Aus tiefster Überzeugung

  12.01.2019 Rheinfelden

Tapfer und treu: ein junger Gardist erzählt

Der Rheinfelder Romano Pelosi, 21, Schweizer mit italienischen Wurzeln, steht seit zwei Jahren im Dienste des Papstes. Im grossen Interview spricht er über sein Leben im Vatikan.

Ronny Wittenwiler

Pelosi macht weiter. Dort, in dieser ureigenen Welt, geheimnisvoll, mächtig, voller Traditionen. Der junge Fricktaler steht im Dienst der Schweizergarde im Vatikan, er hat den Eid geschworen, tapfer und treu – acriter et fideliter – dem Papst zu dienen, ihn und sein Leben zu beschützen. So, wie das alle Schweizergardisten seit über fünfhundert Jahren tun. Die kleinste Armee der Welt inmitten des katholischen Epizentrums, dieses Corps päpstlicher Gefolgschaft, ist kein Jekami. Männlich müssen Anwärter sein, zwischen 19 und 30 Jahre alt, über eine abgeschlossene Berufsausbildung oder Matura müssen sie verfügen, mindestens 174 Zentimeter gross müssen sie sein, militärdiensttauglich, ledig und – nicht zu vergessen: katholisch, was sonst.

Das Gymnasium und die Rekrutenschule abgeschlossen, trat Romano Pelosi seinen Dienst vor zwei Jahren an. An seinem Leben als Schweizergardist im Vatikan liess er die NFZ-Leser in seiner Kolumne «Espresso Romano» regelmässig teilhaben. Worin gründet diese Faszination? Ist es allein dieses Bestreben, Teil einer Geschichte zu werden, die am 22. Januar 1506, dem Gründungstag der Päpstlichen Schweizergarde, begonnen hatte? Ist es vielleicht der eigene Glaube? Aus dem Treffen mit Pelosi ist ein fast zweistündiges Gespräch geworden.

Faszination Vatikan
Pelosi sah sie alle kommen und gehen. Staatsoberhäupter, Prinzen, Sänger, Filmstars. Alle waren sie dort, im Vatikan. Ein kurzes Gespräch mit dem damaligen Bundespräsidenten Alain Berset. Eines mit Doris Leuthard, heute alt Bundesrätin, anlässlich der Vereidigung. Stolz schwingt mit, durchaus, und doch, so scheint: Da ist mehr. Der Schweizergardist tut das nicht wegen ein paar grossen Namen. Höchstens für einen einzigen. «Ich habe ihm meine Treue geschworen», sagte Pelosi während des Interviews. Wen er damit gemeint hat, es ist klar. Seine offizielle Dienstpflicht hat er nun, nach zwei Jahren, erfüllt. Doch Pelosi macht weiter. Hängt nochmals ein Jahr an. Dort in dieser ureigenen Welt des Vatikans, geheimnisvoll, mächtig, voller Traditionen.


«Nein, es gäbe kein Zögern»

Ein Leben für den Papst

Seit zwei Jahren im Dienst der Schweizergarde: Der Rheinfelder Romano Pelosi über Gott, dessen Stellvertreter auf Erden und die Welt im Vatikan.

Ronny Wittenwiler

NFZ: Romano Pelosi, nur Katholiken können Gardisten werden. Muss man auch zwingend gläubig sein?
Romano Pelosi:
Ich finde, ein Mindestmass an Auseinandersetzung mit unserem christlichen Glauben sollte vorhanden sein, um diesen Dienst professionell zu leisten. Die Kameradschaft, die Gemeinschaftlichkeit: Wir Gardisten stehen ja durchaus für christliche Werte. Es braucht aber keine extreme Frömmigkeit.

Woran glauben Sie?
Ich glaube an Christus, den Mensch gewordenen Erlöser.

Der Glaube wird oft missbraucht, um Kriege zu führen.
Ich halte es mit dem Theologen Hans Küng: kein Weltfriede ohne Religionsfrieden.

Was muss sich ändern?
Religion hat zum Zweck, dem Menschen zu dienen. Wir müssen uns dieses Potenzial des Glaubens in seiner Gesamtheit wieder in Erinnerung rufen, statt Religionen gegeneinander aufzuhetzen. Nicht eine Religion ist besser als die andere. Wir sind alle Brüder im Glauben.

