Ratgeber Finanz: «Der künstliche Gewinnboom»
04.06.2026 Ratgeber«Der künstliche Gewinnboom»
Die Schlagzeilen zum Irankrieg ändern sich quasi täglich. Schon gefühlt zehnmal hat der Krieg geendet, dann wieder zehnmal eskaliert. Unter all diesen Noise-Schlagzeilen dauert der Krieg nun schon drei Monate an. Der ...
«Der künstliche Gewinnboom»
Die Schlagzeilen zum Irankrieg ändern sich quasi täglich. Schon gefühlt zehnmal hat der Krieg geendet, dann wieder zehnmal eskaliert. Unter all diesen Noise-Schlagzeilen dauert der Krieg nun schon drei Monate an. Der US-Aktienmarkt hat anfänglich angesichts der Unsicherheiten ganz kurzzeitig korrigiert, doch mittlerweile rennt er trotz hoher Ölpreise und des andauernden Kriegs unbeeindruckt von Rekordhoch zu Rekordhoch.
Als Begründung werden die beeindruckenden Gewinnanstiege genannt. Tatsächlich, für 2026 geht Factset von über 20 Prozent höheren Gewinnen (!) beim S&P 500 im Vergleich zu 2025 aus, hauptsächlich getrieben durch die gigantischen Investitionen im KI-Bereich.
Der Treiber: Gigantische Investitionen in KI-Infrastruktur
Ich habe dazu eine Analyse des Fondsanbieters Quantex gelesen mit dem Titel «Der künstliche Gewinnboom». Gemäss Quantex ist der Gewinnboom am US-Aktienmarkt zu einem grossen Teil eine buchhalterische Illusion, getrieben von den massiven KI-Infrastruktur-Investitionen der Hyperscaler (Amazon, Google, Meta, Microsoft, Oracle). Während die ausgewiesenen Gewinne Rekordwerte erreichen, brechen die freien Cashflows der Tech-Giganten ein.
Was sind die wichtigsten Kernaussagen? Ich halte die Analyse von Quantex für sehr plausibel und rational begründet, aber urteilen Sie selbst:
Buchhalterische Illusion statt echter Gewinne
Die Hyperscaler investieren 2026 über 600 Milliarden US-Dollar in Datenzentren. In der Erfolgsrechnung werden diese Investitionen über Jahre abgeschrieben (z.B. sechs Jahre für Chips), sodass nur etwa 100 Milliarden als Aufwand erscheinen. Nvidia und andere «Schaufelverkäufer» verbuchen die 600 Milliarden als Umsatz mit etwa 50-prozentiger Nettomarge (rund 300 Milliarden Gewinn). Netto entstehen so auf einen Streich etwa 200 Milliarden mehr Buchgewinne.
Free Cashflow bricht ein, aber die Gewinne steigen
In der Mittelflussrechnung ist das investierte Geld dagegen sofort weg. Der freie Cashflow der fünf Hyperscaler ist um über 70 Prozent eingebrochen, bei Amazon und Oracle ist er bereits negativ. Amazon wies im Q1 2026 einen Gewinn von 30 Milliarden aus, aber der Free Cashflow stürzte auf negative 18 Milliarden ab – das «profitable» Unternehmen muss weiter Schulden aufnehmen.
Zirkuläre Wertschöpfung
Nvidia investierte 30 Milliarden in OpenAI. Amazon, Google, Microsoft und Nvidia haben über 100 Milliarden in private KI-Startups (OpenAI, Anthropic) investiert. Diese kaufen damit Rechenleistung und Chips bei denselben Investoren zurück.
Private Verluste, öffentliche Gewinne
Die grossen KI-Firmen OpenAI und Anthropic sind derzeit unprofitabel, aber privat. Ihre gigantischen Verluste erscheinen nicht in den Börsenindizes, während ihre Ausgaben direkt als Einnahmen bei S&P 500 Unternehmen anfallen.
Aufwertung trotz grosser Verluste
Hier ein ungeändertes Zitat aus der Quantex-Analyse: «Doch es kommt noch absurder: Weil die Anleger am Privatmarkt derzeit die Aktien der führenden KI-Firmen OpenAI und Anthropic nach oben bieten, können die Investoren darauf ständig Aufwertungsgewinne verbuchen. In Amazons Gewinn für das erste Quartal von 30 Milliarden Dollar steckte zum Beispiel ein Aufwertungsgewinn von 16 Milliarden auf Amazons Beteiligung am Claude-Betreiber Anthropic.»
Historische Parallele zur Tech-Blase
Die Situation erinnert an den Telecom- und Glasfaser-Boom der späten 1990er Jahre. Damals gingen Lucent und Nortel Networks pleite, weil sie wackeligen Startups den Einkauf vorfinanziert hatten. Nvidia hat ähnliche Rücknahmeverpflichtungen gegenüber seinen Chip-Käufern.
Fazit
Der vielzitierte Gewinnboom beruht im Wesentlichen auf einer Buchhaltungsillusion. Wir Anleger sollten uns fragen, ob mit KI-Modellen so viel Geld verdient werden kann — im vierten Jahr nach ChatGPT sieht es nicht danach aus. KI-Modelle scheinen austauschbar und tendenziell gratis zu werden. Auch die Hälfte des ausgewiesenen US-Wirtschaftswachstums ist inzwischen auf den KI-Investitionsboom zurückzuführen, während Investitionen ausserhalb dieses Bereichs rückläufig sind. Von Trumps versprochener Renaissance des US-Industriesektors fehlt jede Spur.
Haben Sie Fragen? Dann schicken Sie mir ein Mail an christoph.zehnder@ruetschi-ag.ch oder rufen an unter Tel. 062 871 93 57.

