«Ich tauche gern ab in andere Welten»
06.10.2026 Basel«Fabelhaft! – Erzählfestival Region Basel»
Am Wochenende vom 23. bis 25. Oktober findet in Oltingen die Premiere des Erzählfestivals «fabelhaft!» statt. Treibende Kraft hinter diesem Anlass ist unter anderem die Basler Schauspielerin und Erzählerin ...
«Fabelhaft! – Erzählfestival Region Basel»
Am Wochenende vom 23. bis 25. Oktober findet in Oltingen die Premiere des Erzählfestivals «fabelhaft!» statt. Treibende Kraft hinter diesem Anlass ist unter anderem die Basler Schauspielerin und Erzählerin Denise Racine.
Robert Bösiger
Das Atelier, wo Denise Racine (67) ihre Geschichten probt, befindet sich auf dem Dachboden ihres Hauses in Basel. Dort hat sie ihre Bibliothek, reich bestückt mit Märchen- und Sagenbüchern. Als Kind war sie verträumt, introvertiert, liebte das Lesen. Doch, so erzählt sie bei unserem Besuch, mit ihren Spielkameraden im Garten einer Genossenschaftssiedlung kam sie aus sich heraus und führte auch gern die anderen an. Dann kam der Umzug mit den Eltern und dem Bruder nach Binningen, wo es zwar ein eigenes Zimmer gab, aber auch weniger Kinder zum Spielen.
Vom Theatervirus gepackt
Nach dem Besuch des Gymnasiums mit Fachmaturität Musik war klar: «Ich wollte raus aus Basel, die Welt entdecken!» In der lokalen Zeitung stösst sie auf ein Inserat, in dem ein Schauspieler-Ehepaar in Paris ein Au-pair-Mädchen sucht. Sie wird engagiert, um sich künftig um den einjährigen Sohn zu kümmern. Das Ehepaar ist Teil der Schauspieltruppe um den britischen Theaterund Filmregisseur Peter Brook (1925–2022).
Sofort wird sie in den Bann der Theaterwelt gezogen, wie sich Denise Racine erinnert. Es ist sozusagen Liebe auf den ersten Blick, als sie zum ersten Mal das historische, reduziert ausgestattete, aber charmante Pariser «Théâtre des Bouffes du Nord» betritt. «Diese Stimmung, dieses ganz eigene Klima …!» Peter Brook ist damals Leiter dieses Theaters. Doch Brook bereist mit seiner internationalen Theatercompanie auch die Welt. Au-pair Denise Racine begleitet ihre Gastfamilie, sorgt für den Nachwuchs und gewinnt so Einblick ins faszinierende Leben der Theaterleute. «Wir waren in Australien, in New York, in Frankreich – überall».
Nach dem Au-pair-Jahr bleibt Racine ab 1980 für fast drei Jahre in der «Stadt der Liebe» und belegt Kurse bei Schauspiellehrern wie Jacques Lecoq, Philippe Gaulier und Bewegungspädagogin Monika Pagneux. Anschliessend tingelt sie mit einer Theatercompanie durch Europa.
Zurück in Basel («Ich musste Geld verdienen») findet sie eine Stelle in der Fachbibliothek des Pädagogischen Zentrums. Sie lässt sich berufsbegleitend zur Gemeindebibliothekarin ausbilden und wird verantwortlich für die umfangreiche Kinder- und Jugendbibliothek. Gleichzeitig nimmt sie Gesangsstunden und will sich mit Sprache und klassischen Texten auseinandersetzen.
Freude am Erzählen
Denise Racine lernt 1994 ihren heutigen Mann Klemens Dossinger kennen und wird Mutter zweier Söhne, denen sie viel und gern vorliest. Auf dem «Basler Jugendbücherschiff» an der Schiff lände, das seit 1981 Generationen von Schulkindern mit der Bücherwelt vertraut macht und ihnen den lustvollen Zugang zum Lesen vermittelt, werden jedes Jahr Erzählnächte veranstaltet. Dabei realisiert sie: «Ich habe eine Begabung, Geschichten zu erzählen und diese auch spielerisch zu vermitteln.» Damit ist der Weg vorgezeichnet und sie konzentriert sich fortan auf die Kunstform des Erzählens.
Beim Entwickeln ihrer eigenen Ausdrucksform verknüpft sie das Geschichtenerzählen mit Elementen der Theaterwelt. 2006 entsteht ihr erstes Solostück. Seither sind weitere Stücke hinzugekommen. Denise Racine tritt mit ihren Programmen regelmässig einerseits in Schulen, Bibliotheken und Kleintheatern auf, andererseits auch an Privatanlässen. Doch wie entwickelt sie ein neues Stück? Racine: «Meine Theaterstücke basieren auf universellen Stoffen aus Märchen, Mythen und Sagen. Ich schreibe sie um, schreibe sie mir auf den Leib und bringe sie erzählend, spielend, singend auf die Bühne.»
Ganz ohne Skript
Beim freien Erzählen sei es wichtig, sich mit der Geschichte zu verbinden und die inneren Bilder entstehen zu lassen, sagt Denise Racine. Durch die Wiederholung finde man den eigenen Wortlaut, den eigenen Sprachfluss. Zudem: Das Erzählen geschieht freestyle, also ohne Skript oder Spickzettel.
Weshalb erzählt Denise Racine überhaupt Geschichten: «Es ist meine Art, mich mit den Dingen zu beschäftigen, die mich bewegen. Ich tauche gerne in andere Welten ab – und noch schöner finde ich es, wenn es mir gelingt, andere in dieses Reich der inneren Vorstellung mitzunehmen.»
Zusammen mit der Basler Erzählkünstlerin Michèle M. Salmony hat sie unter dem Namen «fabelhaft!» ein Erzählfestival auf die Beine gestellt, das im Oktober über die Bühne geht (vgl. Box). Ein Ziel des Festivals ist es, das Erzählen als eigenständige Kunstform nebst Theater und Musik in der Region Basel zu festigen.
Erzählfestival «fabelhaft!»
Vom 23. bis 25. Oktober verwandelt sich die Obere Mühle in Oltingen (BL) in einen Ort voller Geschichten. Gut 25 professionelle Erzählerinnen und Erzähler aus der ganzen Schweiz erzählen Märchen, Sagen, Mythen und Geschichten frei und lebendig. Am Freitagabend und Samstag richtet sich das Programm vor allem an Erwachsene. Am Nachmittag erzählen Künstlerinnen und Künstler aus dem ganzen Land, am Abend solche aus der Region Basel – in zwei Blöcken kann man fünf Stunden Geschichten lauschen. Der Sonntag gehört den Familien und Kindern mit Geschichten, Basteln, Spielen. Damit der Eintritt für jedes Portemonnaie möglich ist, gibt es keinen Ticketverkauf, sondern am Ende eine Kollekte. www.fabelhaftfestival.ch

