An der Grenze

  30.06.2019 Rheinfelden

In Olsberg hat man seinen Frieden – finden Gion Putzi und Livio Schaffner. Die beiden fühlen sich wohl in ihrem Dorf. Ohne Auto wäre das Leben aber schwierig.

Valentin Zumsteg

Mit seinen knapp 360 Einwohnern ist Olsberg eines der kleinsten Dörfer im Fricktal. «Aber wir haben immerhin eine Vorstadt», erzählt Livio Schaffner mit einem Lachen. Tatsächlich: In Olsberg gibt es die obere und die untere Vorstadt. Sehr städtisch sieht das aber nicht aus, eher wie eine Dorfidylle. Und das ist Livio Schaffner und Gion Putzi, die uns an diesem Tag auf einem kleinen Rundgang ihr Dorf zeigen, recht. Denn ihnen gefallen die Grösse ihrer Gemeinde und die Nähe zur Natur. Sie brauchen keine Stadt.

«Man muss mobil sein»
«In Olsberg hört man den ganzen Tag Vögel singen und Grillen zirpen. Abends sieht man die Fledermäuse und nachts die Sterne. Hier hat man seinen Frieden», erklärt Gion Putzi (24). Er war 15 Jahre alt, als er ins Dorf kam. «Ich kannte Olsberg damals kaum – nur die Tiger auf der Sennweid waren mir ein Begriff.» Im Dorf fühlte er sich schnell wohl. Sein Vater übernahm mit seiner Partnerin das «Rössli», das einzige Restaurant im Dorf und machte daraus «Putzi’s Weinresidenz». Heute arbeitet Gion Putzi, der Koch gelernt hat, im Betrieb mit.

Der 25-jährige Livio Schaffner lebt hingegen seit Geburt in Olsberg. Er hat hier die Primarschule besucht und später die Oberstufe in Magden und Rheinfelden. «Es hat mir im Dorf nie etwas gefehlt. In der Schule waren wir etwa 15 Kinder, allerdings von der ersten bis zur vierten Klasse. In meinem Jahrgang waren rund fünf Kinder. Wir haben auf dem Schulhausplatz viel Fussball und Rollhockey gespielt.» Später, so mit 15 Jahren, fand er das Leben im Dorf etwas weniger toll. «Ich wollte Freunde in anderen Dörfern besuchen, hatte aber weder Töffli noch Roller. Das war nicht so lustig.» Denn eines ist wichtig – da sind sich Gion Putzi und Livio Schaffner einig: «Olsberg ist ein tolles Dorf. Aber man muss mobil sein, sonst wird es schwierig.»

Hat man ein Auto, ist alles kein Problem. «Das Dorf gilt zwar als abgelegen, aber in 25 Minuten ist man in Basel. Und auch die Autobahnen Richtung Luzern und Zürich sind schnell zu erreichen.» Besser dürfte hingegen der öffentliche Verkehr sein, finden die beiden. Der kleine Bus fährt aus ihrer Sicht nicht häufig genug. «Vielleicht würden mehr Leute ins Dorf ziehen, wenn die Verbindungen besser wären», so Livio Schaffner. Über mehr Leute in seinem Alter würde er sich jedenfalls freuen. «Aber es braucht halt ein bisschen Mumm, um in ein kleines Dorf zu ziehen. Hier ist der nächste Laden oder das Kino nicht direkt vor der Haustür.» Die Einwohnerzahl ist stabil, schon vor zehn Jahren zählte die Gemeinde rund 360 Seelen. Den grössten Sprung machte die Bevölkerung zwischen 1990 und 2000, als sie von 314 auf 375 anwuchs.

Es geht an die Grenze
Den Spaziergang durch das Dorf starten wir beim ehemaligen «Rössli» – von dort sind es nur wenige Schritte zum Dorfplatz. Da befindet sich ein Bushäuschen, in dem eine Tafel mit Informationen über das Dorf angebracht ist. «Hier steht geschrieben, dass der Name Olsberg eventuell vom heiligen Ölberg abgeleitet wird», sagt Livio Schaffner. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um eine Legende. Sicher ist aber, dass die Olsberger ihr Dorf lieben. Das wird auf dieser Informationstafel deutlich. Da steht nämlich auch noch: «Bei wechselnden Jahreszeiten, bei wundervollen Stimmungen, bei Sonnenauf- und untergängen kann man tatsächlich denken, Olsberg sei ein Stück Paradies.»

Während wir plaudern und ein Foto von Gion Putzi und Livio Schaffner schiessen, hält gegenüber der Bus. Das Fahrerfenster geht runter und die Chauffeurin ruft: «Ihr müsst schon ein bisschen lachen.» Sie kennt Livio Schaffner von früher, als er mit dem Bus in die Schule nach Magden fuhr. «Man kennt sich im Dorf – und jeder weiss eigentlich, was der andere macht. Hier bleibt nichts lange im Verborgenen», sagt er.

