«Dieser Brauch muss weiterleben»

Do, 24. Dez. 2020
Seit 15 Jahren ist Rosmarie Brunner als Nachtwächterin in Hottwil unterwegs und ruft das neue Jahr aus. Foto: Bernadette Zaniolo

Eine Hottwilerin hat einen besonderen Passus im Pflichtenheft

«Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?». Diese Frage in Johann Wolfgang Goethes «Der Erlkönig» könnte man auch in Hottwil stellen. Doch es ist nicht irgendeine Nacht, sondern jeweils jene von Silvester auf Neujahr. Nicht auf dem Pferd, sondern zu Fuss und mit der Laterne unterwegs ist dann Rosmarie Brunner. 2005 hat die heute 73-Jährige die Nachfolge von Marcus Keller als Dorfweibel von Hottwil übernommen. Aufgabe eines Dorfweibels ist es, den Stimmbürgerinnen und -bürgern die Abstimmungsunterlagen zu bringen. Zu den Pflichten des Hottwiler Dorfweibels gehört jedoch auch die Aufrechterhaltung des Brauches, das neue Jahr auszurufen.

«D Uhr hett zwölfi gschlage. S alt Johr isch vergangene; es hett es neus agfange. Ich wünsch allne es guets neus Johr»; diese Worte ruft Rosmarie Brunner an sechs bis sieben Stationen in die Nacht hinaus. Dies bei Kälte, Schnee, Regen oder Wind. Damit die Leute auf sie aufmerksam werden, bläst sie das Feuerwehrhorn.

Dass Rosmarie Brunner aufgrund ihrer «Pflicht» jeweils absagen musste, wenn sie von Freunden gefragt wurde, ob sie etwa in den Musikantenstadel (Silvesterstadel) mitkommen wolle, machte ihr nichts aus. Und ihre Familie hat sich längst daran gewöhnt, dass die auch kirchlich Engagierte (aktuell als Lektorin) ihre «Mission» treu «erfüllt». Dennoch: Brunner ist besorgt. «Dieser Brauch muss weiterleben. Wenn es geht, dann mache ich es noch zwei Jahre», sagt sie im Gespräch mit der NFZ. Dass sie dann als Dorfweibel in den Ruhestand treten wird, hat sie jetzt auch im Gemeinderat von Mettauertal deponiert, eingehend mit dem dringlichen Appell, dass bereits jetzt ein Nachfolger gesucht werden müsse. «Ein Mann mit kräftiger Stimme» fügt Rosmarie Brunner schmunzelnd bezüglicher der einen «tongewichtigen Fähigkeit» an. Und dass der Erhalt dieses Brauches im Ortsteil Hottwil wichtig sei. «Vor 15 Jahren hatte es mehrere Bewerber für das Amt des Dorfweibels. Ausser mir war jedoch niemand bereit, diese Verpf lichtung in der Nacht auf Neujahr einzugehen.» Für Rosmarie Brunner, die zusammen mit ihrem Mann Sigi während 25 Jahren auf dem Hottwiler «Bären» wirtete, war es immer eine Ehre, die Aufgabe des «Nachtwächters» zu erfüllen.

Eine wärmende Mehlsuppe und ein Gläschen Wein
So wird sie auch dieses Jahr am 31. Dezember, kurz vor Mitternacht, in ihren schwarzen Mantel gehüllt und mit einem roten Schal um den Hals, bereit sein, wenn die Glocke beim Gemeindehaus in Hottwil ertönt. Dann beginnt Rosmarie Brunners Tour durchs Dorf. «Es dauert zirka eine halbe Stunde», sagt sie. An zwei, drei Orten hat man in der Vergangenheit auf die Nachtwächterin gewartet und ihr ein Glas Wein angeboten, bevor dann der Rundgang im «Bären» bei der traditionellen Mehlsuppe endete. Rosmarie Brunner ist sich bewusst, dass es in diesem Jahr zu keinen Ansammlungen kommen dürfe. «Das wird es auch nicht geben», sagt sie. Einerseits weil viele junge Leute im Dorf diesen Brauch nicht so kennen und andererseits, dass Restaurants Corona bedingt nicht offen haben dürfen. Brunner erinnert sich an früher: «Das war ein tolles Erlebnis. 50 bis 60 Leute und alle warten auf den Nachtwächter.» Wenn der «Bären» mal geschlossen hatte, dann seien auch schon Privatpersonen wie Daniela und Oliver Kalt sowie Corinne und Raphael Stolz eingesprungen, die dann eine Mehlsuppe und Wein angeboten hätten.

Die seit 40 Jahren in Hottwil lebende Rosmarie Brunner wird in diesem Jahr von einer Laternenträgerin begleitet. Endpunkt wird auch diesmal der «Bären» sein. Und was wünscht Rosmarie Brunner sich fürs neue Jahr? «Gesundheit, Zufriedenheit und dass wieder mehr Nähe und Kontakte möglich sind. Das Alleinsein schlägt den Menschen auf die Psyche.»


Der Brauch

Der Brauch wird nebst Hottwil auch noch in Mandach zelebriert. Der Fricktaler Historiker Linus Hüsser geht davon aus, dass der Brauch bis maximal ins 18. Jahrhundert zurückgeht. In Ueken zog der Weibel am Silvesterabend mit einer Glocke durchs Dorf und wünschte im Auftrag des Gemeinderates ein gutes neues Jahr. Der letzte Weibel war zugleich Ortspolizist (Bruno Deiss, ab 1990 Gemeindeammann, gestorben 2018). Er übte den Ausruf in Uniform aus. In Ueken wurde der Brauch bis in die 1980er Jahre ausgeübt. (bz)

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