Plädoyer für ein Leben im Kreis
15.09.2026 WirtschaftRekordteilnahme am (Kreislauf-)Wirtschaftsforum Fricktal in Stein: Was wird bereits unternommen, um Rohstoffe im Kreislauf zu behalten? Regionale Unternehmerinnen und Unternehmer, die oberste Kreislaufverantwortliche des Bundes und ein Projektverantwortlicher von Helvetas informierten. ...
Rekordteilnahme am (Kreislauf-)Wirtschaftsforum Fricktal in Stein: Was wird bereits unternommen, um Rohstoffe im Kreislauf zu behalten? Regionale Unternehmerinnen und Unternehmer, die oberste Kreislaufverantwortliche des Bundes und ein Projektverantwortlicher von Helvetas informierten. Fazit: Es gibt viel Luft nach oben.
Simone Rufli
«Zirkulär wirtschaften – Pflicht oder Chance?» so lautete das Motto, unter dem das diesjährige Wirtschaftsforum am Donnerstagabend über die Bühne des Saalbaus in Stein ging. Hatte der Vorstand der Regionalplanung Fricktal Regio im Vorfeld Zweifel, ob das Thema auf Interesse stösst, lieferte das Publikum am Donnerstagabend die eindrückliche Antwort: über 200 Personen sorgten für einen neuen Teilnehmerrekord.
So global das Thema Kreislaufwirtschaft, so lokal und vielfältig seien die Möglichkeiten, den Kreislauf zu unterstützen – für Grosskonzerne, KMU und Privatpersonen, so Moderator Patrick Rohr. Allein in der Schweiz produzieren die aktuell rund 9,5 Millionen Einwohnenden im Jahr 80 bis 90 Millionen Tonnen Abfall. Der Grossteil, rund 80 Millionen Tonnen, stammt von der Bauwirtschaft, rund 6 Millionen Tonnen von Gewerbe, Einwohnerinnen und Einwohnern; pro Kopf und Jahr rund 670 Kilo – 1,8 kg pro Peron und Tag. Etwas mehr als die Hälfte dieses Abfalls gelangt zurück in den Kreislauf. Warum nicht mehr? Rahel Galliker, Vizedirektorin des Bundesamtes für Umwelt (Bafu): «Was heute aus dem Kreislauf kommt, ist nicht für den Kreislauf gemacht.» Verklebte Verpackungen, schadstoffbelastetes Material – die oberste Kreislaufwirtschaftsverantwortliche des Landes fordert: konsequent weg von der linearen Wirtschaft (Rohstoffe abbauen, verbrauchen und entsorgen) hin zu einem neuen Denken, das ganz am Anfang eines Produkts ansetzt. In Zeiten knapper werdender Ressourcen «und weil wir keine eigenen Rohstoffe haben», gehe es darum, mit den vorhandenen Wertstoffen so zu verfahren, dass sie möglichst lange im Kreislauf behalten werden können.
Eine neue Verpackungsverordnung soll Anfang 2027 in Kraft treten. Das Bemühen, Online-Händler rechtlich einzubinden, gehe weiter, genauso die Unterstützung des Bundes zur Erforschung neuer Recycling-Methoden. Dass erst 25 Prozent der inländischen Unternehmen Kreislaufwirtschaft in der Strategie verankert haben, sei verständlich, so Galliker. Schnell und ohne Investitionen seien Lösungen nicht zu haben, darum solle die Wirtschaft ihren Spielraum behalten, so Galliker. Denn: «Eine Geschirrspülmaschine herstellen, von der man mehr wiederverwerten kann, davon profitiert das Unternehmen erst, wenn das Gerät in 15 Jahren zurückkommt.»
Alte Bauteile in neuen Gebäuden
Nicole Dähn, Bauingenieurin, Abteilungsleiterin Rückbau und Gebäudeschadstoffe bei der Basler Firma Gruner AG mit Aussenstandort in Stein, bot Einblick in ein neueres Tool ihrer Firma, mit dem es gelingen soll, Bauteile im Kreislauf zu behalten, indem bei einem Rückbau, von den Toilettenschüsseln bis zu den Lichtschaltern, sämtliche Bauteile erfasst und inventarisiert werden. Mit dem Ziel, dass sie anderswo wieder eingebaut werden.
Marc Joss, CEO des im 2020 wiederauferstandenen Bekleidungsunternehmens Switcher mit Sitz in Frick, verkauft nachhaltig produzierte T-Shirts, hergestellt aus Pet-Flaschen und auf bereiteten Baumwollresten, produziert mit einer Partnerfirma in Indien. Er plädierte für Nachhaltigkeit bereits beim Kauf von Textilien. Das Nachhaltigste sei, hochwertige Kleider zu kaufen und diese möglichst lange zu tragen. Denn für minderwertige Ware bleibe nur das Verbrennen. Langfristiges Ziel der Branche: Textil-Recycling in der Schweiz.
Verwaltungsrätin der Knecht Brugg Holding AG, Leandra Kern Knecht von Daetwiler Umweltservice, sprach aus Sicht der Recycling-Branche (ausführlicher Bericht zum ReCenter in Frick, erschienen in der NFZ vom 21.8.2026).
Bevor die Diskussionen beim Apéro, offeriert von der Gemeinde Stein, weitergeführt wurden, präsentierte Jürg Merz, Asienkoordinator der Entwicklungsorganisation Helvetas, am Beispiel eines Kakao-Produzenten in Vietnam ein eindrückliches Modell für einen geschlossenen Kreislauf, bei dem Abfallprodukte aus der Kakaoproduktion zu Tierfutter, Bioplastik, Brennstoff oder Transportpaletten verarbeitet werden.


