Ratgeber Finanz: Ist die Zeit des «Gratisgeldes» vorbei?
17.09.2026 RatgeberLukas Rüetschi
eidg. dipl. Vermögensverwalter
Hauptstrasse 43, 5070 Frick
www.ruetschi-ag.ch
Ist die Zeit des «Gratisgeldes» ...
Lukas Rüetschi
eidg. dipl. Vermögensverwalter
Hauptstrasse 43, 5070 Frick
www.ruetschi-ag.ch
Ist die Zeit des «Gratisgeldes» vorbei?
Schulden, welche nichts oder fast nichts kosten (sprich: Die Zinsen liegen bei fast null Prozent), führen oftmals zu Fehlinvestitionen, respektive man neigt zu übermässigem Risiko. Nach bald 20 Jahren mit tiefen und nun rund zehn Jahren mit sehr tiefen Zinsen hat man sich an die Situation gewöhnt und kann sich fast gar nicht mehr vorstellen, dass es wieder einmal anders kommen könnte.
Der Anreiz, sich mehr zu leisten, als eigentlich mit den gesicherten Einnahmen möglich wäre, ist vor allem bei den Staaten gross. Politiker möchten ihren Wähler doch etwas bieten, und Ausgabendisziplin ist bei fast allen nicht die Kernkompetenz, respektive gewinnt man damit nur wenige Wähler. Das geht in absoluten Tiefzinsphasen recht gut, da die Tilgung von Zinsschulden im tiefen oder sehr tiefen einstelligen Bereich nicht viel von den Einnahmen wegfrisst.
Steigen die Zinsen aber, wird immer mehr von den Steuereinnahmen für die Zinszahlungen gebraucht, respektive müssen oft neue Schulden aufgenommen werden, damit man die Zinsen überhaupt bezahlen kann. Dies ging sehr lange problemlos gut, und es gab und gibt immer wieder Gründe, weshalb man genau jetzt nicht sparen kann oder darf.
Nun scheint sich aber der Wind definitiv zu drehen. Viele Gläubiger beginnen zu zweifeln, dass zum Beispiel die USA ihr immenses Budgetdefizit in den Griff bekommen. Deshalb sind vor allem die langfristigen Zinsen doch recht massiv angestiegen. Mit diversen «Kniffen» versucht man, diesen Anstieg zu stoppen. Der Druck der Regierung Trump, die Zinsen sogar zu senken, ist immens, da man ja sonst irgendwo sparen müsste oder die Steuern erhöhen oder sogar beides miteinander und im grösseren Stil. Gerade die USA würde das hart treffen, möglicherweise den Konsum einbrechen lassen, was wieder Rückkoppelungen auf die Weltwirtschaftslage haben könnte. Aber anstelle die Probleme mal richtig anzugehen, versucht man es mit immer dreisterer Finanzakrobatik und abstrusen Zöllen auf fast alles, wo man etwas holen kann.
Europa steht zwar finanziell kaum besser da und hat sehr ähnliche Probleme, tritt aber wenigstens nicht ganz so forsch und imperialistisch auf. Ich hoffe immer noch, dass die Märkte Warnschüsse abgeben, welche die Politik versteht und dann auch handelt. Hoffen ja, aber der Glaube daran ist mir stark abhanden gekommen. Wie und wieso in einer solchen Phase die Aktienmärkte noch zu neuen Höchstständen eilen, ist für mich rätselhaft und zeigt mindestens teilweise die aktuelle Casino-Mentalität der Märkte.
Eine stärkere Rezession könnte die Zinsen beruhigen, aber das wäre sicher für die Aktienmärkte und die Arbeitsplätze nicht gut. Das könnte gewisse Staaten wieder dazu verleiten, die Ausgaben für «Investitionen» zu erhöhen, was dann die Verschuldung weiter anheizen würde. Wer in sehr guten Zeiten viel mehr ausgibt, als er hat, hat es in schwierigen Zeiten noch schwerer...
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