«Ich will sichtbar sein»
18.07.2026 WirtschaftSeit 1. April leitet Dr. Tim Binnewies das Gesundheitszentrum Fricktal. Wie er diese ersten Monate erlebt hat und warum ihm nahbar und sichtbar so wichtig sind, erzählt er im Gespräch.
Susanne Hörth
Wie spricht man einen CEO an, der seit gut 100 Tagen ein Unternehmen mit über ...
Seit 1. April leitet Dr. Tim Binnewies das Gesundheitszentrum Fricktal. Wie er diese ersten Monate erlebt hat und warum ihm nahbar und sichtbar so wichtig sind, erzählt er im Gespräch.
Susanne Hörth
Wie spricht man einen CEO an, der seit gut 100 Tagen ein Unternehmen mit über 1000 Mitarbeitenden an verschiedenen Fricktaler Standorten, darunter die Spitäler Rheinfelden und Laufenburg, leitet? Ein Mann, der einen prall gefüllten Rucksack an internationalen Leistungsausweisen mitbringt. Das «Hallo, ich bin Tim», begleitet von einem kräftigen Händedruck mit gleichzeitigem offenen und interessierten Augenausdruck erübrigt diese Frage. Die spontane Art von Tim Binnewies, der vor rund drei Monaten die Führung des Gesundheitszentrums Fricktal (GZF) übernommen hat, öffnet Türen. Apropos Türen: Der CEO zeigt auf die seines Büros. «Sie wird in nächster Zeit durch eine Glastüre ersetzt. Ich will sichtbar sein. Ich sehe den ganzen Flur, die Leute sehen auch mich.» Sichtbar und nahbar sein, ist dem studierten Medizintechniker mit Doktor-Abschluss in Bioinformatik/ Mikrobiologie mit langjährigen Führungspositionen in verschiedenen Unternehmen sehr wichtig. Daher hat er auch die im GZF geltende Du-Kultur von Beginn an mit Begeisterung übernommen. Sie entspricht in jeder Hinsicht seiner Philosophie der Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Er verdeutlicht das mit einem Beispiel. «Einer meiner ersten Kennen lern-Rundgänge war im Spital Laufenburg. Als ich in die Küche kam, wurde gerade das schmutzige Geschirr von den oberen Stockwerken gebracht.» Dass der neue CEO zwei Stunden lang bei der Küchenarbeit mitanpackte, dürfte den einen oder anderen Mitarbeitenden mit Sicherheit überrascht haben. «Mir ist ganz wichtig, die Basis kennenzulernen und von den Leuten zu hören, die jeden Tag ihren Job machen», betont Tim Binnewies und: «Ich möchte, dass mein spontanes Auftauchen zur Normalität wird.»
Entscheidungen mit Empathie treffen
Wie einfach oder schwierig ist es, diese Nahbarkeit und die Chef- Funktion unter einen Hut zu bringen? Darauf Tim Binnewies: «Ich habe den Eindruck, dass durch das Vertrauensthema auch eine Akzeptanz entsteht. Seit ich beim GZF bin, habe ich auch schon Entscheidungen treffen müssen, die waren nicht ohne. Es kamen dann auch Leute auf mich zu, die sagten: Tim, du wirst deinen Grund dafür gehabt haben.» Dazu führt er weiter aus: «Für mich ist es eine Kombination aus ‹ich will euch mitnehmen, gemeinsam mit euch auf diese Reise gehen›. Es gibt aber Entscheidungen, die ich treffen muss und die ich auch treffe. Das ist mein Job.»
Voller Dankbarkeit ist Tim Binnewies gegenüber Anneliese Seiler. Die heutige Verwaltungsratspräsidentin des GZF hatte 18 Jahre lang die CEO-Funktion inne. Von diesem Wissen und den Erfahrungen kann ihr Nachfolger immer wieder profitieren. Zum Anfang seiner neuen Aufgabe sicher mehr. «Sie hat immer ein offenes Ohr für mich. Gleichzeitig betont sie stets, dass ich die Entscheidungen fälle.» Mit dieser Aussage macht er deutlich, dass seitens des Verwaltungsrates bereits ein grosses Vertrauen in seine Arbeit spürbar ist.
