Des Schweizers leichtsinniger Umgang mit seiner Gülle
20.03.2026 Leserbriefe«Gülle im Bach» und «Von Fischen, Wölfen und Schafen». NFZ vom 13. März.
Es wird jetzt heftig geklagt über die mangelnde Vorhersicht beim Brand in Crans- Montana. Der dortige Leichtsinn erweist sich immer mehr als ...
«Gülle im Bach» und «Von Fischen, Wölfen und Schafen». NFZ vom 13. März.
Es wird jetzt heftig geklagt über die mangelnde Vorhersicht beim Brand in Crans- Montana. Der dortige Leichtsinn erweist sich immer mehr als mehrstufig, und wird dabei sozusagen gesellschaftlich begreiflich. Bei Güllenunfällen ist dieser Leichtsinn auch in andern Landesteilen verbreitet, man erinnere sich nur an die morgendliche Güllendusche in einem Hinwiler Schlafzimmer, weil ein Bauer an einem Ventil falsch gedreht hatte. Man weiss eigentlich von der Schädlichkeit des Güllenausbringens alles, was es zu wissen braucht: Die ständige und teure Belüftung unseres Hallwilersees ist der Düngung durch Schweinegülle aus dem Kanton Luzern geschuldet. Auf Nachfrage hiess es, dieser Gesetzesbruch sei «politischer Natur» (also eigentlich kein Gesetzesbruch!). In der Bretagne düngen die Schweinezüchter das umgebende Meer so sehr, dass dort eine z.T. tödliche Algenpest rund um die Halbinsel auftrat – auch dort ist es ein eindeutiger Gesetzesbruch, aber auch ein «politischer».
Ein weiterer Schaden der Güllengase ist durch viele Forschungsarbeiten gesichert: Sie überdüngen den Waldboden mit Stickstoff, was zulasten der Baumgesundheit geht, Man kennt die Abhilfe des Problems: Biogasanlagen entgasen Gülle von Ammoniak, mit dem Gas lässt sich ein Generator antreiben, der Strom ins Netz einspeist. Mit der Abwärme dieses Prozesses lässt sich heizen. Das, was von der Gülle nach ihrer Entgasung übrigbleibt, hat vom Nährwert für Pflanzen nichts eingebüsst, stinkt aber beim Ausbringen nicht mehr. Die Finanzierung einer Biogasanlage funktioniert über den eingespiesenen Strom. In Deutschland sind diese Anlagen sozusagen Standard, im Fricktal kenne ich nur die Anlage in Kaisten.
Die Vergiftung von zahlreichen Fischen zwischen Wegenstetten und Hellikon ist kein unvorhersehbarer Unfall, sondern auf eine Gefahr zurückzuführen, die nicht richtig eingeschätzt wurde. Man nennt so etwas ein «gesellschaftlich tolerierter Leichtsinn». Wenn eine solche Katastrophe (der Tod von hunderten von toten Forellen samt dem ganzen Bestand an Kleinlebewesen ist keine Bagatelle) nur durch einen einfachen Schieber gesichert ist, dann wurde die existierende Gefahr von mehreren Stellen nicht ernst genommen.
Wie im Wallis stellt sich jetzt die Frage, ob aus diesem Massenunglück rasch die Konsequenzen gezogen werden, oder ob man weiterhin mit unserem «gesellschaftlich tolerierten Leichtsinn» leben will. Dann kommt aber die nächste Güllenvergiftung sicher!
JÜRG KELLER, RHEINFELDEN
