Bis dass die Pension sie scheidet

So, 11. Nov. 2018

Der Chef und sein Angestellter: so geht Firmentreue

Legendär wurde die TV-Serie Drei Damen vom Grill. Praktisch zur selben Zeit, in Möhlin, legten auch sie los: zwei Herren vom Dach. Peter Gebert und Rolf Tschudi sind Chef und Angestellter. Das ist ihre fast vierzigjährige Geschichte.

Ronny Wittenwiler

«Im Mai 1979 hast du angefangen.» – «Bist du sicher? Ich glaube, es war Juni.» – «Nein, nein. Im Mai hast du den ersten Lohn bezogen.» Unseren Einwurf, vielleicht habe er im Mai ja einfach zuerst mal Lohn bezogen und dann im Juni zu arbeiten begonnen, quittieren beide mit einem Lachen. Zu diesem Zeitpunkt ist das Gespräch gerade mal eine Minute alt. Es sollte noch besser kommen.

*

Das hier ist die Geschichte von Peter Gebert und Rolf Tschudi. Chef hier, Angestellter dort. Das wird sich nicht mehr ändern. 1979 war für Peter Gebert kein einfaches Jahr. Der Vater stirbt nach längerer Leidenszeit an Krebs. Der junge Gebert, selber Zimmermann, Handelsschule abgeschlossen, muss sich entscheiden. Er führt den kleinen Holzbaubetrieb weiter, den der Vater Mitte der Fünfzigerjahre gegründet hatte. Peter Gebert ist plötzlich Chef, mit zweiundzwanzig; Chef von Rolf Tschudi, zwanzig, eben erst ein paar Monate im Betrieb. «Soweit habe ich doch gar nicht gedacht», sagt Gebert und das ist seine Antwort auf die Frage, ob er es sich je hätte vorstellen können: Vierzig Jahre an der Seite mit demselben Angestellten; kann das wirklich gutgehen?

Wir sitzen im Warteck. Die NFZ hat die beiden für ein gemeinsames Gespräch vom Dach geholt, irgendwann zwischen Znünipause und Mittagessen. Gebert und Tschudi sitzen nebeneinander. Wieder einmal. Wie so oft im Leben. Und auch wenn Peter Gebert damals gar nicht soweit gedachte hatte, ob es wirklich gut gehen könne, fast vierzig volle Jahre lang - es ging gut. Bis heute.

«Sonst wäre ich nicht geblieben»
Ist Peter Gebert ein guter Chef? Die Situation ist knifflig. «Was soll ich denn jetzt antworten?», sagt Tschudi, den sie alle bloss Dölf nennen, Dölf statt Rolf. Er schielt nach rechts, mit allergrösstem Vergnügen, wo ein wortloser Peter Gebert sitzt, Gebi nennen sie ihn, die Augen leicht zusammengekniffen. Den Vorschlag, er möge doch noch eine Runde Kaffee bestellen gehen, damit der Dölf mal über ihn als Chef plaudern könne, schlägt er in den Wind. Kollektive Erheiterung. Es sind solche Szenen wie diese, die eines zeigen: Die Chemie stimmt, der Worte braucht es nicht viele und werden doch welche gebraucht, dann nicht, um sie zuckersüss als Honig dem andern um den Mund schmieren zu müssen. «Jetzt mal im Ernst», sagt Tschudi. «Ich habe doch kaum Vergleichsmöglichkeiten. Seit der Stifti hatte ich nie einen anderen als Chef ausser Peter. Aber eines weiss ich: Wenn es nicht gepasst hätte, wäre ich sicher nicht fast vierzig Jahre geblieben.» Vielleicht ist Rolf Tschudi für Peter Gebert ein Glücksfall. Und vielleicht ist Peter Gebert für Rolf Tschudi ein Glücksfall. Ganz bestimmt aber ist das Kleinunternehmen für den Werbemarkt der blanke Horror. Die Aufträge: Sie kommen einfach rein. Es dünkt, als hätte man sich das über Jahre erarbeitet. Liefere statt lafere.