«Als Systemdenker überlege ich immer, welche Handlungen welche Auswirkungen auf das grosse Ganze haben können. Greifen wir beispielsweise negativ in unsere Kultur ein, kann das grossen Schaden anrichten», so Tim Binnewies. «Ich liebe Prozesse, Strategien, Fakten. Ich komme aus der Wirtschaft.» Wenig Verständnis hat er für Manager, die nach drei Monaten in einer neuen Firma alles umstrukturieren und auf den Kopf stellen. Für ihn gelte, sich neben dem Alltagsgeschäft mit den dazugehörenden Entscheidungen auch, sich weiterhin die Ruhe zu nehmen, um alles genau kennenlernen zu können. Das Thema Nachhaltigkeit spielt für ihn dabei eine grosse Rolle. «Wenn du etwas gestalten und es in eine gute Zukunft führen möchtest, geht ein ‹Reinhauen» nach gerade einmal drei Monaten überhaupt nicht.»
Darauf angesprochen, was ihn denn an der Aufgabe als CEO für das GZF am meisten gereizt habe, nennt er zum einen sein Wissen und die Erfahrungen aus seinen leitenden Funktionen in der internationalen Wirtschaft. Zum anderen die Möglichkeit, Menschen zusammenbringen zu können. Er selbst sieht sich als Teil davon. «Ich gehe mit auf Visite, gehe gerne ins Pflegeheim.» Die menschliche Sicht einbringen zu können, ist ihm bei seiner neuen Aufgabe sehr wichtig. Als Bestatter sowie ausgebildeter Sterbe- und Trauerbegleiter, kennt er auch diesen Bereich sehr gut. Die Sterbeund Trauerbegleitungen möchte er, wenn möglich, auch weiterhin machen.
Ein Sechser im Lotto
«Die Chance, einen Job zu bekommen, der das Zusammenbringen der vielen Bereiche ermöglicht, war für mich wie ein Sechser im Lotto.» Nach wie vor gilt für ihn, noch mehr in die Prozesse hineinzuschauen, noch besser alles kennenlernen und auch auf das Wissen und Können aller Mitarbeitenden zählen zu können. Klarheit und Direktheit sind ihm wichtig. «Ich will nicht hören, warum etwas nicht geht. Erzählt mir, wie es gehen könnte. Abstriche, wo nötig, können dann immer noch vorgenommen werden.»
Was möchte er als CEO erreichen? «Dass das GZF über die Region hinaus noch bekannter wird. Ich habe manchmal den Eindruck, dass wir etwas vergessen werden.» Dazu gehöre eine noch bessere Vermarktung. «Wir müssen uns nicht verstecken», verweist er auf die vielen kompetenten Fachbereiche des Gesundheitszentrums. Die medizinische Grundversorgung für die Fricktalerinnen und die Fricktaler bleibt für Tim Binnewies ein zentrales Thema. Zu den weiteren Herausforderungen zählt er die Digitalisierung auf, Optimierung der Prozesse und bessere Aussenwirkung des GZFs auch innerhalb des Fricktals. Ein besonderes Anliegen ist Tim Binnewies der Aufbau eines Zentrums fürs Alter. Zudem bleiben auch die Hausarztpraxen ein grosses Thema. Wo möglich, bietet das GZF hier Hand. Gleichzeitig verweist der CEO auf den Fachkräftemangel. Immer weniger Fachmitarbeitende im Gesundheitswesen wollen zudem ein Vollzeitpensum.
Betreffend Rekrutierung von Mitarbeitenden ist er überzeugt: «Wenn man in seiner Organisation ein Umfeld schafft, das stimmt, motiviert das auch Menschen, hier zu arbeiten. Deshalb lege ich auch so viel Wert auf unsere gute Kultur. Das spricht sich herum.»
Auf die Zusammenarbeit mit den Spitälern in den beiden Basler Halbkantonen angesprochen, verhehlt er nicht, dass in gewisser Form eine Konkurrenz natürlich vorhanden sei. Sein Eindruck nach den ersten drei Monaten als CEO sei jedoch vor allem, dass der Gedanke der gegenseitigen Hilfe eine wichtige Rolle spielt. Die bestehenden Kooperationen dürfen keine Einbahnstrassen sein, sondern vielmehr gelebte Partnerschaft.
Zu den aktuellen Investitionen am GZF hält er unter anderem jene in die Digitalisierung fest. Ausserdem werden die Geräte in den Operationssälen auf den neusten Stand gebracht. Voller Stolz erwähnt er die neue Rettungswache in Eiken. Sie wird nächstes Jahr in Betrieb genommen.
Bevor er sich mit festem Händedruck von der Schreiberin verabschiedet, betont er zufrieden: «Ja, ich bin beim GZF wirklich angekommen.»

