«Ja sagen zum Moment»
04.12.2017 Gipf-OberfrickHeidi Biaggi blickt auf ein facettenreiches Leben zurück
24 Jahre arbeitete Heidi Biaggi im Bestattungsdienst Biaggi AG in Gipf-Oberfrick. Zum 30. November ging sie in den Ruhestand. Und jetzt wartet der nächste Teil eines Lebens, das nie gradlinig verlief und niemals langweilig war. Ganz im Gegenteil.
Es duftet köstlich nach Zwiebelschmelze in der Küche des gemütlichen Heims. Heidi Biaggis Mann Ricco bereitet einen Zwiebelkuchen zu. Er begründete den Bestattungsdienst Biaggi AG in Gipf-Oberfrick am 1. Oktober 1989 und orientierte sich damit nach 20 Jahren als Lehrer im Schuldienst gänzlich neu. Damals waren Heidi und Ricco Biaggi noch kein Paar. Aber sie kannten und schätzten sich als Sangeskollegen im Oberwalliser Vokalensemble. Als er eines Tages erzählte, dass er nicht mehr Lehrer sein wollte, war das für Heidi Biaggi der Wunsch eines guten Kollegen, den er in die Tat umsetzen wollte. Zusammen kamen sie erst später.
Musik war ihre Welt
Geboren ist Heidi Biaggi in Neuenegg – dort wo von der Wander AG die Ovomaltine gemacht wird. «Herr Dr. Wander war der Patron vor Ort, es roch nach Malz», erinnert sich Heidi Biaggi. Sie wuchs in einer traditionellen Familie auf, mit zwei älteren Schwestern. Der Vater arbeitete wie viele im Ort bei der Wander AG, die Mutter kümmerte sich um die Kinder. Nach der Schulzeit besuchte Heidi Biaggi in Bern das Lehrerinnenseminar Höhere Mädchenschule Marzili. Vier Jahre lang. Lehrerin zu werden, war jedoch nicht ihr wirkliches Ziel. «Das war nicht meine Welt», erzählt sie. Musik war ihre Welt. Sie spielte Geige, mochte Gesang und Schauspiel. Eines Tages machte sie sich einfach auf und suchte eine Stelle. Eine Buchhandlung oder ein Musikgeschäft sollte es sein. Sie wurde fündig in einem Musikladen mitten in der Berner Altstadt. «Das war ganz toll, ich lernte viel», sagt sie. Und sie begegnete spannenden Menschen, unter anderem einem Berufs-Cellisten, der ihr Mut machte, zu singen, wenn sie singen wolle. Heidi Biaggi nahm also allen Mut zusammen und sang vor. Sie klopfte kurzerhand an die Tür des bekannten Musikprofessors Ernst Haefliger und fragte ihn, ob er fünf Minuten Zeit hätte. Er hatte. Und er riet ihr, keine halben Sachen zu machen. Also machte sie die Aufnahmeprüfung am Konservatorium für Musik in Bern – und bestand. Sechs Jahre dauerte die klassische Gesangsausbildung und immer hat sie nebenher im Musikladen gearbeitet. «Ich hatte einen fantastischen Chef, alles passte zusammen», erzählt sie.
Es folgten Jahre mit Konzerten als Alt-Solistin, immer mit dem kleinen Standbein des Musikladens. «Von den Konzerten alleine hätte ich nicht leben können», gesteht sie offen ein. Beides habe sich wunderbar ergänzt. Sie unterrichtete an der Musikschule, sang bei den Basler Madrigalisten und später beim Schweizer Kammerchor. Schon früher stiess sie zum Oberwalliser Vokalensemble, wo auch Ricco Biaggi sang.
Und dann hat es gefunkt
Das war der andere Teil ihres Lebens: Mit 40 Jahren zog sie 1993 der Liebe wegen ins Fricktal. Irgendwann hat es einfach gefunkt zwischen Heidi und Ricco Biaggi. «Ich wusste damals, dass ich diesen Mann heirate», sagt sie. Und sie tat es am 21. Juli 1994. «Sein Beruf als Bestatter war seine Leidenschaft», erzählt Heidi Biaggi. Und als sie Ja zu diesem Mann sagte, sagte sie auch Ja zu seinem Beruf und zu seinen vier Kindern aus der ersten Ehe.
1998 absolvierte sie den eidgenössischen Fachausweis zur Bestatterin. Nach vier Jahren Tätigkeit im Bestattungswesen durfte man sich der Prü- fung stellen, eine Ausbildung dafür gab es nicht. Grund genug für sie und ihren Mann, sich in der Ausbildung zu engagieren und für angehende Bestatter unter dem Dach des schweizerischen Verbandes für Bestattungsdienste ein Ausbildungsmodul für die Fachprüfung zu schaffen. Nach ihrer Prüfung arbeitete Heidi Biaggi intensiv in der Ausbildung mit, war viele Jahre Präsidentin der Prüfungskommission. Dafür gab sie nach und nach ihre Arbeit an der Musikschule und ihr sängerisches Wirken auf. «Ich habe immer gesagt, mit 50 höre ich auf zu singen», erzählt sie. Es sei einfach an der Zeit gewesen, alles habe seine Zeit im Leben. Die Arbeit im Bestattungsdienst war ihr neues Leben. «Alles, was ich an Ausbildung im Leben genossen hatte, trug dazu bei, dass ich mich in diesem Metier wohl fühlte», erzählt sie. Die musikalische Ausbildung half ihr zuzuhören, die Lehrerausbildung half ihr zu formulieren, die Musikschule, wo ein Schüler eins zu eins etwas von ihr wollte, half ihr zu verstehen, was die trauernden Menschen im Bestattungsdienst von ihr wollten. «Sie möchten unsere Begleitung», sagt sie und erklärt: «Es ist unsere Aufgabe herauszufinden, was braucht diese Familie in ihrer Trauer.» Für Heidi Biaggi war der Bestattungsdienst immer ein sehr individueller Beruf, der sie jeden Tag mit Menschen mit unterschiedlichen Charakteren in Berührung brachte. «Wir haben ganz viel mit lebenden Menschen zu tun», sagt sie.
«Mach es jetzt»
Mit einem Verstorbenen anständig umzugehen, ihn zu waschen und zu kleiden, sei in gewisser Weise ein Handwerk, das jeder lernen könne. Ihre Erkenntnis aus 24 Jahren Arbeit als Bestatterin bringt sie mit einem Satz auf den Punkt: «Es nützt nichts zu sagen, ach hätte ich doch noch. Mach es, jetzt». Mit dem Ruhestand, kommt der nächste Teil ihres Lebens. Sie möchte auch weiter Ja sagen können. Etwa zur gesundheitlichen Diagnose ihres Mannes, die ein zusätzliches Thema in beider Leben brachte. «Jetzt wollen wir die Zeit so gut wie möglich nutzen», sagt sie. Mit Menschen um sich herum, denn der Mensch sei ein soziales Wesen, das Kontakte brauche. Angst vor dem Tod hat sie nicht, er sei das Ende vom Jetzt. Höchstens vor dem Weg dahin. «Unsere Aufgabe im Hier und Jetzt ist es, so anständig wie möglich mit der Schöpfung umzugehen», sagt Heidi Biaggi. Und «Ja» zu sagen zum Moment.

