Leitartikel zum Jahresanfang 2026
Wir leben aktuell auf der Welt in unruhigen Zeiten. Vorbei ist die Gewissheit, dass sich der Friede überall im Vormarsch befindet. Die Machtverhältnisse haben sich eindeutig verschoben. Im Westen, wie im Osten. Vorbei ist die ...
Leitartikel zum Jahresanfang 2026
Wir leben aktuell auf der Welt in unruhigen Zeiten. Vorbei ist die Gewissheit, dass sich der Friede überall im Vormarsch befindet. Die Machtverhältnisse haben sich eindeutig verschoben. Im Westen, wie im Osten. Vorbei ist die Zeit, als die USA für den Westen der Garant eines machtpolitischen und militärischen Gleichgewichts waren. Einerseits, weil sich die USA, zum Leid von Europa, politisch, militärisch und wirtschaftlich selbst aus dieser Rolle verabschiedet haben und zudem befreundete Länder mit überhöhten Zöllen wirtschaftlich in die Enge treiben. Zum anderen, weil andere Länder wie China erstarkt sind und auf der Weltbühne eine führende Position beanspruchen. Hinzu kommt Russland mit seiner grossen Armee, welches unter dem Präsidenten Putin die Grenzen in Europa mit aller Kraft neu ziehen will. Er scheut vor nichts zurück – auch vor Krieg und Hunderttausenden von Toten nicht.
Europa macht dabei einen verzweifelten Eindruck. Zwar ist der «alte» Kontinent in Bezug auf seine Bevölkerung und sein militärisches Potential weiterhin eine Macht. Doch politisch ist man sich bisher zu wenig einig. Zu unterschiedlich sind die Interessen der einzelnen Länder und Kulturen. Eine schlechte Ausgangslage, wenn man autokratischen Herrschern wie Vladimir Putin, Xi Jinping oder auch Donald Trump Paroli bieten möchte.
Und die Schweiz? Wir sind in den letzten Jahrzehnten – bei weltweiter Stabilität – sehr gut gefahren mit unserem eigenen Weg. Politisch (meistens) eigenständig und wirtschaftlich mit Verträgen gut abgesichert, ging es uns bestens. Doch welches ist der beste Weg der Schweiz in der neuen Zukunft? In einer Welt, in der Macht mehr zählt als Gerechtigkeit, in der Eigeninteressen mit aller Kraft – auch militärischer – durchgesetzt werden? Welche Überlebenschancen hat da ein kleines Land wie die Schweiz überhaupt noch?
Unsere eigene, lange Geschichte lehrt uns, dass es immer wieder grosse Veränderungen gab, welche die Schweiz auf die Probe stellten. Das Verteidigen unserer freiheitlichen Werte und unserer Kultur waren uns immer wichtig. Erfolgreich geschafft haben wir dies dank einer Mischung aus Widerstand, Anpassung, Kooperationsbereitschaft und letztendlich auch Glück.
Die Zeiten haben sich geändert – auch für uns in der Schweiz. Mit der Bedrohung von Europa durch Russland und dem forschen Auftreten von China stehen letztendlich auch das Überleben der europäischen Werte und Kultur auf dem Spiel.
Die Französische Revolution hat uns mit ihrer Aufklärung stark geprägt, die Menschen- und Bürgerrechte mit «Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit» gestärkt, sowie unsere Demokratie begründet. Diese Werte sind für die heutige Schweiz essenziell.
Die Zeiten haben sich geändert – Europa muss sich ändern, muss sich gemeinsam mit aller Kraft dafür einsetzen, diese Werte zu verteidigen. Auch die Schweiz kann nicht nur abseitsstehen. Denn wir sind ein Teil von Europa, ein Teil der Werte und der Kultur Europas. Auch wenn es manchmal grosse sprachliche und kulturelle Unterschiede gibt, die europäischen Länder stehen uns am nächsten. Sie gelten auch als verlässliche Partner.
Die Zeiten haben sich geändert – auch die Schweiz muss sich bewegen: Für eine unabhängige, selbstbewusste und starke Schweiz in einem vielfältigen, aber geeinten und starken Europa.
Walter Herzog