«Hier leben, das kann nicht jeder»

Mo, 11. Feb. 2019

Eva Schornegg, 43, lebt seit über einem Jahr mit ihren Hunden auf dem Campingplatz in Mumpf und hat dort einen Ort der Ruhe, Freiheit und Hilfsbereitschaft gefunden.

Birke Luu

Wohl schon über hundert Mal bin ich am Campingplatz in Mumpf vorbeigefahren, der etwas eingeengt zwischen dem Rhein und der Hauptstrasse von Mumpf nach Stein liegt. Doch heute biege ich hier ab und darf eine Dauercamperin kennenlernen, die auch den Winter hier verbringt.

Eva Schornegg ist 43 und lebt seit 15 Monaten auf diesem Campingplatz, der nur für Dauercamper ist. Solche ganzjährig bewohnten Plätze gebe es nur sehr wenige in der Schweiz, erklärt sie. Sie muss mich am Eingang abholen, denn der Campingplatz ist hoch umzäunt und im Winter auch abgeschlossen. Später meint sie augenzwinkernd dazu: «Das wirkt ein bisschen wie eine Festung hier, wie Fort Knox, in das man nur mit diesem alten, grossen Schlüssel kommt. Daran musste ich mich erst gewöhnen.»

Ein Dorf im Dorf
Innerhalb der Umzäunung stehen kleine Häuser dicht an dicht, jeweils mit kleinem Vorplatz. Alles ist sauber und gepflegt, rund 20 andere Camper überwintern auch hier. Normale Wohnwagen sehe ich keine, es dominieren Mobile Homes, also «Häuser auf Rädern», die hier fest abgestellt wurden. In so einem wohnt auch Eva Schornegg. Unkompliziert und offen zeigt sie mir ihr Reich: eine richtige Küche, ein echtes Bad, Schlafzimmer mit Einbauschrank sowie ein Mini-Zimmer als Abstellraum und natürlich das Wohnzimmer, dominiert von einem grossen gemütlichen Sofa. «Das ist unser Lieblingsplatz», lächelt Eva und meint damit sich und ihre drei Hunde, Grey, Charlie und Yorka, die hier mit ihr leben.

«Jetzt ist es gut.»
Doch wie kommt es, dass die Vier hier wohnen? «Man sieht es mir vielleicht nicht an, aber ich hatte schon zwei schwere Unfälle und zudem starke Diabetes, so dass ich an Silvester 2011 dann die Erste in der Schweiz war, die erfolgreich eine neue Bauchspeicheldrüse transplantiert bekam». Mit ihrer kleinen IV-Rente kam ihr dieses freiwerdende Mobile Home gerade recht. «Ich bin sehr gerne am Wasser, schwimme gern und kann hier toll mit den Hunden spazieren. Zudem ist hier die Hausarbeit viel weniger. Jetzt kann ich den Alltag selbst bewältigen, früher habe ich Hilfe gebraucht». Aus Vernunft ist sie aus einem grösseren Haus mit schönem Garten ausgezogen und hat dafür viel Positives gefunden.

«Ich hatte mir erhofft, dass ich hier zur Ruhe komme und ausgeglichener werde. Das habe ich erreicht. Ich habe heute mehr Zeit zum Ausruhen, was für meine Gesundheit sehr wichtig ist». Und wie hat ihr Umfeld auf den Umzug reagiert? «Ich bin jetzt frei und ungebunden, das hat alle überzeugt!» Und sie fügt hinzu: «Hier auf dem Campingplatz hilft jeder jedem. Es gibt eine tolle Gemeinschaft und auch andere Angeschlagene, deren Verständnis gross ist». Beim Zügeln und Renovieren haben ihr Freunde und Familie geholfen, wodurch die Beziehungen zu diesen Menschen, ihren «Engeln», noch enger und stärker geworden sind.

Klein aber fein
Und was war die grösste Umgewöhnung? «Der fehlende Garten, aber ich mache jetzt alles auf Klein: Kräuterbeet statt Kräutergarten». Und natürlich musste sie sich an das Leben auf engerem Raum gewöhnen, aber: «Ich hatte mal ein Offroad-Fahrzeug mit Dachzelt, daher kenne ich das beengte Leben und wusste, dass das kein Problem sein würde». Trotzdem vermisst sie natürlich auch alte Annehmlichkeiten wie eine Garage direkt am Haus, eine Stromversorgung, die nicht so schnell überlastet ist, und «meine Hundedusche, die früher am Eingang als Schmutzschleuse diente, aber das ist natürlich ein Luxusproblem», lacht Eva. Sie erzählt, wie positiv überrascht die Menschen seien, wenn sie zu Besuch kämen und sie ihnen ihre Vorurteile nehmen könne: «Ja, ich habe eine eigene Dusche und auch einen Kühlschrank und eine Waschmaschine. Es ist zwar klein, aber nicht zu klein». Sogar eine Klimaanlage gibt es, die die Sommerhitze erträglich macht und im Winter schön wärmt. Sie erklärt, dass das Limitierende hier die Platzgrösse sei, man mit Geld aber auch eine Luxusausstattung bekommen könne. Sie selbst habe mit wenig Geld versucht, das Beste herauszuholen. Und das sieht man der liebevollkreativen Dekoration innen wie aussen auch an.

Leben und leben lassen
Kann Eva Schornegg das Leben als Dauercamperin weiterempfehlen? «Das ist nur etwas für jemanden, der auf kleinem Raum leben kann und das einfache Leben mag. Man muss praktisch veranlagt sein und auch mal um Hilfe bitten können». Zudem müsse man diese Gemeinschaft mögen, denn hier laufe man sich schon über den Weg und bekäme einiges von den Anderen mit. Für Eva Schornegg ist dies alles kein Problem. Sie ist unkompliziert, offen und tolerant. Auf ihren früheren Reisen nach Rumänien, Korsika, Sardinien und Chile ist sie schon weit herumgekommen und hat die unterschiedlichsten Menschen kennengelernt. «Leben und leben lassen, das ist meine Einstellung». Dazu ist sie sehr naturverbunden, denn die Natur – und ihre Hunde – seien ihre beste Therapie. Das Wichtigste im Leben sei ihr heute ihre Freiheit, «um so zu leben, wie es mir und meinem Körper gut tut». Dies alles hat sie auf dem Campingplatz gefunden. Wenn sie den Menschen im Fricktal einen Rat mitgeben dürfte, dann wäre es «leben und leben lassen» sowie «man muss jeden Tag geniessen, an dem man gesund aufstehen kann».

Über unser Gespräch ist es draussen dunkel geworden. Eva Schornegg begleitet mich zum Parkplatz. Sie hatte mir gesagt, dass ihr Leben hier nichts mit romantischem Feriencamping zu tun hätte. Als wir dann aber mit Taschenlampe und «Festungsschlüssel» bewaffnet im Dunkeln unseren Weg suchen, da kommt doch schon ein bisschen Camping-Feeling auf.

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