«Die Verbindung von Psyche und Körper hat mich immer fasziniert»
23.08.2026 WirtschaftSie ist Ärztin und Managerin: Als Klinikdirektorin und Vorsitzende der Geschäftsleitung will Katharina Gessler die «Schützen Rheinfelden Klinik & Hotels» in die Zukunft führen. Trotz Veränderungen soll die besondere Kultur des Betriebs erhalten bleiben.
Valentin Zumsteg
...Sie ist Ärztin und Managerin: Als Klinikdirektorin und Vorsitzende der Geschäftsleitung will Katharina Gessler die «Schützen Rheinfelden Klinik & Hotels» in die Zukunft führen. Trotz Veränderungen soll die besondere Kultur des Betriebs erhalten bleiben.
Valentin Zumsteg
Wir treffen uns im Hotel Eden. Dort geht der Klinikbetrieb, der Psychosomatik, Psychiatrie und Psychotherapie umfasst, fliessend in den Gastbetrieb über, genau wie im Hotel Schützen. Das ist das Besondere am Konzept der Klinik Schützen Rheinfelden. Die Patientinnen und Patienten sollen sich wohl fühlen und integriert werden.
«Mir war die Schweiz immer sympathisch»
Katharina Gessler ist seit 1. Juli 2025 Chefärztin und Klinikdirektorin der Klinik Schützen, auf Januar 2026 hat sie zusätzlich den Vorsitz der Geschäftsleitung übernommen. Die 42-Jährige stammt aus einer Mediziner-Familie. «Ich habe immer gedacht, deswegen werde ich nicht Medizinerin», erzählt sie mit einem Lachen. Es kam anders. Das Interesse an der Medizin und vor allem der Psychosomatik war stärker. «Die Verbindung von Psyche und Körper hat mich immer fasziniert, schon vor dem Studium. Ich wollte die Zusammenhänge verstehen. Es war daher klar für mich, dass ich später in diesem Bereich arbeiten möchte», sagt Gessler, die in Bonn aufgewachsen ist. Dort hat sie die Schule besucht und das Studium absolviert.
Ihr beruf licher Weg führte sie aber schnell in die Schweiz. Erste Praktika während der Studienzeit absolvierte sie unter anderem in der Klinik Barmelweid, dort erhielt sie später ihre erste Anstellung als Ärztin. «Mir war die Schweiz schon immer sehr sympathisch. Kommt hinzu, dass in Deutschland die Bedingungen für Ärzte sehr schlecht waren.» Es sind aber nicht nur die Arbeitsbedingungen, die sie in die Schweiz führten, sondern auch die Natur und die Landschaft. «Ich liebe die Berge, die gibt es in Bonn nicht. Ich fahre gerne Ski und liebe die Natur.» Mittlerweile spricht sie sogar Schweizerdeutsch. Gessler ist verheiratet und wohnt mit ihrer Frau in Aarau, wo es ihr sehr gut gefällt.
«Veränderung der Blutgerinnung»
Ihre Doktorarbeit schrieb sie über «Die Veränderung der Blutgerinnung bei Angstpatienten». Hier beschäftigte sie sich intensiv mit dem Zusammenspiel von Psyche und Körper. Fazit: Angstsituationen gehen tendenziell mit einer stärkeren Blutgerinnung einher. «Mich interessiert der Zusammenhang von Körperreaktionen und Emotionen. Wie ist das zu erklären?» Eine andere Frage, die sie beschäftigt: «Wenn verschiedene Menschen die gleiche Situation erleben, nehmen sie sie unterschiedlich wahr. Was ist dann Realität?» Heute sei das Verständnis grösser, dass nicht nur die Psyche auf den Körper wirke, sondern auch umgekehrt. «Eigentlich gibt es nur ein System, kein Entweder-Oder.» In der Medizin fehle dieses Verständnis teilweise noch, so dass die einen für den Körper und die anderen für die Psyche zuständig sind. «Wir wissen heute zum Beispiel, dass Menschen mit Depression ein höheres Risiko für Herzinfarkte haben. Wir wissen aber nicht, warum.»
