«Verzicht ist nicht immer Verlust»

So, 19. Apr. 2020
«Die Schweiz könnte lernen, dass die Kommerzialisierung unseres Gesundheitswesens, vor allem der Spitäler, ein Irrweg ist», erklärt Kurt J. Rosenthaler. Foto: zVg

Kurt J. Rosenthaler ist Künstler, Autor und Stadtführer. Der 73-Jährige gehört in Pandemiezeiten zur Risikogruppe. Er hat ein labiles Immunsystem. Wie erlebt er die jetzige Situation? Im Interview gibt er Auskunft.

Valentin Zumsteg

NFZ: Herr Rosenthaler, Sie gehören zur Risikogruppe. Wie erleben Sie die Corona-Krise?
Kurt J. Rosenthaler:
Ich erlebe diese Zeit mit gemischten Gefühlen.

Trauen Sie sich noch nach draussen?
Ja, ich trau mich ab und zu noch raus. Bei diesem Sommerwetter der letzten Tage geniesse ich aber den Balkon auf dem Liegestuhl und lese viel, vor allem Sachen, die lange liegen geblieben sind. Ab und zu gehe ich via Stadtpark ins Atelier, vermeide aber jeden Kontakt mit Leuten. Oder ich wandere strammen Schrittes im Wald Richtung Möhlin.

Wie machen Sie es mit dem Einkaufen?
Das Gesundheitsforum Rheinfelden organisierte für mich eine Hilfe. So besorgt nun eine nette, fröhliche, junge Frau alle meine nötigen Einkäufe und bringt sie mir an die Wohnungstür. Das ist wirklich eine grosse Hilfe und ich bin äusserst dankbar dafür.

Was bedeuten die Einschränkungen für Sie?
Die Einschränkungen sind für mich nicht so einschneidend, da ich ja solo arbeiten und wohnen gewöhnt bin. Was ich aber vermisse, sind natürlich die persönlichen Kontakte und die Besuche von Veranstaltungen, Vernissagen und so weiter. Ganz blöd ist auch, dass die «Kulturnacht Rheinfelden» nicht stattfinden kann. Ich hätte da eine Lesung in der Stadtbibliothek gehabt. Und meine nächste Ausstellung in Bad Säckingen im Juni ist noch völlig unsicher. Am schlimmsten ist aber für mich der Umstand, dass seit zwei Monaten alle Stadtführungen abgesagt sind. Ganz abgesehen davon, dass ich den Job als Stadtführer mit viel Herz und Engagement mache, ist das für mich auch ein wichtiges finanzielles Standbein, das nun wegfällt. Ich hoffe aber, dass Tourismus Rheinfelden den Honorarausfall wenigstens teilweise ausgleichen kann.

Fühlen Sie sich isoliert?
Nein, isoliert fühle ich mich eigentlich nicht. Es gibt ja Mail und Telefon.

Wie beschäftigen Sie sich zu Hause?
Meine Beschäftigungen im Haus sind «Business as usual». Ein bisschen Krafttraining am Morgen, Haushalt, Küche, Zeitungen lesen, Mails erledigen. Im Atelier entstehen kleine Skulpturen und Aquarelle. Am Abend fläze ich mich gern vorm Fernseher, meist mit meinem Lieblingssender «Arte» und einem kühlen Bier.

Arbeiten Sie aktuell an einem Kunst- oder Buchprojekt?
Das nächste Grossprojekt läuft jetzt an: Die «China-Tagebücher» im Ismero-Verlag kommen nun endlich zustande, nachdem die Finanzierung durch Sponsoren gesichert ist. Das Dumme ist nur, dass ich zurzeit nicht wie üblich für die Arbeit am Bildband nach Olsberg zu Peter Meurer, dem Buchgestalter und Verleger, pendeln kann.

Erwarten Sie, dass die jetzige Situation zu einem Generationenkonflikt führen kann?
Generationenkonf likt? Nein, das glaub ich nicht. Ich lebe zwar nicht mit Kindern oder Teenagern, kann da also nicht gross mitreden.

Glauben Sie auf der anderen Seite, dass die Gesellschaft aus dieser Situation etwas lernen kann?
Ja, die Gesellschaft könnte aus dieser Situation lernen. Ob sie das denn tut, ist eine andere Frage. Der Mensch fällt bekanntlich gerne in alte Gewohnheiten zurück. Trotzdem: Die Schweiz könnte lernen, dass die Kommerzialisierung unseres Gesundheitswesens, vor allem der Spitäler, ein Irrweg ist. Warum sollen Spitäler rentieren und einander konkurrieren wie Firmen? Und vielleicht merken die Leute nun, wie unsinnig und unnötig die allermeisten Flüge und Autofahrten sind. Seit Wochen sehe ich von meinem Balkon aus kein Flugi mehr am Himmel, wunderbar. Dieses unsichtbare, fiese Virus hat es fertiggebracht, dass die Menschheit mal eine Pause einlegen muss. Die Umwelt atmet auf, die Luft ist so sauber und ruhig wie noch nie. Was könnten wir daraus lernen? Weniger ist oft mehr. Verzicht ist nicht immer Verlust, sondern oft Gewinn an Lebensqualität.

Was wünschen Sie sich?
Ich wünschte mir, dass die Menschheit aus dieser aufgezwungenen Ruhe lernt. Den Kranken wünsche ich gute Genesung, den Menschen, die in diesen Zeiten Spezial-Einsätze leisten, dass sie durchhalten, den wirtschaftlich gebeutelten Geschäften wünsche ich gute Erholung. Für mich selbst wünsche ich, dass ich fit bleibe und meine Projekte verwirklichen kann. Dass ich bald wieder geliebte Menschen umarmen kann. Dass ich alle Besorgungen wieder selber machen und Kultur wieder live statt nur am Bildschirm erleben kann. Und schliesslich, dass ich als Stadtführer bald wieder Menschen aus aller Welt unsere Stadt zeigen kann.

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