Vertrauen. Freiheit.
«Klar ist man auch mal anderer Meinung», sagt Gebert, «dann stäubt es kurz und alles ist wieder gut.» Tschudi lacht: «Aber wir sind uns noch nie gegenseitig an die Gurgel gegangen. So ist es dann schon nicht.» Dieses Miteinander der beiden hat etwas Hemdsärmeliges. Das ist alles andere als abschätzig gemeint und vielleicht ist gerade Solches der Schlüssel dazu: Man sagt sich, was zu sagen ist – und am Ende des Tages nimmt sich keiner wichtiger als der andere. «Ich rufe aus den Ferien auch nicht dauernd an und prüfe, ob alles rund läuft, ich lasse ihn in Ruhe arbeiten», sagt Peter Gebert jetzt. Vertrauen statt Kontrolle, Freiheit, Selbstverantwortung. Es ist, als würden wir im Warteck beim verspäteten Znüni-Kaffee gerade die perfekte Ehe ergründen und vielleicht sind wir gar nicht mal so weit davon entfernt: Wer fast vierzig Jahre einander im Berufsleben aushält, Tag für Tag, kann nicht alles falsch gemacht haben. Tschudi lacht: «Es heisst ja mittlerweile nicht umsonst, wenn wir auftauchen: Da schau, das Chifli-Ehepaar kommt wieder.» Bis dass die Pension sie scheidet.

Und gib uns unser täglich Znüni
Tschudi, gelernter Konstruktionsschlosser, der immer schon Zimmermann werden wollte, nein, er weiss es nicht. Die Frage war ganz einfach: Ob er denselben Weg noch einmal gehen würde. Er hätte «ja!» sagen können und so dieser Geschichte ganz verklärt das Sahnehäubchen aufsetzen können. «Heute ist eine andere Zeit», sagt er stattdessen, bevor er seinen Kaffee austrinkt und wieder aufs Dach steigen wird. Heute ist eine andere Zeit, die Möglichkeiten sind vielfältiger. Nach einer kurzen Pause des Sinnierens sagt er aber: «Im Winter frierst du zwar an’d Döpe und im Sommer läufst du fast aus. Aber eines weiss ich: Ich liebe das Handwerk.» Und so wird der 59-jährige Tschudi, der Dölf, weiterhin bei Gebi, 61, auf der Matte stehen. Oder irgendwo auf einem Dach. Am besten unfallfrei, wie in den bisherigen knapp vierzig Jahren. Beinahe unfallfrei, um genau zu sein. «Einmal habe ich mich am Finger verletzt. Die anderen gingen ins Znüni, ich wollte weiterarbeiten.» Und was lernen wir daraus? Znüni näh! Immer.

*

Vielleicht sind die zwei Männer vom Dach nicht so legendär wie die Drei Damen vom Grill. Doch in Möhlin sind sie längst Programm. Gehören zu diesem Kosmos funktionierender Kleinbetriebe. Ob sich Tschudi zum 40-Jahr-Arbeitsjubiläum auf eine Lohnerhöhung freuen darf, wollen wir noch von Peter Gebert wissen. Er schweigt, lächelt. «Entweder das oder die Kündigung», sagt Tschudi jetzt und grinst. Wenn das so einfach wäre. Und so endet diese Geschichte. Richtig, als wenn es so einfach wäre, das mit der Kündigung. Rolf Tschudi hat nicht mal einen schriftlichen Arbeitsvertrag. «Wir hatten uns per Handschlag geeinigt», sagt Peter Gebert. Damals, 1979. Vierzig Jahre später, sind sie es noch immer: nämlich einig – und ganz nebenbei, richtig dicke Freunde fürs Leben.


Vom Dachstuhl über Stirnbrettverkleidung bis zur Treppe: Die Firma von Peter Gebert mit Sitz in Möhlin erledigt Holzbauaufträge jeglicher Art.

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