«In unserem Dorf muss niemand einsam sein»
29.01.2024 WittnauAndernorts pfeifen die Spatzen von den Dächern, in Wittnau begegnen sie sich im Pfarrstübli. Im Dorf mit den vielen Vereinen und dem traditionellen Fasnachtsfeuer gibt es für alle etwas – und seit wenigen Wochen jeweils am Donnerstagmorgen ein Café mit Namen Spatz.
...Andernorts pfeifen die Spatzen von den Dächern, in Wittnau begegnen sie sich im Pfarrstübli. Im Dorf mit den vielen Vereinen und dem traditionellen Fasnachtsfeuer gibt es für alle etwas – und seit wenigen Wochen jeweils am Donnerstagmorgen ein Café mit Namen Spatz.
Simone Rufli
Es ist Donnerstagmorgen, der 18. Januar, das Wetter trüb und nass. Der Weg zum Pfarrstübli, dorthin, wo Wittnau seit wenigen Wochen erst ein neues Café eröffnet hat, führt über das «Heeregässli». «Heeregässli» – ein seltsamer Name für einen Weg, der von der Kirchgasse Richtung Pfarrhaus führt, doch das wird sich später noch klären.
Martha Liechti – sie ist eine von rund einem Dutzend Gastgeberinnen – ist bereits da, winkt durchs Fenster und weist den Weg zum Eingang. «Willkommen im Café Spatz», ruft sie, als die Türe sich öffnet. Im Pfarrstübli ist es schön warm und gemütlich; mehrere Tische zu einer grossen Tafel zusammengestellt, Stühle darum herum, an den Wänden Farbakzente. Wo einst Pfarrköchinnen Wäsche brühten, und später – so wird es im weiteren Verlauf des Morgens überliefert – auch mal Mäuse gehaust haben sollen, bevor das Hüsli kürzlich mit viel Einsatz der Jubla renoviert wurde, brummt eine Kaffeemaschine vor sich hin.
Martha Liechti stellt zwei dampfende Tassen auf den Tisch, setzt sich und beginnt zu erzählen. Wie aus einer Idee der Organisationen für junge Eltern (Mittagstisch, Mütter- und Väterberatung, Spielgruppe, Frauenbund und Pfarreirat), dieser Treffpunkt entstanden ist; genutzt für so manche Vereinsund Jubla-Sitzung, zu mieten auch für private Anlässe. Und seit letztem November regelmässig genutzt auch als Dorf-Café. Caroline Küng ist inzwischen auch eingetroffen. Sie ist Vorstandsmitglied im Frauenbund. «Ursprünglich», ergänzt sie, «ging es darum, etwas für junge Familien anzubieten, die im Dorf noch wenig oder keinen Anschluss gefunden haben». Die Kleinen in den Kindergarten begleiten und auf dem Heimweg im Café Spatz Kontakte knüpfen, das war die Idee, die auch vom Gemeinderat, speziell von Oliver Hassler, unterstützt wurde. Unterstützung bot von allem Anfang an auch die Kirchgemeinde an, sie stellt das Pfarrstübli gratis zur Verfügung. «Bis jetzt sind es vorwiegend die Grosseltern, die hierherkommen», sagt Caroline Küng. «Aber das macht nichts. So wie es sich entwickelt, ist es gut.»
Im Sommer auf dem Vorplatz
«Aber wir sind auf den Besuch von Kindern vorbereitet», Martha Liechti zeigt auf das Regal neben der Küchengarnitur. Es ist gut gefüllt mit unterschiedlichsten Spielen. «Wir freuen uns über den Besuch von Kindern!» Es fehlt an nichts in diesem hellen Raum mit den grossen Fenstern. Hinter der Küche gibt es sogar eine Toilette. Auch vor dem Hüsli hat es viel Platz. «Im Sommer können wir dann draussen auf dem Vorplatz sitzen.»
Wittnau hat einen Laden, eine Metzgerei, eine Dorfbeiz, die «Krone». «Wir sind froh, dass wir eine Dorfbeiz haben, aber eine Beiz ist kein Café», heisst es in der Runde, die sich inzwischen erweitert hat. Agatha Hort, Simone Schmid, Ruth Kaiser, Lisbeth Schär und Toni Liechti sind hinzugestossen. «Mal sitzen wir hier zu siebt, mal scharen sich 15 um den Tisch. Gute Gespräche gibt es immer», sagen sie. «Schön, dass Du hierherkommst, Agatha, ich sehe Dich in letzter Zeit selten», meint Martha Liechti. «Ich steh halt nicht immer draussen und warte, bis jemand vorbeikommt», kontert die Angesprochene und trägt mit ihrer Schlagfertigkeit zur allgemeinen Heiterkeit bei. Ruth Kaiser kommt direkt von einem anderen Kaffee-Termin. «Aber ich sah, dass es zeitlich noch reicht, hier vorbeizukommen», meint sie und macht es sich gemütlich.