Die psychischen Erkrankungen haben in den letzten Jahren zugenommen. Das bekommt der Schützen Rheinfelden zu spüren. «Die Nachfrage ist gross, auch von jungen Patienten», sagt die Klinikdirektorin. Was der Grund für diese Entwicklung ist, lasse sich noch nicht mit Sicherheit sagen. «Die emotionale Erschöpfung am Arbeitsplatz nimmt zu», so Gessler. Eine andere Vermutung: «Unser Gehirn ist auf die Menge an Informationen, die über digitale Kanäle auf uns einprasseln, nicht eingestellt. Für die Jungen, die das Smartphone immer griffbereit haben, ist es heute viel leichter, eine emotionale Regulation von aussen zu bekommen. Ich kann mir vorstellen, dass dadurch die Selbstregulation verändert ist.»
Bevor Katharina Gessler zum Schützen kam, war sie als Leitende Ärztin und stellvertretende Zentrumsleiterin bei den psychiatrischen Diensten Aargau tätig. «Inhaltlich habe ich etwas sehr Ähnliches gemacht wie im Schützen. Es sind jetzt aber deutlich mehr Managementaufgaben dazugekommen.»
«Wenn alles gleich bleibt, gibt es keine Weiterentwicklung»
An der neuen Aufgabe gefällt ihr die Verbindung von Management und ihrer fachärztlichen Arbeit. «Ich habe früh in meiner beruf lichen Karriere gemerkt, dass ich sehr gerne fachärztlich arbeite und sehr gerne strukturell führe.» Mit entsprechenden Weiterbildungen hat sie sich schrittweise auf eine solche Aufgabe vorbereitet. Heute machen Managementaufgaben rund 70 Prozent ihrer Arbeitszeit aus, 30 Prozent entfallen auf ihre fachärztliche Tätigkeit. So betreut sie beispielsweise alle Privatpatienten persönlich und macht mit den Teams auf den verschiedenen Abteilungen Fallbesprechungen.
Sie fühlt sich wohl im Schützen Rheinfelden. «Der Empfang war sehr herzlich und offen. Das hatte ich so nicht erwartet.» Kritische Stimmen sagen, dass sich die Kultur im Betrieb in den letzten Jahren geändert habe, heute stehe das Geld deutlich mehr im Zentrum. «Die grosse Kunst in den nächsten Jahren wird sein, die Schützen-Kultur zu bewahren und uns für die Zukunft zu rüsten. Ich bin überzeugt, dass wir das schaffen werden», sagt Katharina Gessler dazu. Die Herausforderungen im Gesundheitswesen seien gross. «Eine Weiterentwicklung kann nicht geschehen, wenn alles gleich bleibt.» Sie ist überzeugt, dass die Kombination von Klinik und Hotel einzigartig ist und den Schützen von anderen Betrieben abhebt. «Das ist gelebte Integration. Dieses Konzept können wir noch stärker betonen.»
Katharina Gessler hat eine anspruchsvolle Aufgabe und arbeitet viel. Sie führt einen Betrieb mit rund 420 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Ist sie selbst gefeit vor einem Burnout? «Die Berufsgruppe mit dem höchsten Risiko für ein Burnout sind Ärzte. Statistisch gesehen bin ich also gefährdet. Bei meiner Funktion ist ein bewusster Ausgleich entscheidend. Ich kann gut abschalten, am liebsten mit Musik und Sport.» In ihrer Freizeit singt sie sehr gerne in Projektchören und verbringt viel Zeit in der Natur. Sportlich zieht es sie ins Wasser: «Beim Schwimmen kann ich sehr gut nachdenken.» So tankt sie Energie für ihre Arbeit.

