Der naive (und geizige?) Kanton Aargau
17.04.2026 Leserbriefe«Kanton prüft, ob es mehr Brandschutz-Kontrollen braucht»
NFZ vom 14.4.2026.
Mit der verheerenden Brandkatastrophe in Crans-Montana wurde die ganze Schweiz wachgerüttelt: Die im Wallis lasch gehandhabte Brandschutz-Kontrolle war auch ...
«Kanton prüft, ob es mehr Brandschutz-Kontrollen braucht»
NFZ vom 14.4.2026.
Mit der verheerenden Brandkatastrophe in Crans-Montana wurde die ganze Schweiz wachgerüttelt: Die im Wallis lasch gehandhabte Brandschutz-Kontrolle war auch in andern Kantonen ziemlich lasch. Dieser Befund machte auch beim Kanton Aargau keine Ausnahme, weshalb eine Grossrätin die Regierung mit einer Interpellation dazu aufforderte, Verbesserungen vorzuschlagen. Die Antwort liegt jetzt vor; nur unverbesserliche Optimisten sind enttäuscht. Kurz zusammengefasst: Weiterhin wird auf Eigenverantwortung der Lokalbetreiber gesetzt, und im Übrigen sollen Gemeinderäte und die Aargauische Gebäudeversicherung sicher stellen, dass dem Brandschutz gebührend Rechnung getragen wird.
Das ist naiv, aber auch billig: Man müsste vielleicht aus dem stolzen Finanzpolster des Kantons (1,4 Milliarden Franken!) eine kleine Summe für regelmässige Polizeikontrollen zum Feuerschutz abzweigen. «Polizei» meint hier aber auch ein Misstrauen der sogenannten Eigenverantwortung gegenüber: Die Römer wussten, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sei (homo homini lupus), und dies galt v.a. dann, wenn es um Geld ging.
Feuer hat die Eigenschaft, auch unbeteiligtes Leben und Gut ins totale Verderben mitzureissen. Kaiserin Maria Theresia führte deshalb – was zu ihrer Zeit einer Sensation gleichkam – die obligatorische Feuerversicherung ein, und diese musste der neugeschaffene Kanton Aargau auch übernehmen. Der Zustand, den die Regierung auf die besagte Interpellation beschrieb, ist also eine Sichtweise hinter die Zeit der Habsburger Herrschaft. Vor der Feuer-Gefahr führt kein Weg an der staatlichen Kontrolle des Brandschutzes vorbei.
Als Beispiel für diese Forderung sei hier nur die deutsche Untugend erwähnt, an sommerlichen Wochenenden am schweizerischen Rheinufer zu campieren. Auf die Frage, warum sie ihre Zelte nicht am deutschen Ufer aufstellten, kam die (übrigens höfliche!) Antwort: Würden sie am deutschen Ufer ein Zelt hinstellen, wäre die Polizei innert einiger Minuten auf dem Platz und würde das Abbrechen verlangen. In der Schweiz aber sei man sehr sicher vor polizeilichen Interventionen. Die Polizei scheint der einzige Garant dafür zu sein, dass Regelungen durchgesetzt werden können. Ohne sie drohen Walliser-Zustände.
JÜRG KELLER, RHEINFELDEN
