Durch dick und dünn

So, 31. Mai. 2020
Foto: Janine Tschopp

Vom Baumhaus, Erinnerungen ans Kürbisfest und einem überraschenden Orgelspiel

 

Zwei junge Etzger berichten über ihr Dorf und zeigen ihre Lieblingsplätze

 

Sie sind Freunde, seit sie denken können: Lea John und Jonas Steinacher sind zusammen in Etzgen aufgewachsen und haben vieles gemeinsam erlebt. Einen Teil davon verraten sie der NFZ bei einem Spaziergang durch ihr Dorf.

Janine Tschopp

Just, um 11.15 Uhr, als sich die NFZ an diesem Samstagmorgen mit den zwei jungen Etzgern trifft, öffnet der Himmel seine Schleusen. Es regnet in Strömen. Glücklicherweise sind wir unter dem Schulhausdach geschützt. Dort können wir, gemütlich auf der Bank sitzend, über den Ortsteil Etzgen, der seit zehn Jahren zur Gemeinde Mettauertal gehört, sprechen.

Lea John (19) und Jonas Steinacher (18, fast 19) sind beide in Etzgen aufgewachsen. Schon bevor die Journalistin bei der Schule eintrifft, schlendern sie über das Areal und schwelgen in Erinnerungen. Kindergarten, Primarschulhaus, ehemaliges Gemeindehaus, Spielplatz: Der Ort weckt Erinnerungen, obschon sich in der Zwischenzeit einiges verändert habe. Der Spielplatz zum Beispiel sah früher ganz anders aus. Die beiden erinnern sich an eine Schaukel, ein altes Klettergerüst und eine «Gigampfi». «Wir haben den Spielplatz sehr viel genutzt, nicht nur wenn wir Schule hatten.» Ganz gerne erinnern sie sich an ein Baumhaus hinter dem Spielplatz, wo sich die beiden Freunde eine «ganze Wohnung» eingerichtet haben. Weiter kommt ihnen in den Sinn: «Damals hatte es noch Schnee im Winter, und wir durften auf der Wiese Schneeballschlachten machen.»

Lea und Jonas durften sowohl den Kindergarten als auch alle Primarschuljahre, damals waren es noch fünf, in ihrem Heimatdorf besuchen. «Wir fanden es cool hier.» Heute führt die Schule Mettauertal den Kindergarten und die Unterstufe (erste und zweite Klasse) am Schulstandort Etzgen, und die Kinder der Mittelstufe (dritte bis sechste Klasse) werden am Standort Wil unterrichtet.

Die beiden jungen Etzger sind glücklich, auf dem Land aufgewachsen zu sein. Man durfte so oft man wollte draussen sein, und man war behütet in so einem kleinen Dorf. «Hier kann man als Kind nicht verloren gehen. Jeder kennt jeden.»

Befreundet, seit sie denken können
«Meine Mutter ist Jonas’ Gotti», erklärt Lea. Seit sie ganz klein sind, unternehmen die beiden sehr viel miteinander und sind verbunden wie Bruder und Schwester.

Wir sprechen von der Lehrabschlussprüfung, welche bei beiden aufgrund der Corona-Pandemie sehr speziell ausgefallen ist. Obschon die schriftliche sowie die mündliche Abschlussprüfung wegen der Corona-Massnahmen abgesagt wurden, wird Lea das Diplom aufgrund ihrer Erfahrungsnoten erhalten und ist dann frisch gebackene Fachfrau Betreuung EFZ, Fachrichtung Behindertenbetreuung. Sie arbeitet bei der Stiftung MBF in Stein. «Die letzten Wochen waren sehr schwierig für die Bewohner. Aufgrund der strengen Hyg ienemassnah men mussten sie immer in der Wohngruppe bleiben.»

Jonas absolvierte nach der Bezirksschule eine Lehre als Elektroniker und konnte aufgrund der Corona-Pandemie nur die praktischen Prüfungen ablegen. Auch die Prüfung für die Berufsmatur konnte er nicht absolvieren. Aber auch bei ihm zählen die Erfahrungsnoten, und er hat somit seine Lehre als Elektroniker EFZ abgeschlossen. Er arbeitet bei der ABB in Turgi. «Im Juni gehe ich für 18 Wochen ins Militär», berichtet er. Im Herbst 2021 plant er ein Studium im Digital Business Management anzufangen.

Das Kreuz mitten im Dorf
Wir haben die mittelfristigen Pläne der jungen Leute besprochen, und es regnet noch immer. So beschliessen wir, den Weg zur nächsten Destination statt unter die Füsse unter die Räder zu nehmen.

Lea und Jonas sind beide schon Besitzer eines Führerausweises und eines Autos. «Der letzte Bus fährt um 21.30 Uhr ab Laufenburg. In Etzgen ist es wichtig, dass man bald die Autoprüfung hat.»

Wo gehen die jungen Etzger abends hin? «Ich bin kein Ausgangsmensch», lacht Lea. Jonas meint: «Ich fahre gerne nach Brugg, Baden oder Zürich, wenn ich ausgehe. Oder wir treffen uns bei Kollegen.»

