«Recycling sollte das letzte Sicherheitsnetz sein»
23.08.2026 WirtschaftSammeln, sortieren, zerkleinern und möglichst sortenrein zur Wiederverwertung bringen – ein Geschäftsmodell, das angesichts beschränkter Ressourcen, unsicherer Handelsrouten und Engpässen in Lieferketten immer wichtiger wird. Ein Besuch im Recycling Center in Frick bei Leandra Kern ...
Sammeln, sortieren, zerkleinern und möglichst sortenrein zur Wiederverwertung bringen – ein Geschäftsmodell, das angesichts beschränkter Ressourcen, unsicherer Handelsrouten und Engpässen in Lieferketten immer wichtiger wird. Ein Besuch im Recycling Center in Frick bei Leandra Kern Knecht.
Simone Rufli
Nicht alles, was zusammengefunden hat, lässt sich wieder trennen. Hochkomplexe Lebensmittelverpackungen zum Beispiel, hilfreich im Kampf gegen Lebensmittelverschwendung (Foodwasting), «aber extrem schwierig zu recyclieren, weil immer ein Gemisch an verschiedenen Kunststoffen zurückbleibt», erklärt Leandra Kern Knecht, Verwaltungsrätin Daetwiler Umweltservice AG. Sie führt die NFZ an diesem Nachmittag über den Entsorgungshof der Daetwiler Umweltservice AG in Frick und damit mitten in die Kreislaufwirtschaft.
Wobei es noch nicht gelinge, restlos alle Wertstoffe im Kreis zu behalten. «Solange Verbrennen bei gewissen Stoffströmen günstiger ist als hochwertiges Recycling, fehlt ein entscheidender wirtschaftlicher Anreiz für die Kreislaufwirtschaft. Wo Recycling technisch oder ökologisch nicht sinnvoll ist und eine thermische Verwertung notwendig bleibt, verfügt die Schweiz mit ihren modernen KVA über hohe Umweltstandards und eine konsequente Nutzung der entstehenden Energie.»
Was nach der Verbrennung zurückbleibt, ist Schlacke. «Auch daraus können noch Metalle herausgelöst werden, wobei sich das Material verändert, nachdem es in der KVA rund 900 Grad ausgesetzt war.»
Platz im richtigen Mass
Im ReCenter in Frick erfolgen wenige Lieferungen regelmässig und damit planbar. «Oft kommt alles aufs Mal. Dann braucht es Abstellfläche für die verschiedenen Fraktionen, all das unterschiedliche Material.» Platz sei je länger desto mehr ein rares Gut, so Leandra Kern Knecht. «Unser Betrieb ist nicht auf lange Lagerung ausgelegt und trotzdem ist es wichtig, Platz zu haben. Nicht, um auf dem Absatzmarkt zu spekulieren, sondern um die Umschlagszeit bei den Lastwagen zu reduzieren.»
Platz erweise sich auch im Kontakt mit der Privatkundschaft als Vorteil. «Die Leute schätzen es, dass sie die Ware in einer sauberen, vor Witterungseinf lüssen geschützten und sicheren Umgebung auf die verschiedenen Mulden verteilen können. Platz ist aber auch wichtig, weil wir keine halbvollen LKWs auf die Strasse schicken.» Das Ziel: «So wenig Luft wie möglich transportieren.»
Viel Raum nimmt das Papier ein. Papier in all seinen Facetten. Grundsätzlich gelte: je dunkler, desto schwieriger das Recycling. «Anspruchsvoll, weil immer aus einem Papiergemisch bestehend, sind speziell Bücher.» Das sortierte Papier werde an Zwischenhändler geliefert oder direkt an Papierfabriken. «In der Schweiz gibt es nur noch eine einzige, die Perlen Papier AG im Kanton Luzern. Noch schlechter ist die Situation beim Glas. Glas geht zu hundert Prozent in den Export. Es gibt in der Schweiz keine Glasaufbereitung und auch keine Glasflaschenproduktion mehr.» Kunststoffe, immer mehr gesammelt in den firmeneigenen «Dättli-Säcken», gehen zu verschiedenen Abnehmern im In- und Ausland. Wobei auch beim Kunststoff gelte: «Es kann nicht alles aus den Sammelsäcken recycliert werden. Die Quote liegt bei rund 60 Prozent. Der Rest landet in der KVA.»
