Ein Familienschicksal

Mo, 15. Okt. 2018

Die Spanische Grippe: ein Fricktaler Familienschicksal

Auswirkungen von Krankheit und Not in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Der Lebenslauf einer Magdnerin, von ihr selbst verfasst und hier auszugsweise wiedergegeben, steht stellvertretend für viele ähnliche Schicksale und vermittelt ein Bild von den Sorgen und Nöten der Anfang 20. Jahrhundert geborenen Generation.

Werner Rothweiler

«Mein Vater war von Magden, meine Mutter aus dem Freiamt, aus einer grossen Dachdeckerfamilie. Ich war das vierte von insgesamt zwölf Kindern, von denen drei schon bald nach der Geburt starben. Mein Vater arbeitete im Rheinfelder Wald. Nebenbei hatten wir noch Landwirtschaft. 1914 brach der Erste Weltkrieg aus; ich war in der ersten Klasse. Mein Vater musste einrücken und war viel in der Gotthard-Festung in Airolo; er konnte wenig nach Hause kommen. Wir Kinder mussten viel arbeiten. Ich hatte noch zwei ältere Schwestern. Wir bekamen wenig Unterstützung. Ich glaube, es waren etwa Fr. 2.50 im Tag. Es gab auch Lebensmittelkarten. Es wurde nicht so viel rationiert wie im Zweiten Krieg. Da wir kein Vieh im Stall hatten, waren immer Soldaten in Scheune und Stall. Hie und da war die Feldküche bei uns, dann schaute immer etwas heraus. Als der Krieg nach vier Jahren zu Ende war und Vater krank nach Hause kam, brach Anfang Winter die böse Grippe aus. Wir hatten sie alle. Vater wurde gleich ins Spital nach Rheinfelden gebracht, wo er nach drei Tagen verstarb – ein schwerer Schlag für uns. Er war ein grosser Mann und strotzte vor Gesundheit. In der gleichen Woche starben auch mein elfjähriger Bruder sowie mein drei- und mein einjähriges Schwesterchen – alle vier in der gleichen Woche. Acht Tage vor Weihnachten waren alle begraben. Ich war die einzige, die trotz Krankheit arbeitete, jemand musste ja die Arbeit tun. Wir hatten von einer bekannten Familie von Rheinfelden eine junge Tochter, die etwas von Krankenpflege verstand. Wir mussten ihr für die Woche 120 Franken bezahlen, für uns ein Vermögen. Ein junger Mann kam noch zu uns, um die schwerste Arbeit zu machen. Er trug die toten Kinder aus dem Haus. Es gab viel zu tun bei vier Todesfällen. Von da weg konnte Mutter nicht mehr aufstehen, da sie so furchtbare Herzanfälle bekam. Sie hatte das Bett nicht mehr verlassen bis im August. Ich stand am Stubenfenster, als mein Vater begraben wurde. Der Totenwagen von Rheinfelden stand vor dem Haus mit einem Kranz von der Forstverwaltung von Rheinfelden.

Wir waren, als der Krieg zu Ende war, neun Kinder. Vater und drei Kinder starben, Mutter war schwer krank und sechs Kinder waren es noch. Keine Hilfe, kein Geld, nichts im trostlosen Elend ... Im Frühjahr 1919 wurde uns das Land verkauft, um die Schulden zu tilgen, aber wir hatten nichts davon.

Als ich dann aus der Schule kam an einem Samstag, ging ich am Montag in den Rheinfelder Wald arbeiten bis im Herbst, als alle Arbeiten beendet wurden. Dann musste ich andere Arbeit suchen, die ich in der Seidenspinnerei in der Rheinlust in Rheinfelden fand. Am Anfang arbeitete ich am Tag. Ich hatte eine gute Stunde zu laufen. Es wurde dann eine neue grosse Halle gebaut, wo ich Schicht arbeiten musste. Eine Woche von morgens 5 Uhr bis 1.30 Uhr, die zweite Woche von 1.30 Uhr bis nachts um 10 Uhr, dazu noch 1 Stunde Heimweg, dann wusste man, was man getan hatte; und dazu noch eine kranke Mutter zu Hause. Als ich 19 Jahre alt war, musste ich im Basler Bürgerspital eine schwere Kropfoperation machen lassen. Als ich 20 Jahre alt war, wurde in Magden die Mineralquelle eröffnet, wo ich dann arbeiten konnte. Aber es hatte auch seine Nachteile; ich war halt immer im Wasser und die Arbeit war schwer. Ich hatte mit 21 Jahren eine akute Blinddarmentzündung und musste für eine Operation nach Rheinfelden ins Spital. Ich lernte dann meinen Mann kennen, der in Magden arbeitete. Am 1. August 1931 heirateten wir in der katholischen Kirche in Rheinfelden, wo wir politisch hingehörten, da in Magden keine katholische Kirche war. Ich arbeitete weiter, da mein Mann keine feste Stellung hatte. Wir waren beide arm. Mein Mann war Waisenkind von Stein, Aargau. Seine Mutter kannte er nicht; er war erst drei Jahre alt, als sie, 44-jährig, starb. Sein Vater aber war 71. Als er 12 Jahre alt war, starb sein Vater 80-jährig. Von da an waren ein Nachbar und die Strasse seine Heimat. Mein Mann kam mit 19 Jahren nach Magden in eine Fuhrhalterei, wo er mit zwei Pferden arbeitete. Ende August 1932 gebar ich einen Knaben, aber vier Wochen zu früh, sodass das Kind nach vier Tagen starb. Nachher ging ich wieder arbeiten. Im Oktober 1933 bekam ich dann ein Mädchen. Dann ging ich nicht mehr arbeiten. Die Mineralquelle ging dann auch zu Ende. Dann kamen die schweren 30er- Arbeitslosenjahre. Es kamen noch drei Knaben und zwei Mädchen.

Mein Mann bekam dann im Alter von 40 Jahren Arbeit in einer Fabrik in Pratteln, eine Arbeitsstelle, wo er eine geregelte Arbeit hatte. Er musste zwar Schicht schaffen, aber die Hauptsache war, dass er Arbeit hatte. Ich hatte sehr schwere Jahre hinter mir, wenn man eine grosse Familie erhalten sollte und die halbe Zeit kein Rappen im Hause ist. Wer es nicht selbst erlebt hat, kann sich dies nicht vorstellen ...»

Dieser Beitrag ergänzt die Berichterstattung «Kriegsnachrichten» über die SpanischemGrippe (NFZ vom 5. Oktober 2018). Er stammt aus dem Kapitel «Not und Elend» in der Dorfgeschichte Magdens: Werner Rothweiler, Magden, 2004, S. 61f.

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