Treffpunkt grüne Oase
02.06.2024 ZeihenÜber zwanzig Jahre ist es her, da zogen zwei Frauen nach Zeihen; Regula Heinzer, Zirkusartistin aus Bern und Nicole Schwenne, Schreinerin aus dem hohen Norden Deutschlands. Was die beiden alles verbindet – es hat den halben Schreibblock gefüllt.
Simone Rufli
...Über zwanzig Jahre ist es her, da zogen zwei Frauen nach Zeihen; Regula Heinzer, Zirkusartistin aus Bern und Nicole Schwenne, Schreinerin aus dem hohen Norden Deutschlands. Was die beiden alles verbindet – es hat den halben Schreibblock gefüllt.
Simone Rufli
«Ich habe zu meinem Mann gesagt: Ich folge dir überall hin, nur nicht dahin, wo keine Bäume wachsen», erzählt Nicole Schwenne. Ein Kontrollblick nach draussen. «Ja, es hat hier genug Bäume», sagt sie und lacht. «Und auch eine sehr schöne hügelige Landschaft. Dort wo ich herkomme, ganz im Norden von Deutschland, hat es gerade mal eine einzige kleine Erhebung, sonst ist alles flach.»
Beide Frauen sind nicht direkt nach Zeihen gezogen – Schwenne wohnte zuvor in Zeiningen, Heinzer in Aarau. Nicole Schwenne sagt, und der Schalk in ihren Augen ist nicht zu übersehen: «Wir haben vor über 20 Jahren unseren Bernhardiner in die Schweizer Heimat zurückgebracht und sind dann gerne geblieben.» Sie erinnere sich noch gut: «Zu Beginn waren wir die Deutschen mit Kind und Hund.» Regula Heinzer nickt. «Und ich war die Zugezogene mit dem Zeiher Mann.» Die beiden Frauen lachen.
Es seien die Kinder gewesen, die sie zusammen- und ins Dorfleben geführt hätten. Im Juni stimmt die Gemeinde Zeihen über die Einführung von Tagesstrukturen ab. «Ohne dieses Betreuungsangebot haben wir, wie viele andere Mütter damals, abwechselnd gehütet, gekocht und dann auch immer mehr gemeinsam unternommen.» Einen Hund haben beide Familien. Auch das verbindet.
Eine bunte Blumenwiese
Nicole Schwenne ist gelernte Schreinerin, wurde Fotografin, liess sich zur Tagesmutter ausbilden, später zur Lernberaterin, im letzten Jahr zur Waldbadenbegleiterin und sie chauffiert mit dem Schulbus Kinder zur Schule. «Für andere mag das ein Durcheinander sein, für mich ist es eher ein Fächer», sagt sie, lächelt und zeichnet ein wunderbares Bild: «Ich bin keine festgewachsene Eiche, meine Ideen und Taten entsprechen vielmehr einer bunten Blumenwiese.»
Draussen im Garten wächst Pfefferminz, in den Bäumen nisten Vögel. Regula Heinzer tritt hinaus ins Freie, sagt: «Ich habe erst hier in Zeihen so viele Vogelarten kennenlernt.» Nicole Schwenne kommt mit einem Stapel T-Shirts hinterher, legt sie auf den Tisch und hält eins nach dem anderen hoch. Jedes steht für ein anderes Engagement: Samariterverein, Feuerwehr – «da war ich rund zehn Jahre dabei» – Arbeitskleidung vom deutschen Baumarkt, Save Soil, «ein globales Projekt zur Rettung der Böden», Biodiversität, Feuerpoi… Feuerpoi? «Feuer-Jonglage», präzisiert Regula Heinzer und weiss sofort, dass das als Erklärung nicht genügt: «Wir schwingen an einer Schnur festgemachte, brennende Bälle um uns herum.» Die beiden Frauen spielen mit dem Feuer! «Wir haben auch beide eine Cajón, eine Kistentrommel, auf der sitzt man, während man trommelt.»
Der Traum vom Zirkusleben
Regula Heinzer ist in ihrem Element. Ja, sagt sie, sie habe immer zum Zirkus gewollt. Mitte zwanzig sei sie gewesen, als sie zusammen mit ihrem Mann in Berlin dann endlich eine entsprechende Ausbildung gemacht habe. «Nur», sagt sie, «uns wurde schnell klar, als Familie mit kleinen Kindern wollen wir dieses Leben nicht führen.» Heute engagiert sie sich im Circus Aarcus in Aarau, trat früher an Festen auf, arbeitet mit Kindern im Rahmen von Schulprojekten, begeistert und unterhält. «Manchmal traten Nicole und ich gemeinsam auf.»
