Die Stadt trägt Verantwortung
30.10.2026 Leserbriefe«Denner im Robersten-Quartier wird geschlossen». NFZ vom 20. Oktober.
Seit bald 50 Jahren lebe ich im Robersten-Quartier in Rheinfelden und habe dessen Entwicklung über Jahrzehnte miterlebt. An der L'Orsa-Strasse bestand seit jeher ein ...
«Denner im Robersten-Quartier wird geschlossen». NFZ vom 20. Oktober.
Seit bald 50 Jahren lebe ich im Robersten-Quartier in Rheinfelden und habe dessen Entwicklung über Jahrzehnte miterlebt. An der L'Orsa-Strasse bestand seit jeher ein Quartierladen, der für zahlreiche Bewohnerinnen und Bewohner eine wichtige Funktion in der täglichen Versorgung erfüllt. Der heutige Denner an der L'Orsa-Strasse 19 setzt diese Tradition fort. Gerade für ältere Menschen sowie für Personen mit eingeschränkter Mobilität ist eine Einkaufsmöglichkeit in unmittelbarer Wohnnähe von grosser Bedeutung. Ich selbst bin sehbehindert und darauf angewiesen, meine Einkäufe möglichst selbstständig und auf einem sicheren Weg erledigen zu können. Der Denner ist für mich gut zu Fuss erreichbar und ermöglicht mir, meinen Alltag eigenständig zu bewältigen. Andere Einkaufsmöglichkeiten sind für mich deutlich schwieriger zu erreichen und mit erheblichem Aufwand verbunden.
Die angekündigte Schliessung des Denner wirft deshalb nicht nur Fragen zur Quartierversorgung auf, sondern auch zur Verhältnismässigkeit des behördlichen Vorgehens. Das Verwaltungsgericht des Kantons Aargau hat das von der Stadt verfügte Verbot von LKW-Anlieferungen als rechtswidrig beurteilt und aufgehoben. Damit stellt sich die berechtigte Frage, weshalb es dennoch zur angekündigten Schliessung kommt und welche Rolle die städtischen Behörden dabei gespielt haben. Es entsteht der Eindruck, dass den Anliegen einzelner Anwohner ein unverhältnismässig grosses Gewicht beigemessen wurde, während die Interessen eines grossen Teils der Quartierbevölkerung unberücksichtigt blieben. Dies steht in einem deutlichen Missverhältnis zu den rund 1700 gesammelten Unterschriften gegen die Schliessung. Diese breite Unterstützung für den Erhalt des Quartierladens darf nicht einfach ignoriert werden.
Zusätzlich ist zu klären, wie die dokumentierten Auseinandersetzungen rund um den Betrieb des Ladens beurteilt wurden. Insbesondere stellt sich die Frage, ob das Fotografieren von Personen und parkierten Fahrzeugen durch Anwohner rechtlich zulässig war und ob die Stadt solchen Vorgängen angemessen nachgegangen ist. Es ist nicht akzeptabel, wenn Konflikte dieser Art den Druck auf einen Betrieb erhöhen, ohne dass die rechtlichen Rahmenbedingungen und die Interessen aller Betroffenen gleichermassen berücksichtigt werden.
Zudem wurden für den Betrieb weitere Einschränkungen verfügt, darunter die Schliessung an Sonntagen und das Verbot, Lebensmittel im Aussenbereich anzubieten. Auch hier ist Transparenz darüber erforderlich, auf welcher rechtlichen Grundlage diese Massnahmen beruhen und in welchem Zusammenhang sie mit der angekündigten Schliessung stehen.
Eine altersfreundliche und inklusive Stadtentwicklung darf sich nicht auf Absichtserklärungen beschränken. Sie muss sich auch in konkreten Entscheidungen zeigen. Dazu gehört, dass Menschen unabhängig von Alter und körperlichen Einschränkungen ihren Alltag möglichst selbstständig gestalten können. Quartierläden leisten hierzu einen wesentlichen Beitrag: Sie sichern die wohnortsnahe Versorgung, fördern soziale Kontakte und ermöglichen gesellschaftliche Teilhabe.
Ich erwarte daher vom Stadtrat, dass er sich aktiv und mit konkreten Massnahmen für die Wiedereröffnung eines Quartierladens im Robersten-Quartier einsetzt. Es genügt nicht, die Entwicklung passiv hinzunehmen oder auf private Entscheidungen zu verweisen. Die Stadt trägt Verantwortung für eine funktionierende Quartierversorgung und muss die Interessen der gesamten Bevölkerung angemessen berücksichtigen.
JOSEF CAMENZIND, RHEINFELDEN
