Gegen die Monotonie im Bach
18.04.2023 EikenDie Sissle wurde in Eiken renaturiert und soll jetzt nicht mehr austrocknen
Der WWF Aargau widmete sich in einem Projekt der Sissle im Abschnitt zwischen Reiterhof und Sportplatz. Durch Hindernisse im Wasser soll der kanalisierte Bach biologisch aufgewertet und vor dem Austrocknen ...
Die Sissle wurde in Eiken renaturiert und soll jetzt nicht mehr austrocknen
Der WWF Aargau widmete sich in einem Projekt der Sissle im Abschnitt zwischen Reiterhof und Sportplatz. Durch Hindernisse im Wasser soll der kanalisierte Bach biologisch aufgewertet und vor dem Austrocknen geschützt werden.
Boris Burkhardt
Projektplaner Werner Götz und Céline Evéquoz vom Liestaler Ingenieurbüro Götz, Thomas Ammann und Regula Bachmann vom WWF Aargau sowie René Binkert vom kantonalen Gewässerunterhalt wurden intensiv zu den Renaturierungsmassnahmen an der Sissle in Eiken befragt: Rund 20 sehr interessierte Gäste waren trotz des Regens am Samstag der Einladung des WWF zur Ortsbesichtigung gefolgt. Auf einer Strecke von rund 200 Metern, zwischen zwei Schwellen auf Höhe des Reiterhofs wurden Hindernisse im Bachlauf angebracht, vom Menschen geschaffen aber aus natürlichen Materialien. Sie sollen die Biodiversität erhöhen und die Sissle auf dieser Strecke vor dem Austrocknen bewahren. Bachmann, Vizepräsidentin des WWF Aargau und ehemalige CVP-Grossrätin, berichtete, dass sie im sehr trockenen Sommer 2018 von einem Fischer aus Oeschgen angesprochen worden sei: Von der Sissle sei damals stellenweise nicht einmal mehr ein Rinnsal übrig gewesen. Projektleiterin Evéquoz erklärte, mit welchen Massnahmen sie das in Zukunft verhindern will: Buhnen, vom Ufer in den Bachlauf ragende kleine Dämme oder Baumstämme, sollen helfen, eine Niedrigwasserrinne in der Bettmitte zu formen, sodass im Sommer wenigstens noch etwas Wasser fliesst; Faschinen, niedrige Zäune aus Reisigbündeln im Wasser, helfen, die Gewässersohle zu befestigen und schützen vor Versandung.
Durch diese Hindernisse, ergänzt durch einige «Störsteine» und eine grasbewachsene Sandbank unterhalb der ersten Schwelle, komme Dynamik in die vorher «relativ monotone» Fliessgeschwindigkeit der Sissle, erläuterte Evéquoz: «Kies und Sand setzen sich ab und bieten Würmern, Krebsen und Schnecken ein Biotop.» Die Hindernisse selbst dienten auch als Fischunterstand. Die Ingenieure hätten die Massnahmen nur initiiert, gab Evéquoz zu bedenken: «Die Sissle soll sie selbst umsetzen.»
Willkommener Helfer
Der Biber sei an der unteren Sissle aktiv, bestätigte Evéquoz die Frage einer Teilnehmerin: «Er hatte keinen Einf luss auf die Massnahmen, ist aber willkommen.» Holz, das der Biber in den Flusslauf bringe, helfe prinzipiell ebenfalls gegen Versandung; allerdings müsse man darauf achten, ob es bei Hochwasser nicht zu einer Gefahr werde, wenn es sich etwa unter Brücken verkante.
Das Ufer tasteten die Ingenieure nicht an, weil es dem Hochwasserschutz diene. Die Sissle führe im Normalfall unter zwei Kubikmetern Wasser pro Sekunde, könne aber bis zu 16 Kubikmeter anschwellen, ergänzte Binkert. Beim einmaligen Hochwasser von 1999 jagten laut der Hydrometrie des Kantons sogar 102 Kubikmeter pro Sekunde durch das Bachbett. Die Messstation befindet sich beim Sportplatz Eiken.
Kantonalen Massnahmen nicht vorgreifen
Die Bauarbeiten im vergangenen Sommer seien selbst im trockenen Bachbett erfolgt, berichtet Evéquoz. Das sei nicht ideal gewesen, weil die Wirkung der Massnahmen ohne Wasser nicht habe erprobt werden können. Werner Götz ist zufrieden mit der Umsetzung und spricht bei einem Aufwand von 40 000 Franken für Planung und Umsetzung von einem guten Kosten-Nutzen-Verhältnis. Der Ingenieur betonte aber auch, die Massnahmen seien «nicht für alle Ewigkeiten» gebaut: «Wir wollen den kantonalen Massnahmen nicht vorgreifen.» Er spielte damit auf das Projekt «Sissle 2030» an, mit dem der Kanton die Renaturierung der gesamten Sissle in einzelnen Etappen ab Frick plant. Die Kosten in Eiken teilen sich zu je einem Drittel der WWF Aargau, der Kanton und der Fonds «Naturmade Star». Laut René Binkert untersucht der Kanton derzeit die Wirkung eigener Massnahmen in Oeschgen; weitere konkrete Planungen gebe es aber noch nicht. Er könne nichts versprechen, sich aber durchaus gut vorstellen, dass die Massnahmen in Eiken ins Gesamtkonzept passen würden. Das Bett der Sissle werde in diesem Abschnitt wohl auch in Zukunft kanalisiert bleiben, sagten Bachmann und Binkert unabhängig voneinander: «Die Landwirte werden kaum Land hergeben.» Bachmann gibt aber auch zu, dass Mäander (Flussschlingen) den Fluss verlangsamten und damit dem Kampf gegen die Austrocknung zuwiderliefen.
Im Gespräch mit der NFZ stellten die beiden Eiker Gemeinderäte Ingo Anders und Didi Schärer die Bedeutung der Sissle für die Naherholung heraus. Auch die Amtskollegen Esther Herzog aus Oeschgen und Franz Ruder aus Frick sahen sich die Massnahmen an. In Oeschgen sei die Sissle bis jetzt noch nicht ausgetrocknet, berichtete Herzog; Frick plant selbst im Zusammenhang mit einem Veloweg am Ufer eine lokale Renaturierung des Bachs.
Vizepräsidentin Bachmann gab zu bedenken, dass sich der WWF in erster Linie global engagiere. Der Schwerpunkt der Sektion im Aargau liege aber auf dem Gewässerschutz: Geschäftsführer Thomas Ammann hat sich auf Gewässerbiologie spezialisiert. Laut einer Studie des Kantons von 2008, an der er selbst als Praktikant mitgewirkt habe, leben in der Sissle Forellen, Elritzen, Schmerlen und Groppen. Der Aal sei zwar 2008 noch aufgeführt; Ammann zweifelt aber, dass es der Wanderfisch tatsächlich noch in die Sissle schaffe.
Der Abschnitt der Sissle sei gewählt worden, weil er besonders schattenarm sei und monoton verlaufe. In diesem Zusammenhang bedauerten mehrere der Anwesenden, dass die Kopfweiden am Ufer wegen der Hochspannungsleitung, die hier direkt am Ufer entlangführt, fast bis zum Boden zurückgeschnitten wurden. Binkert versicherte aber, dass es im Verlauf der Sissle genug Ufergewächse gebe: «Der Schaden ist an dieser Stelle eher fürs Auge als für die Ökologie.»




