Ein Stück Selbstbestimmung zurückgeben

Sa, 17. Nov. 2018

Eindrucksvoller Einsatz zweier Fricktaler auf Lesbos

Der Verein «One Happy Family» führt auf der griechischen Insel ein Center mit und für Flüchtlinge. Carla und Gian-Luca Baumgartner aus Laufenburg halfen ein paar Wochen mit.

Susanne Hörth

Über 7000 flüchtende Menschen sitzen zurzeit auf der griechischen Insel Lesbos fest. Und es werden täglich mehr. In den beiden restlos überfüllten Camps Moria und Kara Tepe warten die Flüchtenden auf Bescheide zu ihren Asylgesuchen. Dass dauert zum Teil sehr lange. «Manche Leute sind schon seit zwei Jahren auf der Insel», sagt Gian-Luca Baumgartner. Der 27-Jährige und seine 23-jährige Schwester Carla Baumgartner sind vor kurzem von einem vierwöchigen Freiwilligeneinsatz auf Lesbos zurückgekehrt. Ein Einsatz, der ihnen unter anderem einen Eindruck in die teils katastrophalen Zustände in den Camps vermittelt hat.

Das Laufenburger Geschwisterpaar hat aber nicht in den Camps gearbeitet, sondern im «One-Happy-Family-Center». Einem Ort, an dem die Asylsuchenden täglich die Möglichkeit erhalten, für einige Stunden aus dem tristen Camp-Alltag auszubrechen. Dafür steuern sie auch aktiv ihren Teil bei. Sie beteiligen sich bei den verschiedenen Projekten, bringen neue Ideen ein und helfen bei deren Umsetzung. Hinter dem Community-Center steckt der Schweizer Verein «One Happy Day». Sein Motto ist «mit ihnen, statt für sie». Bei ihrem Volonteer-Einsatz haben die jungen Leute aus dem Fricktal auch Menschen kennengelernt, die nach anfänglicher Zurückhaltung ihre teils sehr traurigen Geschichten erzählten. Im Center können sie ihre Sorgen für ein paar Stunden loslassen, so Carla Baumgartner. Sie erzählt vom Lachen der Kinder, wenn diese zum Spielen kommen. Gian-Luca erinnert sich gerne an die Plauschwettkämpfe auf dem Sportplatz. Wer möchte, kann sich kreativ betätigen, Sprachen lernen oder dabei mithelfen, den Bildungsrückstand bei den Kindern etwas aufzuholen.

Möglich ist das alles nur durch die finanzielle Unterstützung von privaten Spendern. Und hier möchten Carla und Gian-Luca Baumgartner auch von der Schweiz aus weiterhin mithelfen, damit auf Lesbos der triste Camp-Alltag der flüchtenden Menschen durch ein paar unbeschwerte Momente im Center aufgeheitert wird.


Ein Lichtblick im Flüchtlingsalltag

Der Schweizer Verein «One Happy Family» hat auf Lesbos ein Center für die Menschen aus dem Flüchtlingscamp Moria aufgebaut. Wie sehr das Center bei den flüchtenden Menschen willkommen ist, erfuhren Carla und Gian-Luca Baumgartner bei einem Freiwilligeneinsatz.

Susanne Hörth

Es sind immer wieder die gleichen Bilder: Zusammengepferchte Frauen, Männer und Kinder in restlos überfüllten, kaum noch seetüchtigen Schiffen, die auf offenem Meer treiben. Bilder, die man zwar in ihrer schier unfassbaren Tragödie wahrnimmt, aber gleichzeitig auch gerne ausblendet. Die Häufigkeit der sich immer wieder bis ins letzte Detail gleichenden Fotos, trotz stets wechselnder Akteure, stumpft hierzulande teilweise ab. «Dann hört man auch, dass die Zahl der Asylgesuche tendenziell abnimmt», so Carla Baumgartner. «Dabei sitzen die Leute woanders fest.» Sie selbst sitzt beim Gespräch mit der Journalistin zusammen mit ihrem Bruder Gian-Luca Baumgartner am Tisch in der Wohnung der Mutter in Laufenburg.

Die Geschwister sind noch erfüllt von den Erlebnissen, welche zwar bereits ein paar Wochen zurückliegen, in ihrer Eindrücklichkeit aber nichts an Kraft verloren haben. Die Beiden waren einen Monat lang an jenem Ort, an welchem viele Menschen nach ihrer gefährlichen Seefahrt stranden: in Lesbos. Auf der griechischen Insel befindet sich das staatliche Lager Moria. Ausgelegt ist es für 3000 Personen, aktuell leben hier 7500 Menschen. «Privatsphäre gibt es keine. Wer Glück hat, ist in einem fensterlosen Container mit bis zu zehn anderen Personen einquartiert. Draussen, um die Olivenbäume herum, sind Blachen aufgespannt. Das ist die Unterkunft für viele Familien mit kleinen Kindern. Manche, die es im Camp nicht aushalten, leben im Ort selbst auf Kartons.» Gian-Luca Baumgartner zeichnet mit seinen Worten ein trauriges Bild. Es drückt auch die Hoffnungslosigkeit der zum Warten Verurteilten im Camp aus. «Manche sind schon zwei Jahre hier», sagt Carla Baumgartner. Ihr Bruder ergänzt: «Wie weit ihre Asylgesuche bearbeitet sind, was weiter geht, wissen die meisten nicht.» Das Camp-Leben ist von Entbehrung, fehlender Hygiene, aber auch von Gewalt und Unterdrückung geprägt. Damit werden viele der Frauen, Kinder und Männer, die schon in ihrem Heimatland und auf der Flucht Traumatisches erleben mussten, erneut mit solchen Situationen konfrontiert. Depressionen bleiben nicht aus.