Wir fahren mitten ins Dorf, zum «Kreuz», das in Etzgen ein Begriff ist. «Seit ein paar Jahren findet hier im Sommer jeden Samstagabend ein Apéro, der Kreuzapéro, statt», erzählt Jonas. «Da kommen immer etwa 20 Leute. Junge, Alte, querbeet.» Wir kommen auf ein weiteres wichtiges Brauchtum der Gemeinde zu sprechen: die Etzger Kürbisbeleuchtung. Im Herbst 2018 wurde der Anlass zum zehnten und vorerst letzten Mal durchgeführt.

Jonas und Lea wissen über den Anlass bestens Bescheid. Jonas’ Vater ist noch immer im OK, das mittlerweile nur noch aus vier Mitgliedern besteht. «Es wurde auch immer schwieriger Helfer zu finden», erzählt Jonas. Für die beiden Jungen war der Anlass sehr wichtig, und sie bedauern es, dass er nicht mehr durchgeführt wird. «Beim Kürbisfest trafen sich immer alle.»

In der Schule und zu Hause habe man wochenlang geschnitzt. In Jonas’ Familie war man das ganze Jahr hindurch, vom Stupfen der Setzlinge bis zum Beleuchten der Kürbisse, mit dem Fest beschäftigt. Obschon das vierköpfige OK noch bestehe, sehe es momentan leider nicht danach aus, als ob demnächst wieder eine Etzger Kürbisbeleuchtung durchgeführt werde.

Nicht nur sein Vater, sondern auch Jonas ist eine Person, die sich gerne für die Allgemeinheit engagiert. So ist er aktuell Mitglied beim Turnverein, bei den Schützen und beim All Star Team der Juseso Fricktal. Bis zu den Lehrabschlussprüfungen engagierte er sich während neun Jahren als Jugileiter und möchte dort nach dem Militärdienst wieder einsteigen. Auch Lea war Jugileiterin. Beide waren während vieler Jahre aktive Mitglieder bei der SLRG (Schweizerische Lebensrettungs-Gesellschaft) Fricktal in Sisseln.

Beim Schützenhaus
Als nächstes fahren wir zum Schützenhaus. «Hier gehen wir oft mit den Hunden laufen. Man hat eine wunderschöne Sicht über das Dorf», sagt Jonas. Normalerweise ist das sicher so. Aufgrund des Regens wirkt heute alles ein bisschen «verschleiert». Jonas erzählt, dass sich die Feldschützengesellschaft Etzgen aufgrund Mitgliedermangels auflöst. «Es gibt aber in Gansingen und in Wil einen Schützenverein.»

Wir suchen den Schermen und fahren wieder Richtung Schulhaus. Ganz in der Nähe befindet sich die Bruderklausenkapelle. Sie wurde 1948 erbaut und ist ein bekannter Begegnungs- und Besinnungsort. Nicht nur für die Etzger Bevölkerung, sondern auch für die Menschen aus der Umgebung.

Auch wir betreten die Kapelle. «Hier haben meine Eltern und beide Grosseltern geheiratet», erzählt Jonas. Seine Mutter ist hier Sakristanin, und er war früher Ministrant. Als Lea und Jonas jünger waren, besuchten sie regelmässig Gottesdienste. Heute gehen sie vor allem noch an den grossen Feiern wie Ostern und Weihnachten in die Kirche. Auch in der Kapelle werden Erinnerungen wach. Lea fängt an zu lachen und sagt zu Jonas: «Einmal waren wir hier, und du hast einfach begonnen, auf der Orgel zu spielen. Weisst du das noch?» Er erinnert sich. Jonas erzählt, dass er lange Blockflöte gespielt habe. Heute spielt er nur noch an Weihnachten, wenn die ganze Familie ein Stubenkonzert gibt.

Wir machen in und vor der Kapelle die letzten Fotos. Nicht bei allen Fotos halten wir den Corona-Abstand von zwei Metern ein. «Wir haben eine Geschwisterbeziehung», betonen sie wieder. Sie würden sich immer alles erzählen und hätten das auch schon früher getan. «Schon im Kindergarten haben wir beschlossen, dass Jonas Götti meines Kindes wird», sagt Lea.

Mit der eigenen Familie zurück in die Heimat
Die beiden jungen Etzger denken, dass sie mittelfristig ihr Dorf vorübergehend verlassen werden. Jonas glaubt, dass es ihn nach dem Studium Richtung Brugg oder Zürich ziehen wird. «In der Stadt hat man ein bisschen mehr Möglichkeiten», sagt er. Für Lea muss es nicht unbedingt eine Stadt sein. Sie könnte sich auch vorstellen, vorübergehend in ein anderes Dorf zu ziehen.

Klar ist für beide, dass sie, wenn sie einmal selber Familie haben, wieder zurückkehren wollen. «Wir hatten eine megaschöne Kindheit hier. Das wünschen wir unseren Kindern auch. Und unsere Kinder müssen ‹Friends› werden.» Das ist für beide so sicher wie das Amen in der Kirche.

 

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