts, mit oberflächlichen Urteilen auf die Jugend einzudreschen. «Wenn wir uns an unsere eigene Jugendzeit erinnern? Auch die Bravsten machten ihre Dinge und loteten Grenzen aus.»

Entsprechend habe er auch seine Arbeit nie mit erhobenem Zeigefinger ausüben wollen. Es scheint, als verabschiede sich mit ihm eine Art Pflichtverteidiger. Er wäscht die Jugendlichen nicht rein, keineswegs, er entbindet sie nicht von ihrer Verantwortung – aber mit seinen Worten steht er für ihr Recht ein, gehört zu werden.

Es sei ihm bewusst, sagt er, dass der Spielraum der Toleranz aufgrund gesellschaftlicher Erwartungen manchmal auf wackligen Beinen stehe. «Ich glaube aber, die Jugendlichen ernst zu nehmen und ihnen auf Augenhöhe zu begegnen, ist der einzige Weg, mit ihnen eine Beziehung aufzubauen, die sie auch trägt.» Wenn er sehe, wie gut es die jungen Menschen bereits mit ihren dreizehn, vierzehn Jahren im Möhliner Jugendhaus schafften, Konflikte untereinander auszudiskutieren und einigermassen eine Lösung zu finden, «dann finde ich das echt cool.» Wenn man die Welt gerade so anschaue, würden das andere selbst im Erwachsenenalter nicht schaffen.

Das Gespräch ist zu Ende. Wenige Minuten später werden die ersten Jugendlichen an diesem Mittwochnachmittag eintrudeln. Und Pfisterer macht sich wieder an die Arbeit. Schlussrunde.

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