«Die Siedlungen sind besser als ihr Ruf»
04.12.2024Augarten und Liebrüti: Interview mit Historiker Fabian Furter
Fabian Furter hat einen Dokumentarfilm über die Grosssiedlungen im Aargau gedreht. Bei «Wohnen im Superformat» spielt das Fricktal mit der Liebrüti in Kaiseraugst und dem Augarten in Rheinfelden ...
Augarten und Liebrüti: Interview mit Historiker Fabian Furter
Fabian Furter hat einen Dokumentarfilm über die Grosssiedlungen im Aargau gedreht. Bei «Wohnen im Superformat» spielt das Fricktal mit der Liebrüti in Kaiseraugst und dem Augarten in Rheinfelden eine wichtige Rolle.
Valentin Zumsteg
NFZ: Herr Furter, was hat Sie veranlasst, einen Film über die Grosssiedlungen zu drehen?
Fabian Furter: Ich beschäftige mich seit über zehn Jahren mit dem Thema der Grosswohnsiedlungen in der Schweiz. 2013 habe ich zusammen mit Patrick Schoeck ein erstes Buch dazu publiziert: «Göhner Wohnen. Wachstumseuphorie und Plattenbau», das bei Hier & Jetzt erschienen ist. An der ETH habe ich später dazu eine Forschungsarbeit gemacht. Zurzeit entsteht mit den Ergebnissen dieser Forschung ein zweites, umfassendes Buch. Im Rahmen der Arbeiten an der Aargauer Kantonsgeschichte hatte ich festgestellt, dass der Aargau ein ideales Testfeld für Megasiedlungen war. Im Einflussbereich der grossen Städte – vor allem Basel und Zürich – war hier Raum für solche städtebaulichen Experimente vorhanden. Deshalb kann festgestellt werden, dass es im Aargau überdurchschnittlich viele Grossüberbauungen gibt; zumindest für die Deutschschweiz gesprochen. Und das Fricktal, wir wissen es, diente der Basler Chemie als Baugrund für ihre Personalwohnungen.
Sie beschäftigen sich intensiv mit dem Thema. Was hat Sie bei der Recherche überrascht?
Dass die Siedlungen durchs Band viel besser sind als der Ruf, der ihnen vorauseilt. In keiner der Aargauer Grosssiedlungen zeigen sich Spuren von Verwahrlosung oder sozialen Spannungen. Gleichwohl hält sich in vielen Köpfen der Glaube, dies seien soziale Brennpunkte. Die Siedlungen bieten allesamt eine sehr hohe Lebensqualität zu vergleichsweise günstigen Preisen. Man hatte auch Infrastrukturen wie Verkehrsanbindung, Einkaufen, Schulen oder Freizeit von Anbeginn mitgeplant.
Rheinfelden hat mit dem Augarten eine Grosssiedlung. Wie beurteilen Sie diese?
Der Augarten ist nach meinem Dafürhalten zusammen mit der Telli in Aarau konzeptionell das gelungenste Siedlungsprojekt im Aargau. Man muss sich schon klar sein, das war damals eines der grössten Wohnbauprojekte der Schweiz und die virulente politische Debatte in Rheinfelden, ob der Einzonung des Landes zugestimmt werden soll oder nicht, darf als direktdemokratische Glanzleistung bezeichnet werden. Die einzelnen Bauten sind hier sehr schlicht – und sicher keine architektonischen Meisterwerke. Aber das ist gar nicht relevant. Viel wichtiger ist die Gesamtkonzeption mit Nachbarschaften, den vielen verschiedenen Wohnungsangeboten vom Studio im Hochhaus über das Reihenhaus bis zum attraktiven Atrium-Einfamilienhaus. Der Angebotsmix und die Dichte sowie die Durchgrünung sind hier einfach richtig gut angelegt. Zudem ist die Siedlung ruhig, verkehrsarm und damit ein Eldorado für Kinder. Die Wohnqualität ist sehr hoch.
Wo sehen Sie sonst die positiven Seiten und wo die negativen?
