Andrea Weiss und das Zigeunerleben

Do, 05. Apr. 2018
«Eigentlich bin ich kein Camper», sagte sich Andrea Weiss damals. Heute vermisst sie die Zirkusluft, wenn sie sich für einmal eine kurze Auszeit nimmt. Foto: Janine Tschopp

Sie ist beim Circus Nock für Kommunikation, Marketing und Technik verantwortlich

Seit Mai 2017 tingelt Andrea Weiss aus Eiken zusammen mit der Zirkusfamilie Nock durch die Schweiz. Nach vier Monaten Winterpause im Büro, freut sie sich, dass die neue Saison mit der Premiere in Frick nun endlich wieder losgegangen ist.

Janine Tschopp

Zwei Tage nach der Premiere empfängt Andrea Weiss die NFZ im Pressewagen, der noch auf der Wiese beim Schulareal Ebnet in Frick stationiert ist. Der Abbau ist schon voll im Gang. Es ist Aufbruchstimmung. Hier im Zelt auf der grossen Wiese haben am Wochenende noch Hunderte von kleinen und grossen Zuschauern die eindrückliche Show genossen. Am Folgetag zieht die Karawane weiter an den nächsten Gastspielort, nach Solothurn.

Im Pressewagen sieht es nicht nach Aufbruch auf. Beim Besuch der NFZ sind die Zirkusdirektorin Franziska Nock und Andrea Weiss in ein Gespräch vertieft. Andrea Weiss freut sich über den Besuch und bittet die Journalistin Platz zu nehmen. Javier Perez, Ehepartner von Alexandra Nock, die zusammen mit ihrer Schwester Franziska den Zirkus leitet, bereitet im Wohnwagen Werbe-Banderolen für Neuchâtel vor. In Neuchâtel gastiert der Circus Nock vom 30. März bis 2. April. Andrea Weiss bietet Kaffee, Wasser und Biscuits an und setzt sich auch an den Tisch. Den kleinen Ofen richtet sie so aus, dass wir warm haben. Wir machen es uns richtig gemütlich im Wohnwagen, während draussen die Schneeflocken vom Himmel schweben.

Die 33-Jährige hat sich in den letzten Monaten an ein Leben als Camper gewöhnt. Damals, im Mai 2017, als sie ihre Stelle beim Circus Nock antrat, war es draussen wärmer als jetzt. Dennoch musste sie, nachdem sie von der Nock-Familie nach dem Vorstellungsgespräch den Zuschlag erhielt, kurz überlegen und noch ein Wochenende drüber schlafen, bevor sie für die Stelle zusagte. «Eigentlich bin ich kein Camper», sagte sie sich damals. Ihr Umfeld war sich aber einig und meinte: «Du passt in den Zirkus.»

Dass sie dann als Verantwortliche für Kommunikation, Marketing und Technik beim Circus Nock eingestiegen ist, bereute sie nie. Es gefällt ihr, das Leben im Zirkus. «Es ist sehr abwechslungsreich. Man trifft viele Menschen, viele Mentalitäten. Es ist eine coole Truppe. Und wir alle, die Familie Nock, die Artisten, wir im Büro, sind wie eine grosse Familie.»

Schnitt mit 30
Vor drei Jahren, als sie Dreissig wurde, wünschte sie sich eine Veränderung in ihrem Leben. Vor allem sehnte sie sich nach einen Job, der sie vollkommen erfüllte, und bei dem sie jeden Tag voller Freude zur Arbeit ging. Bevor es dazu kam, kündigte sie alles (Job, Wohnung und Beziehung) und ging auf Reisen. «Mein damaliger Arbeitgeber gab mir die Möglichkeit, unbezahlten Urlaub zu nehmen. Ich nahm das Angebot nicht an, weil ich einfach einmal vollkommen frei sein wollte.» Sie bereiste Kanada. Während eines Monates arbeitete sie dort auf einer Farm. «Es war harte Arbeit, aber ich hatte den Frieden auf dem Feld.» Nach sechseinhalb Monaten kehrte sie von ihrer Reise zurück («Das Geld ging langsam aus») und arbeitete vorübergehend in einer Immobilienfirma. Dann sah sie die Stellenausschreibung des Circus’ Nock und bewarb sich. Mit dem Zirkus während acht Monaten herum zu tingeln, reizte sie. «Bei uns reist die ganze Familie sehr gerne.»

Im Mai 2017, der Circus gastierte gerade in Bern, trat Andrea Weiss ihre Stelle an. «Es war sehr viel am Anfang, weil halt alles neu war. Speziell war auch, dass ich nach der Arbeit nicht in mein eigenes Umfeld zurückkehren konnte. Aber es hat gepasst.»

Sie freut sich weiterzuziehen
Die Vorfreude auf die kommende Zeit ist Andrea Weiss gut anzumerken. Nach vier Monaten Winterpause, freut sie sich, mit dem Zirkus weiterzuziehen. Nicht, dass die vergangene Zeit ruhig gewesen wäre. Im Gegenteil: «Zwischen November und März ist die strengste Zeit, da bereiten wir die neue Tour vor.»

Zu Andrea Weiss’ Aufgaben gehören unter anderem die Planung der Gastspielorte, die Werbung für die einzelnen Spielorte, das Organisieren der Inhalte fürs Programmheft und vieles mehr. Es gibt auch viele Anfragen für Apéros im Zirkuszelt und Ferien im Zirkus, die durch Andrea Weiss bearbeitet werden. Das sind Aktivitäten, die als zusätzliche Einnahmequellen dienen, da Zirkusunternehmen in der heutigen Zeit finanziell nicht auf Rosen gebettet sind.

Nach vier Monaten im Büro Oeschgen und einem erfolgreichen Tournéeauftakt im Heimathafen Frick zieht Andrea Weiss und die ganze Karawane nun weiter. An diesem Abend wird sie, die eigentlich in Luzern wohnt, ihre vorerst letzte Nacht im Elternhaus in Eiken verbringen.

Während der Tour nahm sie sich vereinzelt ein paar Tage frei. «Plötzlich gehen einem die Ideen aus, da braucht man eine kleine Auszeit.» Jedes Mal freute sie sich wieder, in den Zirkus zurückzukommen. «Es sind einfach zwei Welten. Zu Hause ist es manchmal fast zu ruhig, wenn man sich an das Leben im Zirkus gewöhnt hat. Und wenn ich daheim erzähle, wie so ein Tag im Zirkus abgeht, kann sich das meine Familie manchmal fast nicht vorstellen.»

Bis zum Tournée-Ende im November werden noch viele solche Tage folgen. Vorerst gilt es für Andrea Weiss, ihre Sachen zusammenzupacken und ihren Wohnwagen an den nächsten Spielort, nach Solothurn, zu transferieren.

Gibt es auch Dinge, die ihr am «Zigeunerleben» weniger gefallen? «Ja, wenn es wenig Druck auf der Dusche hat, und ich es kaum schaffe, meine langen Haare zu waschen.»

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