Scheren und Klauen schneiden bitte!

  19.03.2026 Zeihen

Schafschur in Zeihen – wertvolle Wolle mit schwieriger Vermarktung

Im Frühling ist auf vielen Bauernhöfen Zeit für die Schafschur. Auch bei Landwirt Ruedi Birri in Zeihen steht an diesem Nachmittag die jährliche Prozedur an. Doch neben der Arbeit stellt sich für viele Schafhalter eine zentrale Frage: Wohin mit der Wolle?

Sonja Fasler

Ruedi Birri hält seit rund 30 Jahren Schafe. Seit einigen Jahren hat er sich auf Spiegelschafe spezialisiert. Zurzeit leben zehn erwachsene weibliche Tiere auf seinem Hof. Im Februar sind zudem sechs Lämmer zur Welt gekommen. Schafe müssen ein- bis zweimal jährlich geschoren werden. Der Landwirt lässt seine Tiere jedoch nur einmal im Jahr, im Frühjahr, scheren. «Sonst hätten sie zweimal nur ganz kurze Wolle», erklärt er.

Anspannung im Stall
An diesem Nachmittag ist es so weit. Die Stimmung im Stall ist spürbar angespannt – sowohl bei den Zweials auch bei den Vierbeinern. Unterstützt wird der Landwirt von seiner Frau Daniela, Sohn Reto, Tochter Diana und Mitarbeiter Marc Schumacher. Ein Schafscherer aus der Region übernimmt die eigentliche Arbeit. Mit geübten Handgriffen bringt er die Tiere in Position und befreit sie mit einer Schermaschine von ihrer Wolle. Tochter Diana und Sohn Reto kommt die nicht ganz einfache Aufgabe zu, die Tiere zu packen und zur Schur zu führen. Die Vierbeiner bocken zuweilen stark, als würden sie aufs «Schafott» geführt. Sobald die Schafe auf dem Rücken liegen, werden sie jedoch überraschend ruhig und lassen die Schur stoisch über sich ergehen. «Die Haut muss möglichst angespannt werden, dann lassen sich Verletzungen weitgehend vermeiden», erklärt Ruedi Birri. Ganz ohne kleine Kratzer gehe es allerdings manchmal nicht.

Nach der Schur die Klauenpflege
Nach dem Scheren ist die «Wellness-Behandlung» noch nicht vorbei. Ruedi Birri schneidet jedem Tier zusätzlich die Klauen, bevor die Schafe im wahrsten Sinne des Wortes erleichtert wieder zu ihren Artgenossen in den Stall dürfen. Nach rund einer Stunde ist die Arbeit erledigt. Die Wolle wird in Säcke gefüllt und wartet auf ihre Weiterverarbeitu ng. Die noch kü h len Frühlingstemperaturen machen den frisch geschorenen Tieren nichts aus. Erst ab April kommen sie wieder auf die Weide – bis dahin ist die Wolle ein Stück nachgewachsen.

Ruedi und Daniela Birri halten ihre Schafe in erster Linie zur Fleischproduktion. Das Fleisch und daraus hergestellte Würste verkaufen sie direkt ab Hof. Ein Teil der Produkte wird zudem beim beliebten hofeigenen Sonntagsbrunch serviert. Dieser findet vom Frühjahr bis in den Herbst zweimal pro Monat statt – nächstes Mal am 12. April.

Mit der Wolle hingegen lässt sich heute kaum Geld verdienen – zumindest nicht in der Schweiz. Dabei wäre sie grundsätzlich ein wertvoller Naturrohstoff.

Schweizer Wolle ist eher grob
Ein Grund für die schwierige Vermarktung liegt auch in der Qualität der Fasern. Die in der Schweiz anfallende Wolle eignet sich nur bedingt für die Herstellung von Kleidung. Besonders feines Garn wird vor allem aus Wolle von Merinoschafen gewonnen, die hauptsächlich in Ländern wie Neuseeland oder Argentinien gehalten werden. Die Wolle von Schweizer Schafen ist meist gröber und daher eher für andere Anwendungen geeignet – zum Beispiel für Teppiche, Isoliermaterial, Füllmaterial oder Dünger. Entsprechend liegt das Hauptaugenmerk der Schafhaltung in der Schweiz nicht auf der Woll-, sondern vor allem auf der Fleischproduktion.

Wolle soll sinnvoll genutzt werden
Ruedi Birri ist es dennoch wichtig, dass die Wolle nicht einfach entsorgt wird. Das wäre nicht nur schade, sondern auch mit Kosten verbunden. «Bei grösseren Mengen kann man sie auch nicht einfach auf den Kompost werfen», sagt er. Wegen des hohen Keratinanteils zersetzt sich Wolle nur sehr langsam.

Bei der Suche nach einem Abnehmer wurde der Landwirt auf die Firma Fiwo in Amriswil aufmerksam. Sie holt die Wolle ab und verarbeitet sie weiter zu Dämmmaterial. Was der Landwirt dafür erhält, deckt nicht einmal die Kosten der Schur. Doch darum gehe es ihm nicht in erster Linie. Fiwo ist eine Sozialfirma und Non-Profitunternehmung, die Arbeitsintegrationsplätze für Menschen anbietet, denen der Wiedereinstieg in den ersten Arbeitsmarkt schwerfällt. «Das ist eine gute Sache», findet er.

900 Tonnen Wolle pro Jahr
In der Schweiz leben laut dem Landwirtschaftlichen Informationsdienst (LID) rund 360 000 Schafe. Sie werden meist ein- bis zweimal jährlich geschoren und liefern pro Tier etwa drei bis sechs Kilogramm Wolle. Insgesamt fallen so jährlich rund 900 Tonnen Rohwolle an, so der LID.

Der Markt für Schweizer Schafwolle hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Vor über 15 Jahren wurde die bis dahin vom Bund subventionierte Inlandwollzentrale geschlossen. Darauf hin brach der Wollmarkt zusammen, und viele Schafhalter konnten ihre Wolle nicht mehr abgeben. Das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) unterstützt allerdings Organisationen, die Wolle sammeln und verarbeiten sowie innovative Projekte mit Schweizer Schafwolle. Laut LID kann das BLW dafür jährlich bis zu 600 000 Franken bereitstellen. Der Beitrag ist maximal zwei Franken pro Kilogramm sortierter, gewaschener und zur Verarbeitung abgegebener Wolle. Zu den grössten Sammelstellen in der Schweiz gehören Fisolan in Enggistein, Fiwo in Amriswil, Swisswool in Buchs SG und Spycher Handwerk in Huttwil. Neben ihnen existieren laut LID noch zahlreiche kleinere Wollverarbeiter.

Von den rund 900 Tonnen Rohwolle werden nach Angaben des Landwirtschaftlichen Informationsdienstes mindestens drei Viertel verwertet, während höchstens etwa 20 Prozent entsorgt werden. Ein Teil der Wolle wird im Ausland weiterverarbeitet und gelangt später als fertiges Produkt wieder in die Schweiz zurück. Eine umfassende Statistik zur Wollverarbeitung in der Schweiz existiert laut LID jedoch nicht.

Für Landwirte wie Ruedi Birri bleibt die Schafschur in erster Linie eine notwendige Pf legearbeit für ihre Tiere – und die Hoffnung, dass der vielseitige Naturrohstoff Wolle auch in Zukunft sinnvoll genutzt wird.


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