Ein «Chäferfäscht» auf dem Chindsgi-Weg

Sa, 04. Apr. 2020
Foto: Janine Tschopp

«Gerade jetzt ist es besonders schön,  ein solches Heimatdorf zu haben»

Ein Spaziergang mit drei jungen Mettauern durch ihr Dorf

Luzia Hegi, Janik Zürcher und Daria Stäuble leben sehr gerne in Mettau. Sie zeigen der NFZ ihr Dorf und ihre Lieblingsplätze.

Janine Tschopp

Für einmal war es nicht so schwierig, gleich mit drei jungen Menschen einen Termin auszumachen. Aufgrund der Corona-Krise werden derzeit auch die Lernenden in den eigenen vier Wänden beschult und waren daher flexibel bei der Terminfindung.

Luzia Hegi, Janik Zürcher und Daria Stäuble (alle 17) sind im zweiten Lehrjahr. Janik Zürcher lernt Zimmermann in einer kleinen Firma in Leibstadt, und Daria Stäuble wird in der Uni-Bibliothek in Basel zur Fachfrau Information und Dokumentation ausgebildet. «Das ist eine Kombination der Berufe der Bibliothekarin und der Archivarin», erklärt sie. Luzia Hegi lernt Fachfrau Gesundheit.

Start bei der Kirche
Für unseren Spaziergang treffen wir uns bei der Kirche. Wir sind noch am Plaudern, als uns Luzia auffordert, langsam weiterzugehen, damit wir das «Programm» schaffen. Die drei jungen Mettauer haben sich eine Route für den Spaziergang mit der NFZ ausgedacht, die mit einem langen steilen Aufstieg beginnt. Wir haben viel Zeit zum Reden und natürlich sprechen wir über das, was die Menschen derzeit am meisten beschäftigt: über Corona. Beim Diskutieren und auch bei den späteren Fotoshootings achten wir immer darauf, genügend Abstand voneinander zu haben.

Janik meint, dass der Bundesrat vielleicht von Anfang an noch radikaler hätte durchgreifen müssen, so wie dies in Österreich zum Beispiel der Fall war. Das Home-Schooling empfindet er als ziemlich locker. Es sei gemütlich, wenn man sich die Zeit selber einteilen könne. Was das Versammlungsverbot angeht, schätzt er es, momentan am Wochenende ohne schlechtes Gewissen zuhause zu bleiben. Das Wichtigste für ihn ist, dass er weiterhin arbeiten darf. Er versteht aber nicht ganz, weshalb auf Baustellen, wo man sich sehr nahekomme, noch gearbeitet werden dürfe und ansonsten sehr viele Betriebe aufgrund der Corona-Pandemie schliessen mussten.

Die beiden jungen Frauen empfinden es anstrengend, zuhause beschult zu werden. Es müsse sehr viel erledigt werden, und oftmals sei es aufwändig, überhaupt die richtigen Unterlagen zu finden. Daria vermisst es, zur Schule und zur Arbeit zu gehen und sagt: «Ich hoffe, dass die Situation nicht noch mehrere Monate anhalten wird.»

Angst, am Virus zu erkranken, haben alle drei jungen Menschen nicht. Luzia kann der ganzen Krise sogar noch etwas Positives abgewinnen: «Vielleicht nehmen die Menschen nachher mehr Rücksicht aufeinander.»

Der Weiher im Wald
Nach gut zehn Minuten steilen Aufstiegs und spannender Diskussionen kommen wir ganz oben in Mettau an, bei einem Waldstück und einem Weiher. «Mein Grossvater erzählte mir, dass der Weiher früher im Winter oftmals gefroren war und die Kinder darauf Eishockey spielten», sagt Daria. Für Luzia ist es ein wunderschöner Ort mitten in der Natur, wo man den Libellen auf dem Wasser zuschauen kann.

Es ist das Grüne, die Natur, der Wald, was die drei jungen Menschen unter anderem an ihrem Heimatdorf schätzen. Alle drei sind sehr glücklich, hier in Mettau aufgewachsen zu sein. Es gefällt ihnen, dass man sich hier kennt und alles so persönlich ist. Janik fände es schön, wenn noch ein bisschen mehr Junge in seiner Heimatgemeinde wohnen würden. «Wir kennen es nicht anders», sagt Luzia und sieht dies nicht als Nachteil. Sie, Janik und Daria waren zusammen mit einem anderen Kind die einzigen ihres Jahrgangs. «Wir waren die Letzten, die in Mettau das erste Kindergartenjahr besuchen durften», erklären sie. Heute steht das kleine Kindergartenhaus leer. Das zweite Kindergartenjahr sowie die ersten fünf Jahre der Primarschule absolvierten die drei Mettauer in Etzgen. Das sechste Primarschuljahr besuchten sie in Wil.

Sie begrüssen das Miteinander der Nachbarsgemeinden und dass Mettau, Oberhofen, Wil, Hottwil und Etzgen vor gut zehn Jahren eine Fusion beschlossen haben.

