«Wertschätzung hat einen riesigen Einfluss»

  03.11.2023 Wirtschaft

Stefanie Hafner über Faktoren, die Arbeitnehmer zufrieden machen

Stefanie Hafner kümmert sich beim jungen Berater-Unternehmen Neoviso um das Finden und Rekrutieren von neuen Talenten. Die studierte Psychologin ist auch verantwortlich für die Firmenkultur und das Personal. Im September referierte die 31-Jährige am Wirtschaftsforum von Fricktal Regio in Stein. Die NFZ führte mit ihr ein Interview rund um das Thema Arbeitnehmerzufriedenheit und Motivation.

Simone Rufli

NFZ:Frau Hafner,wie wichtig ist die Zufriedenheit der Arbeitnehmenden in der heutigen Arbeitswelt?
Stefanie Hafner: Die Zufriedenheit ist auf dem arbeitnehmerorientierten Markt, wie er sich heute präsentiert, extrem wichtig. Ich würde sogar sagen, sie ist alles entscheidend, wenn es darum geht, dass die Leute langfristig bleiben. Denn es ist heutzutage einfach so, wenn man nicht zufrieden ist, dann sucht man sich etwas Neues. Man beisst sich nicht mehr gleich durch. Vielleicht, weil man nicht wie früher muss, vielleicht, weil man nicht darauf angewiesen ist. Vor allem aber, weil es andere Optionen gibt. Und weil eine Lücke im Lebenslauf heute auch kein Problem mehr ist. Man muss nicht mehr 15 Jahre an einem Ort gearbeitet haben, damit das als gut angesehen wird.

Zufriedenheit ist ein individueller Begriff.
Sicher. Aber ich würde sagen, es gibt doch Sachen, die allen Leuten wichtig sind. Wertschätzung zum Beispiel. Wertschätzung hat einen riesigen Einfluss. Um zu wissen, wie man die Zufriedenheit weiter steigern könnte, hilft es natürlich, wenn man den Austausch mit den Mitarbeitern sucht. Die Leute müssen sich aber getrauen, etwas zu sagen und sie müssen wissen, dass

das, was sie sagen, auch relevant ist. Wir hören nämlich oft, dass Umfragen durchgeführt werden, die Leute dann aber nicht wissen, was dabei herausgekommen ist, und auch keine Massnahmen daraus abgeleitet werden.

Gibt es neben der Wertschätzung Faktoren, die sich branchen- und generationenübergreifend besonders motivierend auswirken?
Niemand möchte einen undankbaren Job machen. Es muss anerkannt werden, was eine Person alles leistet. Das Team, die Vorgesetzten, das Umfeld müssen dankbar sein. Bei den Jüngeren ist das Verhältnis im Team extrem wichtig. Und auch das hat wieder mit Wertschätzung zu tun.

Wie findet man heraus, wie die Zufriedenheit der Mitarbeitenden verbessert werden kann?
Es geht nicht ohne den direkten Austausch und dafür braucht es eine gewisse psychologische Sicherheit. Es muss ein Umfeld geschaffen werden, wo die Leute zu sagen wagen, was sie sich wünschen und was anders sein sollte. Wichtig ist immer, die Leute einzubeziehen. Bei uns in der Neoviso sind die Benefits auch aus den Gesprächen mit den Leuten entstanden. Sie sind abgestimmt auf ihre Bedürfnisse. Wir stellen aber immer wieder fest, dass in Firmen oft vergessen wird, die Leute zu fragen.

Wie lässt sich die Zufriedenheit aller Mitarbeitenden gleichermassen steigern, wenn in einer Firma Leute aus verschiedenen Altersgruppen beschäftigt werden?
Es mag erstaunen, aber auch ältere Leute wünschen sich oft, was die Jungen möchten. Der Unterschied liegt meist darin, dass die älteren oder langjährigen Mitarbeiter nie gewagt haben, diese Wünsche laut zu äussern, weil man

das früher nicht gemacht hat. Man ging einfach zur Arbeit. Flexibilität zum Beispiel schätzen aber alle. Wichtig ist auch zu verstehen, dass Benefits für die Jungen den Älteren nichts wegnehmen. Schafft man mehr Möglichkeiten für alle, können sie diejenigen, die das möchten nutzen. Wer weiter arbeiten will wie immer, kann das.

