«Blues berührt die Seele»

Sa, 20. Okt. 2018
Marc Amacher: «Ich hätte nie gedacht, dass ich singen würde.» Foto: Philipp Reinhard

Marc Amacher tritt in Frick auf

Der Thuner Bluesmusiker Marc Amacher (32), der 2016 bei «The Voice Of Germany» mit seinen starken Auftritten für Furore sorgte und bis ins Finale vorstiess, tritt am 25. Fricktaler Blues Festival auf.

Reinhold Hönle

NFZ: Seit wann haben Sie den Blues?
Marc Amacher:
Die Frage ist, wann einem der Blues hat – und nicht umgekehrt! Dem rennst du nicht unbedingt hinterher! (lacht schallend – das 1. von gefühlt 1000 Mal während dieses Interviews) Wo grosses Unglück ist, ist auch grosses Glück. Aber du musst schon ein wenig geplagt sein, wenn du den Blues spielen willst. Die Baumwollpflücker, die einst mit aufgesprungenen Händen die Plantagen durchforsteten, sangen in ihren Liedern von ihrem Schmerz, aber ebenso von ihrer Sehnsucht nach Glück. Und diese Lieder haben sie durch den Tag getragen.

Was verbindet Sie mit ihnen?
Ich bin ja heute noch nicht der Schlankste, aber wenn du in die Schule gehst und Übergewicht hast, weisst du relativ schnell, was es geschlagen hat. Deinen Frieden findest du nicht, in dem du dich mit den andere Kindern an einen Tisch setzt und das ausdiskutierst ... Deshalb konnte ich mich schon früh in die diskriminierten Schwarzen hineinversetzen und hörte ihre Gefühle aus dem Blues heraus.

Wo haben Sie ihn für sich entdeckt?
Musik war bei uns zuhause schon immer ein wichtiges Element. Da lief sehr viel – aus meiner Sicht – gute Musik. Rock und Blues sind für andere zu anspruchslos oder zu wenig tiefgründig. Ich habe genossen, was man spürt, dass diese Musik die Seele berührt.

Wann kam der Wunsch, selbst Musik zu machen?
Ich hätte nie gedacht, dass ich singen würde, aber Stimmen wie diejenige von Joe Cocker haben mich fasziniert. Dafür habe ich schon von klein auf klar kommuniziert, dass ich Gitarre spielen will. Vielleicht habe ich zu früh gewusst, was ich wollte – eine normale berufliche Laufbahn hat mich nie wirklich interessiert. Die Musik war immer wichtiger als der Job, der den Lebensunterhalt sicherte. Man wird jedoch älter und merkt, dass man Geld braucht, um Miete, Essen und Steuern bezahlen zu können. Es braucht schon eine gewisse Ignoranz, wenn man es trotzdem macht. Aber es ist schon viel Wert, wenn man 40 Prozent des Lebensunterhalts seiner Familie mit seiner grossen Leidenschaft verdienen kann.

Seit wann verdienen Sie mit dem Musikmachen Geld?
Seitdem ich einigermassen Gitarre spielen kann. Als ich in der Schulzeit an Geburifesten gespielt habe, ging es nicht ums Geld, aber ich bekam vielleicht ein Hunderternötli in die Hand gedrückt, weil die Leute fanden, es «fäg wie ne Moore».

Was haben Sie damit gemacht?
Ich konnte mir davon ein gebrauchtes Töffli kaufen. Meistens musste ich an ihnen noch herum schrübeln, um sie richtig zum Laufen zu bringen, aber ich arbeite gerne mit den Händen. Auch meine Musik hat mit Handwerk zu tun. Ich mag das ganze Star-Getue nicht. Bei mir geht’s um den Inhalt und nicht ums Outfit.

Trotzdem haben Sie einen ungewöhnlichen Look, der mich an die Blues Brothers erinnert. Ein Inspiration für Sie?
Ja, John Belushi und Dan Aykroyd haben ja wirklich Blues gespielt und verkörperten zwei, die ihr Ding durchziehen, auch, wenn rings herum alles in die Luft fliegt. Ich kenne ihren 80er-Jahre-Kultfilm schon lange, denn ich bin ein Fernsehkind. Lesen tue ich überhaupt nicht gerne, aber ich nehme viel über Bilder und das gesprochene Wort auf. So habe ich auch viel über die Musik gelernt.

