Woher kommt der Spatz in der Suppe?
21.05.2026 LeserbriefeDamals, als ich von meinem Grossvater hörte, dass er früher viel Suppe mit Spatz essen musste, war ich noch ein kleiner Bub. Diese mir unbekannte Suppe liess mir keine Ruhe. Warum kann man so einen kleinen, frechen Vogel in Suppen kochen und dann essen, war die wiederkehrende Frage ...
Damals, als ich von meinem Grossvater hörte, dass er früher viel Suppe mit Spatz essen musste, war ich noch ein kleiner Bub. Diese mir unbekannte Suppe liess mir keine Ruhe. Warum kann man so einen kleinen, frechen Vogel in Suppen kochen und dann essen, war die wiederkehrende Frage quer durch meine kindliche Fantasiewelt? Unsere Mutter tischte damals täglich eine Suppe auf, hergestellt aus dem, was die Natur im eigenen Garten hergab, oder was als Vorrat im Schrank und Keller noch da war. Wir Kinder waren zu jener Zeit an Vieles gewöhnt. Hie und da schwammen in den Suppen auch kleine Fleischstücke von Kaninchen oder alten Hühnern mit. Diese wurden jeweils wenig zimperlich ihrem letzten Verwendungszweck zugeführt. Wir empfanden dies als ganz normales Hungerstillen. Später, bei einer günstigen Gelegenheit, bat ich meinen Grossvater um eine Aufklärung. Er tat das mit blumig garnierten Sätzen, aber auch mit Besonnenheit. Als Soldat in der Schweizer Armee, wenige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, musste er sich viel mit Suppe mit Spatz ernähren. Meistens ass er mit seinen Kameraden zusammen draussen im Feld, oder mit etwas Glück unter einem schützenden Scheunendach. Das Besteck und Essgeschirr, die Gamelle, trug er wie alle anderen stets bei sich oder deponierte es schön aufgereiht ganz in der Nähe vom Übungsort.
Gekocht wurde die Suppe im Feld mit einer fahrbaren, holzbefeuerten Kocheinrichtung. Spöttisch nannte man dieses Gerät Gulaschkanone. Die Zutaten bestanden aus einheimischem, lagerfähigem Gemüse und ganz wenig fettigem Fleisch, welches meist von einer alten Kuh stammte. Wegen diesem Fleisch musste stun- denlang gekocht werden. Daraus entstand eine nahrhafte und sattmachende Mahlzeit, welche die Soldaten dann aus dem Deckel von der Gamelle assen. Mit etwas Glück schwamm darin auch ein Stück Fleisch mit, welches wir scherzhaft «Spatz» nannten.
Gut siebzig Jahre sind seit Grossvaters Erzählung vergangen. Unerwartet holte sie mich wieder ein. Einer meiner Sängerkollegen berichtete, dass er Besitzer einer mobilen Militärküche aus Armeebeständen sei. Spontan fragte ich meinen lieben Sängerfreund, ob er sie noch verwende. Ja, damit koche ich hie und da an speziellen Anlässen Suppe mit Spatz, antwortete er. Und weiter erklärte er, dass man jetzt diese Mahlzeit etwas vornehmer mit «Pot-au-feu» benenne. Das Fleisch dafür ist jedenfalls qualitativ hochstehend. Nun ging ich aufs Ganze und wollte von ihm wissen, ob er seine mobile Feldküche auch für ein gemütliches, öffentliches Frühsommerfest mit gesanglichen Beiträgen vom Männerchor in Betrieb nehmen würde. Als Ort der Begegnung wäre Die Schifflände dazu ideal. Ohne zu zögern, sagte er zu. Meine Idee kam bei meinen Sängerkollegen gut an und wurde ins Jahresprogramm 2026 auf Samstag, 30. Mai, beginnend ab 17 Uhr, aufgenommen.
Wie können wir Gäste für Suppe mit Spatz mobilisieren? Jüngere Generationen erreichen wir damit kaum. Einer unserer Sänger zauberte dann den Namen für unseren Anlass «Wir singen aus voller Kelle» hervor, welcher humorvoll Essen und Singen zusammen bringt. Dazu singt der Chor um 18 Uhr und 20 Uhr je etwa 30 Minuten lang passende, lustige Lieder. Jeder Beitrag aus der Konsumation von unseren Besuchern unterstützt direkt den Fortbestand des Männerchors. Dafür setzen wir uns gerne ein.
FREDI LEDER, RHEINFELDEN