Kommen Sie im Vatikan oft in Kontakt mit Menschen anderer Religionen?
Ja. Viele dieser Menschen zeigen sich sehr interessiert. Leider macht sich aber generell auch eine Verdrängung des sakralen hin zum säkularen Tourismus bemerkbar. Es geht nur noch um die Sensationsgier, viele Besucher wissen nicht, wie man sich in einem Gotteshaus benimmt. Mit dieser Ignoranz habe ich Mühe.

Als Schweizergardist legten Sie einen Eid ab, für den Schutz des Papstes gar Ihr eigenes Leben hinzugeben. Wie gehen Sie damit um?
Attentate wie zuletzt in Strassburg lassen einen nicht unberührt. Dass der Vatikan ein potenzielles Ziel sein kann, dessen sind wir uns bewusst. Mit der Routine versuche ich das ein wenig zu verdrängen. Und auch wenn das jetzt idealisierend klingt: Man leistet diesen Eid immerhin für den Heiligen Vater. Nein, es gäbe kein Zögern.

Ist nicht jedes Leben gleichwertig?
Die Würde des Menschen ist unantastbar. So sieht es auch der christliche Glaube. Doch den Papst beschützen zu dürfen, und das seit fünfhundert Jahren, ist für einen Gardisten ein Privileg. Es erfordert diese innere Zusage, darauf werden wir vorbereitet, auch mental. Dieser Eid stärkt einen auch persönlich. Es wird wohl das einzige Mal in meinem Leben sein, dass ich einen Eid aus tiefster Überzeugung ablege.

Kommt es punkto Sicherheit oft zu gefährlichen Situationen?
An den Eingängen zum Vatikan arbeiten wir eng mit anderen Sicherheitsorganen wie Militär und Polizei zusammen. Bei solchen Kontrollpunkten kann es zu Stresssituationen kommen.

Das heisst?
Häufig geht es um psychisch instabile Personen mit aggressivem Verhalten. Da gilt es, ruhig zu bleiben. Auch bei Menschenansammlungen mit Tausenden auf dem Petersplatz kann es zu Diskussionen kommen, weshalb es an bestimmten Orten kein Durchkommen gibt. In raren Fällen versuchen einzelne Personen, einen Kontrollposten zu durchbrechen. Wir sind darauf geschult, auf solche Situationen zu reagieren.

Tragen Sie Waffen auf Mann?
Dass wir Schusswaffen besitzen, kann man auch auf Wikipedia nachlesen. Wie wir im Detail organisiert sind, darüber dürfen wir aus sicherheitstechnischen Gründen nicht sprechen.

Aber wenn man so will: Die Schweizergarde ist fähig, den Papst zu beschützen und das nicht mit der Hellebarde.
Richtig (lächelt). Zu unserer Ausbildung gehört auch der unmittelbare Personenschutz. Wir begleiten den Papst auf Auslandsreisen, in zivil mit Anzug und Krawatte. Die Uniform mit Hellebarde hingegen dient der Repräsentation, gehört zum Ehrendienst und ist halt dieses Folkloristische. Die Uniform ist Teil unserer Identität, unserer Geschichte.

Sie tragen sie gerne?
Ja. Sie tragen zu dürfen, ist ein besonderes Gefühl. Auch wenn es nicht immer einfach ist. Im Sommer ist es heiss, im Winter kalt.

Was tragen Sie aktuell drunter?
Thermounterwäsche. Nach drei Stunden wird es trotzdem kalt.

Wieviel verdienen Sie?
Wir sind an Diskretion gebunden, was konkrete Zahlen anbelangt. Wenn auch nicht mit dem Schweizer Standard vergleichbar, so reicht es doch, um in Rom gut über die Runden zu kommen. In Zeiten ohne viel Freizeit reicht es gar, um ein wenig zur Seite zu legen.

Wer überweist Ihnen den Lohn?
Wir werden vom Heiligen Stuhl bezahlt, dem Verwaltungsorgan der Katholischen Kirche. Andere Einrichtungen im Vatikan wie etwa Gärtner oder Pöstler werden von der zivilen Verwaltung besoldet.

Bei der Vereidigung reichte Ihnen der Papst die Hand. Sie kommen ihm auch sonst sehr nahe?
Das ist so.