Jetzt erhebt sich Hündin Kira. Sie scheint verstanden zu haben, worum es bei diesem Treffen in der grünen Oase auch noch geht. Im Rasen dreht sie sich ein paar Mal um die eigene Achse und legt sich dann hin – Fototermin.
Im Einsatz für die Natur
Das Treffen fällt auf den Tag der Biodiversität, die beiden binden vor dem Haus am Geländer eine grüne Fahne fest. «Selbst hier in diesem beschaulichen Dorf muss man sich heute für die Vielfalt in der Natur einsetzen», sagen sie. Beide Familien beziehen Strom aus der hauseigenen Photovoltaik-Anlage, beide fahren ein E-Auto. Gelegentlich seien sie auch gemeinsam mit dem E-Bike unterwegs, erzählen sie. Das Boden-Rettungs-Projekt «Save Soil» ist eine von zahlreichen Herzensangelegenheiten, durch die sich die beiden Frauen verbunden fühlen. «Der Einsatz für die Umwelt ist überall auf der Welt nötig.»
Auch in Zeihen wird viel gebaut. Im Jahr 2000 hatte das Dorf gerade mal 863 Einwohner, Ende 2023 waren es 1237. Wunderschön sei es hier natürlich immer noch. Die bewaldeten Hügel, die Felder, das viele Grün. «Davon haben wir zum Glück noch richtig viel», sagen sie und schreiten voran den Hang hinauf. Oben setzen sich die beiden Frauen auf ein Bänkli und blicken hinunter auf ihr Dorf. Wer nach Zeihen komme, tue das bewusst, sagen sie. Statt Durchgangsverkehr gebe es in der grünen Oase zwischen Basel und Zürich viele Füchse. Schwennes Hühner bekamen von ihnen Besuch. Ob sie nochmals Hühner zutun werden? «Zum Glück gibt es sowohl in Zeihen als auch in Oberzeihen kleine Hof läden, wo man feine Sachen bekommt – auch Eier.»
Hilfsbereit
Sie schauen hinüber in Richtung Homberg, wo schon ein Luchs gesichtet wurde. «Auch über die Fledermäuse im Dorf freuen wir uns. Hat es noch Platz auf dem Block?», fragen sie. Aber sicher doch, der Schreibblock war ganz neu.
Als vor über zwei Jahren die ersten Gef lüchteten aus der Ukraine nach Zeihen kamen, wurde Nicole Schwenne vom zuständigen Gemeinderat mit Ressorts Soziales um Unterstützung angefragt. Seither ist sie in einem Kleinstpensum bei der Betreuung der Geflüchteten unterstützend tätig. «Ich weiss, wie es sich anfühlt, wenn man die Abläufe nicht kennt.» Abfalltrennung, Arztbesuche, Verständnisfragen, Jobvermittlung – sie hilft, wo immer sie gebraucht wird.
Zwei, die sich wohlfühlen
«O heje, vo Zeihe», sagt Nicole Schwenne unvermittelt und Regula Heinzer lacht. Was es damit auf sich hat? Nicole Schwenne klärt auf: «Das ist so ein Spruch, der sich lustig macht über Zeihen. Er endet mit der Zeile: ‹Wie chame nur vo Zeihe si.› Aber um das klarzustellen: Wir sind hier nicht ab der Welt. Wir haben hier vergleichbare Sorgen wie die Leute in den Städten. Nur weil es kein Durchgangsdorf ist, bedeutet es nicht, dass man in Zeihen abgehängt ist.»
Nicole Schwenne und Regula Heinzer sind Zeiherinnen aus Überzeugung. «Zwei mit vielen verrückten Ideen, die uns auf ganz vielen Ebenen verbinden.» In Zeihen fühlen sie sich wohl mit ihren Familien, mit den erwachsenen Kindern, den Hunden, Bäumen und Vögeln – «und mit den vielen Vereinen, wo man willkommen ist, denen man aber nicht beitreten muss, um in Zeihen integriert zu sein».
Stunden später, wir haben uns längst verabschiedet, eine SMS: «Wir haben den Tag beim gemeinsamen Trommeln ausklingen lassen.»