Wie wichtig ist es, dass Ihnen Ihre Frau den Rücken frei hält?
Sehr wichtig. Ich war aber auch nie unehrlich zu ihr. Ich habe meine Frau an einem Konzert gefragt, ob sie mit mir mal einen Kaffee trinken würde. Das war der Grundstein für unsere Beziehung. Sie wusste also von Anfang an, dass die Musik für mich sehr zentral ist. Nun sind wir bald zehn Jahre zusammen. Nicht schlecht für einen 32-Jährigen. Vor allem in der heutigen Zeit, wo manche sich schon ein paar Monate nach der Hochzeit scheiden lassen. Da kenne ich genügend Geschichten...

Ihre Bodenständigkeit erinnert mich an Gölä. Empfinden Sie eine Büezer-Seelenverwandschaft?
Als Gölä aufkam, war ich noch in der Stifti als Strassenbauer. Die Giele, mit denen ich bügelte, plagierten nun plötzlich, dass sie den Pfeuti, den sie jahrelang belächelt hatten, kennen würden. Die Kraft der Musik hilft einfach, Vorurteile zu überwinden. Wie oft bin ich schon an ein Fest gekommen und an der Tür schräg angeschaut worden. Was will denn der kleine Dicke mit der Brille hier, das Buffet plündern? Dann ging ich auf die Bühne und nachher spielte es plötzlich überhaupt keine Rolle mehr, wie ich aussehe.

Haben Sie vor «The Voice Of Germany» gedacht, dass Sie nun den nächsten Karriereschritt machen müssen, wo Sie eine Frau und zwei kleine Kinder haben?
Nein, ich habe mich dort nicht einmal beworben. Natürlich befand ich mich auf einer Gratwanderung ohne Freizeit, als ich zu 100 Prozent bügelte und dazu eine Band hatte, mit der er ich übte und auftrat. Die Idee kam jedoch von Dominik Liechti, mit dem ich schon drei Jahre Strassenmusik machte und 80 bis 120 Mal pro Jahr auftrat. Er hatte unsere Bewerbung eingeschickt, ohne mich vorher zu fragen.

Mit welchen Konsequenzen?
The Voice begann anzurufen, wollte aber nicht unser Duo Chubby Buddy, sondern nur einen Sänger. Wir haben darauf abgesagt, doch die Produzenten liessen nicht locker, worauf wir beide vorgesungen haben. Markus ist rausgefallen und ich schluckte leer, da ich dachte, dass ich nicht in diese Show reinpassen würde. Ich will richtige Musik machen, keinen Popplunder.

Weshalb haben Sie trotzdem mitgemacht?
Einerseits dachte ich mir, dass ich ja nichts zu verlieren hätte, und anderseits hatte ich mir ausbedungen, dass ich bei der Blind Audition nicht zu Konserven singen muss. Ich bekam einen Pianisten und spielte selbst Gitarre. Ausserdem war der Song von Marvin Gaye ein guter Kompromiss – nicht ganz mein Stil, aber grosse Klasse.

Wie haben Sie von «The Voice» profitiert?
Die Anerkennung der Musiker der Live-Band hat mich am meisten gefreut. Diese absoluten Studio-Topshots sagten mir nach dem Finale, dass keiner von ihnen gewollt hätte, dass ich gewinne, weil es mir nichts gebracht hätte. Aber ich müsse wissen, dass ich für jeden einzelnen von ihnen ein Teil der Band gewesen sei, anders als bei den Sängern, die sie sonst in dieser Show begleiten.

Haben Sie daraus zusätzliches Selbstvertrauen geschöpft?
Danach habe ich mein Album «8 Days» in nur acht Tagen mit Schweizer Musikern aufgenommen, mit denen ich vorher schon zusammen gespielt habe. Damit wollte ich auch zeigen, dass ich mich nun nicht als jemand Besseres fühle.

Marc Amacher & Philipp Gerber treten am Donnerstag, 25. Oktober, 20.15 Uhr, am Fricktaler Blues Festival im Fricks Monti auf.

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