Wie gelingt es, bei so einem Mix, für alle ein Klima der Zufriedenheit und Motivation zu schaffen?
Das gelingt am besten mit Kommunikation auf Augenhöhe. Ältere und Junge müssen sich miteinander austauschen und ohne Vorurteile aufeinander zugehen. Es müssen sich alle einbringen, damit aus allem das Beste an Wissen und Fähigkeiten herausgenommen werden kann. Wichtig ist, Verständnis schaffen für beide Seiten, den Graben zwischen den Generationen schliessen und nicht vertiefen. Man soll offen sein für andere Ansichten, auch wenn man nicht der gleichen Meinung ist.

Soll ein Arbeitgeber die Teams nach Alter und Erfahrung getrennt arbeiten lassen?
Nein! Er soll unbedingt mischen. Das ist ein absoluter Mehrwert. Beide Seiten können nur profitieren. Es wäre ein Horror, wenn Wissen nicht geteilt würde!

Worauf müssen Arbeitgeber speziell achten, damit die Zusammenführung von unterschiedlichen Generationen Erfolg hat?
Sie müssen vermitteln und mit den Leuten reden, nicht über sie. Vieles, was ich sage, tönt simpel oder liegt auf der Hand. Aber wir sehen bei unseren Kunden, dass es oft doch nicht so gemacht wird. Es wird keine Zeit dafür investiert. Entweder weil alle zu viel zu tun haben oder weil niemand zuständig ist.

Wie wichtig sind Rückmeldungen?
Extrem wichtig. Ich glaube für die Jungen sogar noch mehr als für die Älteren. Die Jungen müssen schnell und regelmässig Rückmeldungen bekommen – auch zu kleinen Sachen. Ich sage immer: Verzichtet auf Jahresgespräche, lasst die Leute nicht über Monate im luftleeren Raum. Gebt ihnen die Chance, sich sofort zu verbessern. Positive Feedbacks sind zudem sehr motivierend. Leider hören viele Leuten selten ein Danke von ihren Vorgesetzten. Das finde ich schlimm. Man kann übrigens auch besser mit Kritik umgehen, wenn man regelmässig Rückmeldungen bekommt – positive wie negative.

Trägt die Möglichkeit, sich weiterzubilden, zur Zufriedenheit bei?
Es trägt zweifellos zur Motivation bei, wenn man Zukunftsaussichten hat. Das scheint mir nicht altersabhängig. Vielleicht nimmt die Bereitschaft mit dem Alter etwas ab, für Junge ist es aber sicher sehr wichtig.

Wie lassen sich Chefs überzeugen, der Mitarbeiterpflege die nötige Beachtung zu schenken?
Die Chefs müssen die Wichtigkeit selber erkennen. Als Beraterin kann ich aber etwas nachhelfen, denn oft werden wir vom Personalchef oder der Marketing-Abteilung angesprochen. Viele suchen aber erst Rat, wenn es wirklich schon fast zu spät ist; zum Beispiel, wenn sie Stellen oder Lehrstellen nicht mehr besetzen können, oder viele Abgänge hatten. Bis Massnahmen dann greifen, dauert es und das kostet viel Geld. Es ist auf jeden Fall günstiger, wenn man gut und präventiv zu den Mitarbeitenden schaut, auch zu ihrer psychischen Gesundheit. Denn selbst wenn man Stellen mit neuen Leuten besetzen kann, am Anfang sind sie nie so produktiv wie jene, die schon länger dabei sind.

Zum Schluss eine persönliche Frage: Wann sind Sie bei der Arbeit zufrieden und motiviert?
Wenn ich weiss, dass ich etwas bewegen oder verändern kann. Wenn ich Einfluss nehmen kann und wenn ich wertgeschätzt werde. Wertschätzung ist auch mir enorm wichtig.


Image Title

1/10

Möchten Sie weiterlesen?

Ja. Ich bin Abonnent.

Haben Sie noch kein Konto? Registrieren Sie sich hier

Ja. Ich benötige ein Abo.

Abo Angebote