«Es braucht überall Brüggli»

Mo, 06. Aug. 2018
Lisa Jost hat noch viele Ideen für neue Papierschnitte: «Meerestiere faszinieren mich.» Foto: Simone Rufli

Als Ausgleich zur Arbeit im Spital hat die Frickerin vor zwei Jahren angefangen, Papierschnitte anzufertigen. Motive findet sie in der Natur bei Bäumen und Tieren.

Simone Rufli

Lisa Jost empfängt uns bei sich zu Hause am oberen Rainweg. Wir treten ein und bekommen gleich zu sehen, worüber wir sprechen wollen: Papierschnitte, schwarz auf weissem Grund, in Holz gerahmt, zieren die Wände des Wohnzimmers. Wir schauen und staunen. Staunen ob der Vielfalt an Möglichkeiten, die sich aus der Arbeit mit Papier, Messer und Schere ergeben. Denn mehr braucht Lisa Jost nicht, um in stundenlanger Feinarbeit wahre Kunstwerke entstehen zu lassen. Zwischen 15 und 40 Stunden arbeitet sie jeweils an einem Papierschnitt. Hochkonzentriert, den Blick durch eine stark vergrössernde Lupe gerichtet, arbeitet sie an feinsten Verästelungen eines Baumes, an zarten Blütenblättchen einer Blume, am Gefieder eines Huhnes, am Gesichtsausdruck eines Steinbocks – oder gerade jetzt an den Details eines Chalets. «Eine Auftragsarbeit», verrät Jost. «Mein Chef wünscht sich zum Geburtstag sein Chalet in Wengen zusammen mit Steinböcken als Papierschnitt.» Auf ein hundertstel Millimeter genau schneidet die 53-Jährige und vergisst dabei alles andere um sich herum. Die Zeit sagt sie, vergeht wie im Flug. «Es ist ein wunderbarer Ausgleich zu meiner Arbeit.»

Seit bald neun Jahren ist sie Bereichsassistentin und Teamleiterin im Sekretariat Nuklearmedizin im Kantonsspital Aarau. Sie kümmert sich ums Personal, führt Gespräche, verteilt Aufträge plant die Termine des Chefs und des Kaders. Ein intensiver Job, den sie liebt, der sie aber auch fordert. «Beim Zeichnen und Schneiden kann ich den ganzen Alltagsstress ablegen.»

Geduldige Frau
Beim Blick auf ihre filigranen Werke erübrigt sich eine Frage – die nach der Geduld. Lisa Jost ist eine geduldige Frau – und zwar nicht nur, wenn es um Papierschnitte geht. Nach der Sekundarschule in Frick wollte sie zuerst Krankenschwester werden. «Weil man diese Ausbildung damals erst mit 18 anfangen konnte, ging ich für ein Jahr ins Tessin.» Noch während ihres Aufenthaltes im Tessin entschied sie sich wegen der unregelmässigen Arbeitszeiten dann aber um und liess sich nach der Rückkehr aus dem Tessin in Basel an der Huber Widemann Schule (HWS) zur Arztgehilfin ausbilden. Es sei ihr immer leicht gefallen, im Umgang mit Patienten geduldig zu sein, sagt Jost. Mit 24 wurde sie Mutter und auch für ihre beiden Töchter war sie stets eine geduldige Mutter – und kreativ dazu. «Ich habe viel mit ihnen gebastelt, gemalt und auch Scherenschnitte haben wir gemacht», Lisa Jost lacht. «Wie man Scherenschnitte mit Kindern eben macht.»

Was an Kunstwerken in ihrem Arbeitszimmer zu Hause entsteht, fand bereits einmal den Weg an die Öffentlichkeit. Von Oktober 2017 bis Januar 2018 durfte sie ihre ersten Werke im Kantonsspital in Aarau ausstellen – zusammen mit 25 anderen Künstlerinnen und Künstlern. Eine grosse Freude und schöne Erfahrung sei das gewesen, bei der sie sich auch von einzelnen Arbeiten trennen musste. «Ein paar Papierschnitte habe ich auch innerhalb der Familie verschenkt.» Es ist zu vermuten, dass weitere Anfragen folgen werden. Gerade hat ihr ihre Tochter Jessica eine Website gemacht. Apropos Familie. Eisenkünstler Daniel Schwarz aus Effingen ist Lisa Josts Schwager, Stephan Böller von der Böller AG in Frick ihr Bruder. Von Wölflinswil aus kam sie mit der Familie 1975 nach Frick. «Bis auf zehn Jahre in der Innerschweiz habe ich seither immer in Frick gelebt.»

Wie alles begann
Der Weg vom Scherenschnitt zum Papierschnitt war weder geplant noch geradlinig. Die kreative Frau strickte und nähte, besuchte einen Karikaturen-Kurs, einen Töpferkurs, später einen Acryl-Malkurs. «Malen mit Acryl gefiel mir schon mehr, aber so richtig gefesselt hat es mich noch nicht.» Den Ärmel so richtig reingezogen habe es ihr vor zwei Jahren bei einem Spaziergang durch Aarau in Begleitung von Tochter Nadja, erzählt Jost. Vor einem Schaufenster der Galerie von Felicitas Oehler mit Papierschnitten seien sie stehengeblieben «und ich wusste, so etwas möchte ich auch machen können.» Zu Weihnachten bekam Lisa Jost von ihrer Tochter dann das Buch «Querschnitt» geschenkt, in dem Felicitas Oehler in Wort und Bild einen Querschnitt verschiedener Künstler durch die Entwicklungsgeschichte des Schweizer Scherenschnitts gibt. «Am anderen Tag begann ich zu zeichnen», erinnert sich Jost «und so ging es weiter jeden Tag zwischen Weihnachten und Neujahr.» Jost lacht, hebt die Schultern. «Die Arbeit fasziniert mich einfach.» Nach zwei Stunden müsse sie jeweils eine Pause einlegen, «wegen den Augen».

Arbeiten im hundertstel Millimeterbereich – was, wenn ein Schnitt zu lang ist, eine Verbindung gekappt wurde? «Es braucht überall Brüggli, sonst fällt ein Werk auseinander. Aber ganz so schlimm ist es trotzdem nicht, wenn mal etwas schiefgeht. Ich kann auch mal etwas flicken oder leimen.» Kaum habe sie eine Arbeit beendet, das Bild gerahmt – «rahmen ist die Arbeit, die ich am wenigsten mag» – setze sich sofort die Idee für ein neues Bild in ihrem Kopf fest, erzählt Jost. «Dabei geniesse ich es, ohne Druck arbeiten zu können. Ich muss nicht liefern, kann machen was und wann ich will.» Jost unterbricht, schmunzelt: «Ich möchte so Vieles machen. Meerestiere zum Beispiel, die faszinieren mich.» Inzwischen ist Jost auch Mitglied im Schweizerischen Verein Freunde des Scherenschnitts. Trotz der grossen Begeisterung für ihr Hobby findet sie immer wieder Zeit zum Lesen, für die Familie und Freunde. «Das soziale Leben ist mir sehr wichtig», betont sie. Brücken zu Mitmenschen pflegt sie genauso sorgfältig, wie die feinen Brüggli im Papierschnitt.

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