Seien wir ehrlich mit uns selbst!
05.06.2026 LeserbriefeJa, auch mich nervt es, wenn ich im Stau stehe oder es überfüllte Züge hat. Und so könnte ich hier noch einige Argumente der Befürworter dieser Initiative aufführen. Doch sind diese Argumente nicht einfach ein Vorwand, weil wir Angst davor haben, unseren hohen ...
Ja, auch mich nervt es, wenn ich im Stau stehe oder es überfüllte Züge hat. Und so könnte ich hier noch einige Argumente der Befürworter dieser Initiative aufführen. Doch sind diese Argumente nicht einfach ein Vorwand, weil wir Angst davor haben, unseren hohen Wohlstand zu verlieren? Mir ist es durchaus bewusst, dass nicht alle gleich vom Wohlstand in der Schweiz profitieren können. Und dennoch leben wir seit Jahrzehnten in Frieden und mussten uns nicht gross in Verzicht üben. Wir können frei leben, reden und handeln; haben eine gute Schulbildung und unsere Sozialeinrichtungen kommen ihren Verpflichtungen nach, dass es auch den Ärmeren und den Schwächeren, im Vergleich zu anderen Ländern, immer noch gut geht.
Ja, wir haben seit Jahren eine sehr hohe Zuwanderung, doch viele von diesen Menschen haben uns geholfen, diesen heutigen Wohlstand zu erreichen. Zum Beispiel den Gotthard-Eisenbahntunnel, welcher zwischen 1872 und 1882 vor allem durch italienische Gastarbeiter gebaut wurde und ein Teil der erfolgreichen Industrialisierung in der Schweiz wurde. In der frühen Eidgenossenschaft, seit ca. 1480, war ein sehr grosser Teil der «eidgenössischen Männer» in fremden Diensten als Söldner und Kriegstruppen. Dies endete erst 1859, als Schweizer Söldnereinsätze verboten wurden. Eine dieser Gruppen hat bis heute überlebt mit der Schweizer Garde im Vatikan. Wir verdienten also damals zum grossen Teil «unser Geld» im Ausland und waren da geachtet und begehrt.
Und nun wollen wir eine Begrenzung einführen, ohne die entsprechenden Folgen zu analysieren. Diese werden wir in den verschiedensten Bereichen zu spüren bekommen, wie im Spital, bei der Pflege, in den Dienstleistungssektoren wie Gastro und Hotellerie, auf dem Bau und in der Landwirtschaft. Also überall, wo wir willige Arbeits- und Fachkräfte brauchen, denn wir «Schweizer» können diese Jobs schon lange nicht mehr sicherstellen. Und wir werden diese auch in Zukunft nicht mehr sicherstellen können.
In den grenznahen Regionen sind wir täglich auf die Grenzgängerinnen und Grenzgänger angewiesen, dass diese pünktlich zur Arbeit erscheinen und uns ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen. Sollte das Schengen-Abkommen ausser Kraft gesetzt werden, würden verschärfte Grenzkontrollen zu kilometerlangen Fahrzeugschlangen auf beiden Seiten der Landesgrenzen führen. Ja, die Zuwanderung stellt uns vor Herausforderungen. Doch mit einem starren Bevölkerungsdeckel lösen wir diese nicht. Wenn wir weiterhin einen hohen Wohlstand haben wollen, müssen wir dies auf andere Art angehen, als mit dieser Initiative. Vielleicht müssen wir einfach alle mit weniger zufrieden sein, unsere Ansprüche runterschrauben und bereit sein, wieder selbst mehr zu tun für unseren Wohlstand. Aus diesen Gründen lege ich ein klares Nein ein am 14. Juni.
ALFONS PAUL KAUFMANN, UNTERNEHMER, LEHRMEISTER, GROSSRAT DIE MITTE, WALLBACH
