«Ich habe nie den Bodenkontakt verloren»
04.08.2026 Wittnau«Börni» Schär spricht in Wittnau über Anstand und Respekt
Er wollte keine Rede halten, zu einem Gespräch aber war er bereit. Sportjournalist Bernhard «Börni» Schär unterhielt sich an der Wittnauer Bundesfeier auf dem Podium mit Frau Gemeindeammann Denise Schmid.
Boris ...
«Börni» Schär spricht in Wittnau über Anstand und Respekt
Er wollte keine Rede halten, zu einem Gespräch aber war er bereit. Sportjournalist Bernhard «Börni» Schär unterhielt sich an der Wittnauer Bundesfeier auf dem Podium mit Frau Gemeindeammann Denise Schmid.
Boris Burkhardt
Mehrfach bittet Bernhard «Börni» Schär die NFZ, Anekdoten, die er über prominente Sportler erzähle, nicht zu veröffentlichen. «Es soll nicht um sie gehen, sondern um die Botschaften, die ich den Menschen in Wittnau mitteilen will», erklärt er. Der 70-jährige pensionierte Sportjournalist des SRF wollte an der Bundesfeier keine Rede halten. Das hätte er auch für Frau Gemeindeammann Denise Schmid nicht getan. Die beiden hatten sich auf einem Schwingfest kennengelernt, wie Schmid erzählt. Ein gemeinsames Podiumsgespräch, das konnte sich Schär aber durchaus vorstellen und war deshalb am vergangenen Freitag Ehrengast an der Bundesfeier im 1450-Einwohner-Dorf.
Anstand und Respekt nannte Schär die wichtigsten Aspekte seiner Botschaft: «Einander grüssen, Komplimente machen.» Lieber habe er als einziger Journalist bei schweren Niederlagen auf ein nachbohrendes Gespräch direkt nach dem Auftritt verzichtet und dafür später exklusiv ein 15-Minuten-Interview erhalten. Er sei deshalb auch nie in die Situation gekommen, dass ein Sportler ein Live-Interview verweigert habe: «Ich habe sie immer zuvor gefragt, ob sie reden wollten. Wenn sie Ja sagten, bat ich sie, auch gescheite Antworten zu geben. Das hat immer funktioniert; und das fand ich anständig von beiden Parteien.»
Fehler als Ansporn
Von den Sportlern egal welcher Nation, berichtete Schär, habe er mitgenommen: «Ohne Selbstbewusstsein läuft nichts. Man muss sich überlegen, wo die eigenen Talente liegen und sich ein konkretes, erreichbares Ziel vornehmen.» Fehler seien nur Ansporn für den Fortschritt. Es habe ihn beeindruckt, wie die Sportler immer selbst die Fehler ihrer Leistung thematisierten: «Das machte es mir als Reporter wesentlich leichter.» Die Politiker könnten sich davon eine Scheibe abschneiden, meinte Schär, ehe er mit einem Schmunzeln gewahr wurde, dass er ja auf dem Podium neben einer Politikerin sass.
Stolz, Schweizer zu sein habe er in der Welt keinen empfunden: «Das klingt mir zu arrogant.» Aber vielfach sei das positive Image, das die Schweiz in der Welt habe, eine grosse Genugtuung gewesen: «Ich bin froh, in einem Land zu leben, wo noch immer der Kompromiss hochgehalten wird.» Mühe habe es allerdings immer wieder gemacht, das Schweizer Bankensystem zu verteidigen: «Ich habe seit meiner Pensionierung mit 150 Firmen gesprochen und bin deshalb überzeugt, dass wir unser Bankensystem brauchen.»
«Schneid noch die Hecken»
Ganz wichtig für Schär: Er habe nie den Bodenkontakt verloren. Einmal habe sein Sohn daheim ein U18-Spiel gehabt, während er selbst ein Spiel Roger Federers habe kommentieren müssen: «Den Zwiespalt in mir werde ich nie vergessen.» Wenn man auch noch so viel Erfolg habe, müsse man immer demütig bleiben und dürfe nie seine Herkunft vergessen: «In zwei Stunden war ich mit dem Flugzeug von der glamourösen Welt in Wimbledon zu Hause. Da hiess es: ‹Schneid noch die Hecken›.»
Dritter Stock links
Keiner könne seine Erziehung verleugnen, gab Schär den Wittnauern ausserdem auf den Weg. Er selbst sei in Oftringen bescheiden in einem Sechs-Familien-Haus aufgewachsen: «Dritter Stock links – ich habe das nie vergessen.» Es freue ihn sehr, dass Wittnau noch keine Probleme habe, Helfer für ein Fest wie die Bundesfeier zu finden. Dieses Jahr organisierten Turnverein und Frauenriege die Bundesfeier; Musikgesellschaft und Männerchor spielten und sangen. Ganz begeistert war Schär vom Schulmotto, das in seiner Blickrichtung auf der Fassade stand: Guet zäme ha – s’zäme guet ha. «In 70 Jahren habe ich keine so tolle Lebensweisheit gesehen; das werde ich in Zukunft in Gespräche einbauen.»
Keine Sorgen machte sich Denise Schmid übrigens während der Bundesfeier um den Wasservorrat Wittnaus. «Im Moment reicht das Wasser noch», erklärte sie der NFZ: «Die Menschen in Wittnau halten sich an unsere Sparmassnahmen. Es herrscht eine grosse Solidarität im Dorf.» Wittnau ist als einzige Gemeinde im Fricktal ausschliesslich von natürlichen Quellen abhängig, die bald versiegen könnten. Eindrücklich war, wie viele Wittnauer beim einsetzenden Regen während der Bundesfeier demonstrativ im Freien sitzen blieben. Schliesslich hat man sich den Regen lange genug herbeigesehnt – und auch am Freitagabend war es nicht einmal der sprichwörtliche Tropfen auf den heissen Stein.