Positiv ist sicher der gute Wohnraum zu vergleichsweise günstigen Preisen. Solche Siedlungen sind letztlich auch viel platzsparender als die ausufernden Einfamilienhausteppiche. Die Gefahr bestand und besteht immer darin, dass sich solche Siedlungen zu einem Mikrokosmos entwickeln, der zu wenig mit der Standortgemeinde zusammenspielt. Hier braucht es lenkende Massnahmen. Weiter war es schädlich, als sich die Ciba Geigy als ursprüngliche Bauherrin und Besitzerin einer Mehrheit der Bauten sowie des Zentrums in den 90er-Jahren zurückzog und ihre Anteile am Augarten an Anleger mit reinen Gewinnabsichten verkaufte. Sie entzog sich damit ihrer Verantwortung, was dazu geführt hat, dass es für die Lokale im Zentrum schwierig wurde. Diese müssen subventioniert werden, denn sie sind enorm wichtig für das Funktionieren der Siedlung. Dieser Prozess ist auch andernorts passiert: Die ABB verkaufte nach der Fusion ihre Werksiedlung Wyde in Birr, Hoffmann La Roche verkaufte die Liebrüti.
Mit der Liebrüti in Kaiseraugst verfügt das Fricktal über eine weitere Grosssiedlung. Was sind die Unterschiede zum Augarten?
Die Planer der Liebrüti verfolgten ein anderes Konzept als jene des Augartens. Hier befinden sich alle Wohnungen in gewaltigen Hochhäusern um das gemeinsame Zentrum. Die Skalierung ist hier ganz eine andere und für viele vielleicht etwas brutal. Es ist wie ein Fragment Grossstadt. Im Film sprechen wir von «Manhattan im Grünen». Aber die Gesamtkonzeption ist auch hier sehr durchdacht und die Qualität der Wohnungen sehr gut. In den Maisonette-Wohnungen direkt im Grünen lässt sich hervorragend leben. Überhaupt gelten die Wohnungen hier als überdurchschnittlich gross. Die ganze Anlage ist komplett autofrei und die Fussgänger bewegen sich überall unter gedeckten Laubengängen. Das Zentrum mit dem Hallenbad und der offenen Spielhalle war absolut innovativ. Ein planerischer Fehler war es, später gleich nebenan ein neues Einkaufszentrum zu bauen.
Wenn man zurückblickt: Sind die Erwartungen an die Grosssiedlungen, die man damals hegte, aus Ihrer Sicht in Erfüllung gegangen?
Ich denke schon. Die Siedlungen wurden ja alle in einer Zeit geplant, als es mit der Wirtschaft anhaltend nur aufwärts ging und die Schweiz ein noch nie dagewesenes Wachstum erlebte. Mit der Krise der 1970er-Jahre und dem Abf lachen der Wachstumskurven kamen auch solche Grosswohnsiedlungen aus der Mode. Man brauchte sie schlicht nicht mehr. Dennoch haben sie sich etabliert.
Wäre der Bau solcher Grosssiedlungen heute noch denkbar?
Auch wenn heute längst wieder gross gebaut wird, glaube ich nicht, dass das Konzept der Grossüberbauung in diesen Ausmassen zurückkommt. Dass man also ganze Satellitenstädte oder Quartiere auf einmal realisiert. Ich weiss aber gar nicht, ob ich das gut finde. Denn heute baut man in Grössenordnungen, die eine integrale Planung vermissen lassen. Da ein Wohnblock mit ein paar Spielgeräten, dort ein Wohnblock mit ein paar Spielgeräten, aber keine durchdachte Gesamtplanung. Das ist doch überhaupt nicht besser. Ich begrüsse es sehr, dass auch die Planungsbehörden und die Denkmalpf legen die Qualitäten der Grossüberbauungen erkannt haben und sich darum bemühen, diese zu erhalten.
Der Film kann kostenlos angeschaut werden auf der Webseite von Zeitgeschichte Aargau: www.zeitgeschichte-aargau.ch/film-und-bild/ wohnen-im-superformat/