Leandra Kern Knecht weiss, dass die Jahres-Grundgebühr, die für die Benutzung des Entsorgungshofs in Frick erhoben wird, in der Bevölkerung umstritten ist. «Manche sagen, wir bezahlen schon mit dem Kauf eines Produktes eine vorgezogene Entsorgungsgebühr. Wir sagen: Wir stellen eine Infrastruktur zur Verfügung, die es den Leuten erspart, für jedes einzelne Produkt eine separate Entsorgungsstelle aufsuchen zu müssen. Darüber hinaus bieten wir personelle Unterstützung und Beratung und unsere Mitarbeitenden helfen mit beim Entladen. Viele Leute schätzen das.»
Textilien bald kostenpflichtig?
Apropos kostenpflichtig: Im Raum Zürich bezahlt, wer Alt-Textilien zur Sammelstelle bringt. Warum? «Weil es die Absatzmärkte von früher nicht mehr gibt. Kleider sind inzwischen so günstig, dass Occasionsware aus Europa selbst in Afrika nicht mehr gefragt ist.» Im Moment gebe es für Textilien noch eine minime Vergütung. «Lange wird es die nicht mehr geben», vermutet Leandra Kern Knecht. «Was dann? Nehmen wir Kleider aus dem Sortiment? Behalten wir sie bei als Dienstleistung für die Privat kunden? Sollen die Kunden dafür bezahlen?» Sie sei dankbar für jede Person, die daheim sammelt und trennt, sagt Leandra Kern Knecht. «Genauso wichtig ist aber, dass wir Abfall vermeiden, Dinge reparieren und wiederverwenden (vgl. «die 10 Re- in der Kreislaufwirtschaft» auf dieser Seite, Anm. d. Red.). Recycling sollte das letzte Sicherheitsnetz sein.» Denn: «Die Bodenschätze der Schweiz sind das, was wir aus der riesigen Menge aus importierten Ressourcen durch Wiederverwendung in unserem Kreislauf behalten. Darum müssen wir als Betrieb alles daran setzen, die Recycling-Quote weiter zu erhöhen.» Erfreulich sei, dass es immer mehr Anlagen zur Trennung und Wiederaufbereitung gebe, aber es bleibe noch viel zu tun. «Und das beginnt beim Produktdesign.»
50 000 Tonnen pro Jahr
Der Recycling- und Entsorgungsbetrieb Daetwiler Umweltservice AG, eine unabhängige Firma unter dem Dach der Knecht Brugg Holding AG beschäftigt am Standort Frick 15 Mitarbeitende und verarbeitet im ReCenter in Frick pro Jahr 50 000 Tonnen Abfall. Im Februar 2023 wurde die Fläche mit dem Bau einer neuen Halle um 3000 Quadratmeter auf total 15 000 Quadratmeter erweitert.
(sir)
Wirtschaftsforum Fricktal
Donnerstag, 10. September 2026, ab 17.30 Uhr, Saalbau Stein. Neben Leandra Kern Knecht referieren Rahel Galliker, Vizedirektorin Bundesamt für Umwelt BAFU, Nicole Dähn, Abteilungsleiterin Rückbau und Gebäudeschadstoffe, Gruner AG, Marc Joss, Geschäftsführer Switcher Trading, Jürg Merz, Continental Coordinator Asia/Regional Coordinator Bangladesh, Laos & Nepal, Helvetas zum Thema: «Zirkulär wirtschaften – Pflicht oder Chance?» Organisation: Fricktal Regio Planungsverband. Moderation: Patrick Rohr; 19.45 Uhr, Apéro Riche. Weitere Infos unter: www.fricktal.ch