In den Reben
Unser Spaziergang geht weiter in den Mettauer Rebberg. «Hier sind wir recht oft und geniessen die Sonnenuntergänge», sagen die drei jungen Mettauer. Haben sie gerne Wein? «Also ich trinke lieber Bier», sagt Janik. Wo geht man denn hier in den Ausgang? «Vielleicht nach Sisseln oder Kaisten. Oftmals bleiben wir auch zu Hause, grillieren im Garten oder gehen in den Wald», meint er. Wer noch mit ÖV nach Hause kommen möchte, müsse sich früh auf die Socken machen. So muss man zwischen acht und neun Uhr abends in Basel einen Zug erwischen, um noch am selben Tag daheim anzukommen, weiss Daria und ergänzt: «Ja, die Verbindungen sind ein bisschen nervig.» Um ihren Arbeitsort Basel zu erreichen, braucht sie 50 Minuten. Wenn sie dreimal wöchentlich in die Berufsschule nach Bern fährt, braucht sie gar zwei Stunden pro Weg. Wie Janik erklärt, können gewisse Distanzen auch mit dem Fahrrad oder mit dem Töff überwunden werden. «Und abends müssen manchmal halt unsere Eltern dran glauben und uns abholen», schmunzelt er.

Janik und Daria sind keine aktiven Vereinsmenschen, Luzia spielt Kornett in der Musikgesellschaft Mettau. Zudem engagiert sie sich in der Jubla (Jungwacht Blauring) in Gansingen als Leiterin.

Zum ehemaligen Kindergarten
Wir steigen wieder den Berg hinunter und kommen zum ehemaligen Kindergarten. Hier sind auch der Fussballplatz, das Gemeindehaus sowie die Turnhalle, die für Gemeindeversammlungen und Anlässe genutzt wird.

Bei den drei jungen Menschen kommen Erinnerungen an ihre Kindergarten-Zeit auf. Sie besuchten den Kindergarten zusammen mit Kindern, die ein Jahr älter waren. Sie zählen und kommen auf insgesamt acht Kinder. «Während der Pause musste ich oftmals drinnen bleiben, weil ich eine Pollenallergie hatte», erzählt Janik. «Und hier war früher das Schulhaus, wo wir manchmal gekocht haben.» Janik zeigt auf das Gemeindehaus, welches vor seinem Umbau als Schulhaus diente.

Und dann erzählen die drei von ihrem Kindergartenweg. «Wir mussten einander immer abholen. Wir haben getrödelt und hatten ein Riesen-‹Chäferfäscht› unterwegs. Manchmal sind wir fast eine Stunde zu spät in den Kindergarten gekommen.» Auch die Eltern hätten oftmals ewig warten müssen, bis die Kinder zum Mittagessen nach Hause gekommen seien. «Bis wir endlich daheim waren, hatten alle schon gegessen», erinnert sich Luzia. Daria denkt nach: «Und irgendwo auf dem Weg gab es doch einen alten Mann mit einem Papageien. Dort haben wir uns auch immer so lange aufgehalten.»

Wir schiessen noch ein Foto auf dem neuen Spielplatz und gehen wieder Richtung Kirche. Dass es mittlerweile keine Dorfläden mehr gibt in Mettau, finden die Jungen nicht so schlimm. Es sei ja kein Problem, die Einkäufe im Nachbarsdorf Wil zu besorgen. «Dort gibt es einen Volg, einen Metzger und einen Beck», erzählen sie. «Mein Grosi ist zwar schon ein bisschen traurig, dass wir hier keinen Laden mehr haben», ergänzt Daria.

Unser Blick fällt auf das Restaurant Linde. Sie schätzen es, dass es mit der «Linde» noch eine Beiz in ihrem Dorf gibt. «Nach der Musikprobe gehen wir immer dahin», sagt Luzia. Es gebe viele Leute, die sich gerne in der Dorfbeiz treffen.

Luzia, Janik und Daria fühlen sich sehr wohl und behütet in Mettau. Immer wieder kommen sie gerne heim. «Gerade jetzt ist es besonders schön, ein solches Heimatdorf zu haben», sagen sie in Bezug auf die Corona-Krise. «Und hier, wo nicht so viel läuft, sind die Menschen irgendwie viel gelassener.»

Und später?
Luzia könnte sich gut vorstellen, auch in Zukunft in diesem 300-Seelen-Dorf zu leben. «Ich könnte nie in einer grossen Stadt leben», sagt sie. Daria weiss noch nicht, wo es sie später hinziehen wird und meint: «Das Leben lang pendeln möchte ich eigentlich nicht.» Janik findet: «Ich werde wahrscheinlich auch in zehn Jahren noch hier leben.» Diese Aussage hängt mit seinen beruflichen Zielen zusammen. Er beabsichtige Architektur zu studieren und sei dann sehr froh, wenn er während dem Studium kein Geld für eine Wohnung brauche und weiterhin bei seinen Eltern leben dürfe.

Nach zwei Stunden verabschieden wir uns bei der Kirche. Auch wenn wir immer Abstand gehalten haben, sind wir drei jungen Menschen und ihrem Dorf auf diesem schönen Spaziergang nähergekommen.

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