Spaziert man durch Olsberg, kommt man schnell an die Grenze. Das hängt nicht mit den Höhenunterschieden und der Kondition zusammen, sondern vor allem mit der Lage des Dorfes. Der Violenbach, der durch die Gemeinde führt, markiert die Grenze zwischen Aargau und Basel-Land. Damit liegt Olsberg in zwei Kantonen. Der grössere Teil umfasst die selbständige Aargauer Gemeinde Olsberg, der kleinere Teil wird «Ländli» genannt und gehört seit 1860 zu Arisdorf (BL). «Ich glaube, die in Aarau wissen gar nicht, dass es uns hier gibt», sagt Gion Putzi. «Und die im Baselbiet meinen wahrscheinlich, dass wir nur zum Aargau gehören», ergänzt Livio Schaffner. Für ihn ist Olsberg «die letzte Bastion des Aargaus». Er sieht sich selber als Aargauer. Gion Putzi, der die ersten 15 Jahre seines Lebens in Ormalingen bei der Farnsburg aufgewachsen ist und heute noch einen grossen Teil seines Freundeskreises in dieser Region hat, bezeichnet sich hingegen als Baselbieter.

Übrigens: Der Violenbach ist hier nur ein Rinnsal. «Als Jugendliche sind wir auf allen vieren unter der Strasse durchgekrochen», erzählen die beiden mit Blick auf die kleine Brücke.

Schulhaus mit Glocke
Wir verlassen das «Ländli» und gehen hinauf zur Schulanlage und zum Gemeindehaus. Auf dem alten Schulhaus ist ein kleiner Glockenturm angebracht. «Ich glaube, die Glocke würde sogar noch funktionieren», vermutet Gion Putzi. Livio Schaffner erinnert sich, wie sie früher hinter dem Schulhaus Hockey gespielt haben. «Vor langer Zeit gab es beim Feuerwehrmagazin auch mal einen Jugendraum.» Heute besteht dieser nicht mehr. Man trifft sich privat oder auswärts. Anschliessend spazieren wir wieder hinunter. Die beiden zeigen unterwegs die ehemalige Dorfschmiede. Und auch der ehemalige Dorfladen kommt zur Sprache. «Dort soll sich mal ein Mord zugetragen haben», erzählen sie. Den Laden gibt es schon lange nicht mehr. Wer einkaufen will, muss in die umliegenden Dörfer. «Es gibt aber Hofläden.» Was die beiden vermissen, sind Feste, bei denen die Bevölkerung zusammenkommt. «Davon haben wir zu wenige. Die Gemeinde ergreift hier auch nicht die Initiative», erklärt Livio Schaffner. Vereine, die etwas auf die Beine stellen könnten, gibt es kaum.

Die Finanzen sind gut
Olsberg hat zwar nur wenige Einwohner, trotzdem ist die Gemeinde eigenständig und verfügt dank guter Steuerzahler über einen Steuerfuss von tiefen 92 Prozent – weniger als manch grössere Gemeinde. Wie sehen die beiden jungen Erwachsenen die Zukunft des Dorfes, kann es eigenständig bleiben? «So lange die Gemeinde finanziell so gut dasteht, wird es wohl nicht zu einer Fusion kommen», sagt Gion Putzi. Das glaubt auch Livio Schaffner: «Eine Fusion braucht es derzeit nicht.» Wenn es doch soweit käme, würden sie am ehesten ein Zusammengehen mit Magden sehen. «Da wird heute schon in vielen Bereichen zusammengearbeitet.»

Zum Schluss stehen wir wieder bei der Hauptstrasse – und blicken Richtung Vorstadt. Die Grillen zirpen, die Vögel zwitschern und bald sind wohl auch die ersten Fledermäuse am Himmel zu sehen. Es wird Abend in Olsberg.


Gion Putzi und Livio Schaffner

Gion Putzi ist in Ormalingen bei der Farnsburg aufgewachsen. Mit 15 Jahren kam er nach Olsberg. Er hat eine Lehre als Koch absolviert und arbeitet heute im Restaurant «Putzi’s Weinresidenz», das seinem Vater und der Partnerin gehört. Seine Zukunft sieht er in Olsberg.

Livio Schaffner ist gebürtiger Olsberger. Er ist im Dorf mit drei Geschwistern aufgewachsen. Die Schulen besuchte er in Olsberg, Magden und Rheinfelden. Der 25-Jährige ist gelernter Maurer und arbeitet heute bei der Firma Wohlwend AG in Möhlin. Livio Schaffner ist Mitglied der Pfadi in Rheinfelden. Wo er in paar Jahren wohnen will, weiss er noch nicht. Olsberg ist eine Option. (vzu)


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