Hausärzte fehlen
22.05.2026 LeserbriefeZum Leserbrief «Keine Sorge um Grundversorgung im Fricktal» von Andreas Tscheulin. NFZ vom 12. Mai.
Wie beruhigend: Offenbar müssen wir uns um die medizinische Grundversorgung keine Sorgen machen, solange genügend Apotheken existieren. ...
Zum Leserbrief «Keine Sorge um Grundversorgung im Fricktal» von Andreas Tscheulin. NFZ vom 12. Mai.
Wie beruhigend: Offenbar müssen wir uns um die medizinische Grundversorgung keine Sorgen machen, solange genügend Apotheken existieren. Dann können wir beruhigt aufhören, Hausärzte auszubilden. Wozu noch Medizinstudium, Facharztausbildung, Notfallkompetenz und Verantwortung für komplexe Patienten, wenn ein dichtes Netz an Apotheken genügt? Die Logik dahinter ist ungefähr so überzeugend wie die Behauptung, man brauche keine Feuerwehr mehr, solange genügend Baumärkte Feuerlöscher verkaufen und deren Bedienung erklären können. Grundversorgung bedeutet mehr als Medikamentenabgabe. Sie bedeutet Diagnosen stellen, gefährliche Verläufe erkennen, chronisch Kranke begleiten, Pflegeheime betreuen, Hausbesuche machen und täglich Entscheidungen mit Konsequenzen treffen. Ein Medikament abzugeben ist der letzte Schritt – ersetzt aber keinen Arzt. Bemerkenswert ist der moralische Unterton gegenüber selbstdispensierenden Ärzten: «Wer verschreibt, verkauft nicht.» Interessant ist nur, dass dieser Massstab offenbar ausschliesslich für Ärzte gilt, obwohl auch Apotheken wirtschaftliche Unternehmen sind. Noch interessanter wird es, wenn Apotheken gegen Aufpreis verschreibungspflichtige Medikamente ohne Arztkonsultation abgeben und zunehmend Dienstleistungen anbieten, die in klassische ärztliche Zuständigkeitsbereiche hineinreichen. Die Realität ist simpel: Hausärzte fehlen. Immer weniger junge Ärztinnen und Ärzte wollen die enorme Belastung der Grundversorgung tragen. Und das Gegenargument? Der Medikamentenverkauf durch Ärzte sei im Aargau seit über hundert Jahren verboten. Nach dieser Logik müssten wir heute noch mit Pferdekutschen zur Praxis fahren. Ein System ist nicht automatisch sinnvoll, nur weil es alt ist. Apotheken sind wichtige Partner. Aber Partner – nicht Ersatz. Wer auch morgen noch eine funktionierende hausärztliche Grundversorgung will, sollte alles unterstützen, was Hausarztmedizin attraktiv hält – dazu gehört auch die Praxisapotheke.
ANNE-KRISTIN KUHNT, ISABEL WALIGURA UND VALERIO GOZZOLI, PRAXIS MELIMED MÖHLIN