Ein Stück Selbstbestimmung zurückgeben
Das Schicksal dieser Menschen beschäftigt Carla Baumgartner sehr. Wie kann sie helfen, was kann sie tun, um etwas Linderung zu verschaffen. Durch die sozialen Medien erfährt sie vom schweizerischen, nicht gewinnorientierten Verein «One Happy Family». Auf Lesbos führt dieser seit 2016 ein Center, in welchem die Menschen täglich dem Camp-Dasein für ein paar Stunden entfliehen können. Dem Motto «mit ihnen, statt für sie» entsprechend, gestalten die Flüchtlinge den Alltag im Center aktiv mit. Schule und Spielplatz, Outdoor-Küche (bis zu 1000 Mittagessen pro Tag), Sportplatz mit Gym, Frauenhaus oder Shop – diese und viele weitere Projekte sind auf Anregungen und gemeinsam mit den flüchtenden Menschen entstanden.

Rund eineinhalb Stunden Fussweg ist das Center vom Camp Moria entfernt. «Den dreistündigen Weg hin und zurück nehmen täglich rund 700 Asylsuchende auf sich», macht Gian-Luca Baumgartner deutlich, wie sehr das Angebot geschätzt wird. Viele dieser Menschen haben die 23-jährige Carla und ihr 27-jähriger Bruder Gian-Luca während ihres Volonteer-Einsatzes im One-Happy-Family-Center kennenlernen dürfen. Staunend erleben sie, dass trotz der teils schlimmen Erlebnisse in der Vergangenheit sowie der unsicheren Zukunft eine zufriedene Stimmung im Center herrscht. Da wäre etwa der Coiffeur, der glücklich ist, dass er mit seinem erlernten Handwerk anderen Leuten eine Freude bereiten kann. Carla Baumgartner erzählt von den Kindern, die in abgetragenen, schmutzigen Kleidern kommen. In Schuhen, die schon den ganzen

Sommer lang an ihren, mittlerweile deutlich riechenden Füsschen stecken. Es sind Mädchen und Buben, die einfach ein paar fröhliche Stunden lang ein von Juchzen und Lachen begleitetes Spielen geniessen. Ältere Kinder werden sanft auf einen etwas besseren Bildungsstand gebracht. Auf dem Sportplatz werden regelmässig über alle Nationen und Sprachen hinweg Plauschturniere ausgetragen. Mittendrin die Volonteers, die dort helfen, wo es gerade etwas zu tun gibt. Und Betätigungsraum gibt es zuhauf.

Bevor ein Volonteer zu einem Einsatz nach Lesbos reist, wird er in einem Interview mit den Vereinsverantwortlichen erstmals darauf aufmerksam gemacht, was ihn oder sie auf der griechischen Insel erwartet. Auch müssen sie sich bewusst sein, dass es im Center keine Helfer-Hierarchie gibt. Man begegnet sich auf Augenhöhe mit den Flüchtlingen, jeder ist gleichwertig. Den Asylsuchenden soll ein sicherer Ort geboten werden, an dem sie sich als das, was sie sind – vollwertige Menschen – ernst genommen fühlen, sie sich betätigen und sie einen Moment lang ihre Verzweiflung vergessen können.

Ohne Geld geht es nicht
Der schweizerische Verein «One Happy Family» finanziert sich vollumfänglich aus privaten Spenden. Jeder Rappen soll in die Projekte im Center fliessen. So haben auch Carla und Gian-Luca Baumgartner ihre Reise, ihren Aufenthalt, selbst das tägliche Essen aus eigener Tasche bezahlt. «Das ist auch richtig so», sind beide überzeugt. Es ist, wie ihr Einsatz in Lesbos, Teil ihres Beitrages an ein wenig mehr Menschenwürde für die Leute in den Flüchtlingslagern. Nein, schütteln an dieser Stelle beide den Kopf. Im Lager drinnen waren sie nicht. Nur ausserhalb. Es sei gefährlich und auch nicht erlaubt, hineinzugehen. Was sie aber von aussen gesehen und gerochen haben, macht fassungslos. «Überall türmen sich Abfallberge. Fäkalien liegen herum. Es stinkt furchtbar», sagt Carla Baumgartner leise. «Als wir hier gestanden sind, wurde mir noch mehr klar, warum die Leute täglich den langen Weg zum Center zurücklegen», betont ihr Bruder. Sie sagt: «Mir half es, dem Kleinen, dem Schönen im Center, wie etwa das Zusammensein mit den Kindern noch mehr Bedeutung zu geben.»

Diese kleinen Momente des Loslassens vom schweren Camp-Alltag ist das, was bei «One Happy Family» möglich gemacht wird. Ohne Geld geht es aber nicht. Zurück in der Schweiz möchten die Geschwister Baumgartner deshalb zum Spenden aufrufen. Gian-Luca hat dazu auch schon an einem Sponsorenlauf teilgenommen, Carla bereitet sich auf die Weihnachtsaktion vor. «Es wird auch auf Lesbos kälter. Heizungen gibt es nicht.» Aufwärmen in vielerlei Hinsicht können sich die flüchtenden Menschen auf Lesbos täglich im Center.


www.ohf-lesvos.org
Spenden: BEKB | BCBE, 3011 Bern
BC/Clearing Nummer: 790
BIC/SWIFT Nummer: KBBECH22
IBAN: CH23 0079 0016 9736 1524 7.
Momentan läuft zudem ein Voting für den Caritas-Award (https://www.caritas.ch/de/ abstimmung-youngcaritas-award-2018.html

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