Sie schieben quasi Dienst vor seinem Schlafzimmer?
Darüber, wie er lebt, dürfen wir ebenfalls aus Sicherheitsgründen nicht viel sagen. Aber es gibt Dienstaufgaben, da ist man dem Papst extrem nah. So, wie wir jetzt einander gegenübersitzen. Diese Präsenz macht mich glücklich. Er grüsst dich, reicht dir die Hand oder wünscht dir einen guten Tag. Ihm so nah in die Augen schauen zu dürfen, ist mir Lohn genug.

Sie sehen ihn als Vorbild für die Welt?
Ja, das tue ich. Mit seiner Bescheidenheit, seiner Einfachheit bricht er mit vielem, diesem Höfischen.

Das ist nicht aufgesetzt, um bloss das Image der Kirche polieren zu wollen?
Ich glaube, auf so einer grossen Bühne wäre es schwierig, solches nur zu spielen. Er verzichtet auf das traditionelle goldene Brustkreuz, trägt einfache Schuhe, fährt im Gegensatz zu seinem Vorgänger einen kleinen Ford statt Mercedes, bewohnt ein Gästehaus, statt im apostolischen Palast zu logieren. Er setzt Zeichen. Eine arme Kirche für die Armen – er lebt das authentisch, wir sehen das täglich.

Hat der Dienst im Vatikan Sie verändert?
Ich denke, ja.

Inwiefern?
Als Gardist wirst du geschult im Umgang mit Würdenträgern. Aber auch in Bezug auf den christlichen Glauben lernst du dazu: nicht werten, alle Menschen gleich behandeln. Diese Weltkirche in Rom, man ist da mittendrin, dieser Mix mit Menschen aus so vielen Kulturen, das formt dich, das formt deinen Charakter – schwierig zu erklären.

Sind Sie ein besserer Mensch geworden?
Ich hoffe es. Es sollte immer unser Bestreben sein, ein besserer Mensch zu werden.

Könnten Sie sich Frauen in der Schweizergarde vorstellen?
Die Frage ist delikat. Die Tradition der Schweizergarde ist zwar uralt, aber sie hat etwas Starkes. Die Schweizergarde ist nun mal ein traditionelles Männercorps.

Langweilen Sie generell die immer wieder gestellten Fragen nach Gleichberechtigung in der Katholischen Kirche?
Solche Themen sind halt populär, und als Gardist versuche ich mich dabei in Diplomatie. Ich glaube, als persönliche Leibwächter des Papstes steht es uns nicht zu, Entscheidungen der Katholischen Kirche oder des Heiligen Vaters zu werten. Unsere Aufgabe ist die Sicherheit. Ich habe dem Papst die Treue geschworen und bin ihm zu Gehorsam verpflichtet.

Im Kontext als Gardist scheint mir das eine professionelle Antwort. Und doch: gefragt als Privatmann?
Das Thema der Frauenordination ist ein riesiges Thema. Diese Welt ist dauernd in Bewegung, dauernd wird sie Veränderungen unterzogen, das kann auch belastend sein. Es ist eine moderne Krankheit, auf jegliche Fragen nach dem Warum und Wieso immer eine Antwort finden zu wollen. Gewisse Dinge sind einfach so, wie sie sind. Zum Beispiel, dass in der Katholischen Kirche nur Männer in gewisse Ämter berufen werden. Das zu ändern, wäre eine Rückwärtsbewegung.

Inwiefern?
Ich glaube, ein derart gewaltiger Bruch mit Traditionen würde eine tiefgreifende Glaubenskrise innerhalb der Katholischen Kirche auslösen, im sakralen und liturgischen Bereich. Mir ist bewusst, dass viele das Thema mit Gleichberechtigung gleichsetzen. Aber wir leben längst nicht mehr in Zeiten der Hexenverbrennungen. Der Heilige Vater hievt übrigens immer wieder Frauen in Leitungspositionen. Die Direktion der vatikanischen Museen zum Beispiel besetzt eine Frau. Aber nochmals: Es steht mir nicht zu, Meinungen oder Strömungen zu liefern, und ich bin auch kein Theologe.

Zum Schluss: Weshalb würden Sie jungen Schweizern empfehlen, in den Dienst der Schweizergarde einzutreten?
Der Dienst ist eine einmalige Erfahrung, in einem hochspannenden Umfeld. Der Vatikan, Rom, Italien – diese Erfahrung lässt dich reifer werden. Und du lernst in der Garde Menschen kennen, die du bis an dein Lebensende nie vergessen wirst.

Infos rund um die Schweizergarde hier: www.guardiasvizzera.va www.messmerpm.ch/paepstlicheschweizergarde


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