Jeden Donnerstag – damit niemand anrennt
Jeder zweite Donnerstagmorgen, zwischen halb neun und halb zwölf, so war es angedacht. Anfang Januar rückten sie davon ab. Jetzt findet der Treff jeden Donnerstag statt. «So vermeiden wir, dass Einzelne anrennen, weil sie nicht mehr sicher wissen, welcher Donnerstag gemeint ist.»
Die Helfer-Liste ist bereits bis in den Sommer hinein ausgefüllt. Im Sommer wollen sie dann schauen, wie es mit diesem Projekt weitergeht. Ob der neue Treffpunkt bleibt in dem Dorf, in dem man sich kennt und so vieles voneinander weiss. Weil man miteinander musiziert, strickt, singt, tanzt, holzt, jasst, turnt, isst, kirchliche Feste feiert, trauert, in der Bibliothek Bücher ausleiht, älter wird und – ganz wichtig für alle, ob im Dorf wohnhaft oder weit ausserhalb – sich Jahr für Jahr zum Fasnachtsfeuer trifft. «Das ist ein so wunderschöner Brauch, da muss man als Wittnauer einfach dabei sein», sind sich alle am Tisch einig.
Tourismus-Werbung
Rita Studer hält mitten in der Unterhaltung inne, blickt in die Runde und stellt lachend fest: «Wir sind schon vergiftete Wittnauer. Wir machen gerade richtig Tourismus-Werbung für unser Dorf. Ab und zu sind wir ein eigenes ‹Völkli›, aber die meisten fühlen sich total wohl hier – auch die Neuzuzüger. In unserem Dorf muss niemand einsam sein», sagt sie und die anderen stimmen ihr zu. Und Martha Liechti bekennt: «Ich bin auch eine Zugezogene, erst noch aus einer Stadt.» Sie lacht: «Heute ist mir schon Frick fast zu gross. Ich bin ein richtiges Landei.» Gelächter. Rita Studer zeigt auf Tee und Kaffee: «Lisbeth, möchtest Du noch etwas?» «Schnitzel und Pommes-frites! – Gelacht wird bei uns immer», liefert Lisbeth Schär schnell nach, was selbst wir als Auswärtige an diesem wunderbaren Morgen längst begriffen haben. «Dass wir viel lachen, darf dann gerne auch in der Zeitung stehen.» Wird gemacht, Lisbeth. Pommes-frites bekommt sie an diesem Morgen aber keine.
Wer im Nest sitzt…
Das Pfarrstübli lebt. «Es war schon lange unser Wunsch, hier etwas zu machen», sagt Martha Liechti und serviert einen weiteren Teller mit Zopfscheiben, Himbeerkuchen und Nusstortenstücken. «Da drin sind Wittnauer Nüsse, gell Martha», sagt Toni Liechti, für eine ganze Weile an diesem Morgen so etwas wie der Hahn im Spatzen-Nest. Ein anderer wichtiger Treffpunkt sei der Friedhof. «Am Samstag um den Mittag, wer da alles über den Friedhof spaziert…», Lisbeth Schär lächelt. «Da sitze ich gerne aufs Bänkli, halte einen Schwatz oder höre zu, wie in der Kirche auf der Orgel geübt wird.»
Wie die Zeit verstreicht… Sie habe gesagt, dass sie um 10 Uhr wieder daheim sei, stellt Lisbeth Schär um kurz vor halb elf fest und erhebt sich. «Sagt ja nicht, dass ich die ganze Zeit direkten Blick auf eine Uhr hatte.»
Gemeindeleiter Christoph Küng steuert aufs Café zu. Auch der Gemeindeleiter kommt übers «Heeregässli». «Die Vorhänge fehlen noch», sagt er und deutet auf die grossen Fenster. Und augenzwinkernd: «Dafür sieht man von weitem schon, wer beim ‹Spatz› im Nest sitzt.» Das «Heeregässli» sei eigentlich ein Herrengässli; «der Weg, über den einst der Pfarrherr von der Kirche zum Pfarrhaus geschritten ist», erklärt er. Mit dem Heer habe das nichts zu tun.
Zeit, flügge zu werden
Es ist unterdessen Mittag in Wittnau. Um Christoph Küngs Bild aufzugreifen: Die Spatzen sind lange im warmen Nest geblieben, schliesslich sind sie aber doch flügge geworden. Das Geschirr ist abgewaschen, der Boden gewischt, bis auf wenige Ausnahmen sind die Stühle wieder hinter der Schiebetür verschwunden. Zeit, erstaunt festzustellen, dass man in dem Dorf, wo man sich kennt, keiner einsam zu sein braucht und sich so viele Vereine mit Herzblut engagieren, bei Kaffee und Kuchen noch immer die Möglichkeit hat, jemanden auf neue Art kennenzulernen.







