«Sich auch mal mit einem Tablet beschäftigen»

Fr, 29. Nov. 2019
Früh übt sich: Auch im Kindergarten soll künftig mit digitalen Hilfsmitteln gearbeitet werden können. Foto: zVg

Ein Gespräch über ein bisschen Zeit am Computer – im Kindergarten

Der Aargauer Lehrplan kommt und damit wird der Kindergarten digital. Zumindest ein bisschen. Die NFZ fragte, wozu das gut sein soll. Ein Gespräch mit Möhlins Schulpflegepräsident Stephan Müller und Schulleiterin Priska Artico.

Ronny Wittenwiler

NFZ: Stephan Müller, vor über zwei Jahren wollten Gegner per Volksinitiative den Lehrplan 21 im Aargau verhindern. Ohne Erfolg. Wie haben Sie damals abgestimmt?
Stephan Müller:
Ich habe die Initiative abgelehnt, weil ich der Meinung war und es noch immer bin, dass der Aargau keinen Sonderzug fahren sollte. Für die Deutschschweiz sollte ein einheitlicher Lehrplan gelten.

Sie gingen zur Schule, als Bildungsreformen noch weniger um sich griffen. Ist aus Ihnen nicht trotzdem etwas Gescheites geworden?
Müller:
Natürlich. Das war eine andere Zeit. Sie war nicht derart schnelllebig. Wenn wir uns aber dem heutigen Wandel verschliessen, auch punkto Computertechnologie und soziale Medien, bleiben wir stehen. Für eine Bildung, die der heutigen Zeit entspricht, müssen wir die uns zur Verfügung stehenden Hilfsmittel nutzen und anwenden können.

Priska Artico, das Fach «Medien und Informatik» soll gemäss Lehrplan bereits ab  Kindergarten vermittelt werden. Was folgt als nächstes: Powerpoint-Präsentationen in der Spielgruppe?
Priska Artico:
Nein. Für den Kindergarten ist es aber eine Erweiterung der Möglichkeiten, wie sich Kinder neue Fähigkeiten erarbeiten können. Digitale Medien werden nie den konventionellen Unterricht ersetzen, sie ergänzen diesen bloss.

Kinder im Alter von vier, fünf Jahren sollten lernen, wie man eine Schere richtig hält.
Artico:
Sich allein anziehen können, eine Schere, einen Stift halten, selbstständig werden, solche Grundkompetenzen bleiben. Daran wird sich nichts ändern. Das Modul «Medien und Informatik» auf Ebene Kindergarten funktioniert integrativ und ist bloss eine Option mehr. Einfach gesagt: Neben dem Spielhaus und der Klötzli-Ecke wird es neu die Möglichkeit geben, sich auch mal mit einem Tablet zu beschäftigen.

Wie stehen die Kindergärtnerinnen dazu?
Artico:
Die Lehrpersonen im Kindergarten stehen dem offen gegenüber. Für sie ist klar, dass «Medien und Informatik» ein Teil werden soll. Es geht auch darum, zu vermitteln, wie man Medien bewusst und verantwortungsvoll einsetzt.

Also gab es keine Widerstände?
Artico:
Mir ist nichts bekannt. Bei der Überarbeitung unseres Konzepts für das Fach «Medien und Informatik» waren von jeder Stufe und von jedem Schulhaus Lehrpersonen dabei. Deswegen glaube ich, dass die nun vorliegende Basis von der Lehrerschaft auch getragen wird.

Stephan Müller, letztlich ist der Aargauer Lehrplan beschlossene Sache. Was, wenn Möhlins Stimmbürger den Kredit von 825 000 Franken für die Umsetzung des Fachs «Medien und Informatik» ablehnen?
Müller:
Natürlich würde deswegen die Schule nicht geschlossen. Wir könnten zwar unterrichten, nicht aber nach Vorgaben des Lehrplans. Irgendwann dürfte wohl das Bildungsdepartement intervenieren, weil wir den geforderten Standard nicht erfüllen würden.

Welche Note geben Sie dem Aargauer Lehrplan?
Müller:
Ich glaube, eine Note kann man nicht geben.

Warum?
Müller:
Es wäre falsch, zu sagen, wir geben dem Lehrplan nun eine Fünf oder eine Vier.

Wollen Sie es nicht sagen oder können Sie es nicht sagen?
Müller:
Ich kann es nicht sagen.

Ein «Gut» war zu meiner Zeit in der Schule eine Fünf, genügend eine Vier. Ist der Lehrplan jetzt gut oder genügend?
Müller:
Ich finde ihn gut. Der Lehrplan bildet die heutige Gesellschaft und den gesellschaftlichen Wandel ab. Er ist ein grosser Schritt in die Zukunft. Aber komplett neu, müssen wir ihn über die kommenden Jahre zuerst gestalten. Wir müssen Erfahrungen sammeln und je nachdem an gewissen Stellen nachbessern.

Priska Artico, der Lehrplan ist eine Chance und keine Belastung?
Artico:
Er ist eine Chance, weil er einen Prozess auslöst. Dieser Prozess führt zu Veränderungen und jede Veränderung ist auch eine Belastung. Das ist sicher so. Der Lehrplan wird nicht von heute auf morgen umgesetzt. Wir geben uns Zeit, aber wir starten jetzt.

Wer versteht das Handwerk am Computer besser: Sie oder Ihre Kinder?
Artico:
Das kommt darauf an. Bei den Anwendungsprogrammen kommt immer mal wieder das Mami zum Zug. Bei gewissen Dingen sind die Kinder aber viel schneller, mit dem iPhone etwa. Ich glaube, wir alle können voneinander lernen. Genau das kann nun auch im Schulzimmer stattfinden.

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Kommentare

Kompliment an den Journalisten für die kritischen Fragen. Ich bin eher skeptisch gegenüber einer zu starken Digitalisierung der Bildung, vor allem für die ganz Kleinen. Sie werden keine Mühe haben, die modernen Kommunikationsmittel zu nutzen. Die Schule sollte ein Ort sein, wo man Grundfertigkeiten und Sozialkompetenz einübt. Gute Lehrkräfte werden aber das richtige Mass für den Einsatz der digitalen Mittel finden. Weniger kann hier besser sein als mehr.

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