Das Leben besteht aus mehr als nur einer Bühne

So, 11. Mär. 2018

René Picard kennt ganz viele dieser Bühnen

Schauspieler, Sänger, Postautochauffeur, Politiker, Hundezüchter, Hundeausbilder, Waffennarr – René Picard vereint viele Berufe und Berufungen in sich. «Es fehlte mir an der konsequentesten Verfolgung eines Hauptzieles», erklärt der Fricker seine vielen gelebten Interessen.

Susanne Hörth

Um es gleich vorneweg zu nehmen: Es ist eine schiere Unmöglichkeit, René Picard in einem einzigen Bericht beschreiben, seine Berufe, Leidenschaften, Geld-Verdien-Jobs, Interessen, seine Ziele und Wünsche auf beschränktem Platz wiedergeben zu wollen. Zu gross ist der reich gefüllte «Chratten», den er seit frühster Kindheit mit sich trägt. Picard sitzt am Tisch. Erzählt aus seinem Leben. Nicht der Reihe nach. Die immer wieder neuen Geschichten entstehen aus den Geschichten selbst. Und diese lassen sich nur schwer chronologisch abbilden. «Nein, meine Eltern hätten nie geduldet, dass ich Schauspieler oder Sänger werde», beginnt der ausgebildete Schauspieler und Sänger mittendrin.

Aufgewachsen ist er mit seinen Eltern und einem älteren Bruder in Frick. Die Kanti hat er in Basel gemacht. «Fast hätte ich in jener Zeit meine Fussballkarriere gestartet.» Der vom Fussball «angefressene» Picard stand damals beim FC Frick im Goal. Weil beim FC Basel der Torwart ausfiel, durfte der Fricker als Ersatz aushelfen, hätte bleiben können. «Ein Fussballspieler! Das kam für meinen Vater nicht in Frage.» Die Augen von René Picard blitzen. Seine Augenbrauen erreichen fast den dichten weissen Haarschopf. Im nächsten Moment verdunkelt sich sein Gesicht, der Blick geht nach unten. Die eben noch aufgestellte, tiefe Stimme wird leiser und wo gerade noch weitausholende Armbewegungen die Erzählungen unterstrichen, genügen jetzt kleine Handbewegungen. «Ich bin halt Schauspieler», grinst er. Er wechselt die Rollen. Bleibt dabei aber gleichwohl sich selbst. Wird zum Kantischüler, der dann trotz elterlichem Verbot mit einer kleinen List «mein Vater dachte ich werde Gesangslehrer» die Schule für Musik und Theater absolvierte. Und dann wird er zum schlafwandelnden Buben, der seine Begeisterung für die Bühne, die Bretter, die die Welt bedeuten, entdeckt. «Meine Eltern liebten die Operette, das Theater. Weil ich schlafwandelte und sie mich nicht alleine zuhause lassen wollten, nahmen sie mich oft ins Theater mit.»

Das Feuer im Buben René war geweckt. Er studierte mit seinen Klassenkameraden an der Schule Frick Theaterstücke ein, führte Regie. Der rote Faden «Die Schauspielerei» verliert sich einen Augenblick lang im Gespräch. Er wird aber immer wieder aufgenommen, um dann einer anderen Geschichte kurzeitig Platz zu machen. Der junge René Picard ist jetzt im Ausland, in einem einjährigen Sprachaufenthalt in England. «Hier wurde meine grosse Liebe zu den Pferden auch zu einer gelebten Leidenschaft. Ich habe, um mir den Aufenthalt finanzieren zu können, als Reitlehrer gearbeitet.» Warum das nicht zum Beruf machen? Doch das Schicksal wollte es anderes. Die Pferdeseuche war ausgebrochen und die Prüfungen mussten abgesagt werden. Auch der zweite Anlauf klappte aus selbigen Grund nicht.

Er schaffte später mit Bravour, als einer von dreien – «28 haben die Ausbildung angefangen» – die dreijährige Schule für Musik und Theater. «Dann habe ich es mir mit meiner so erträumten Schauspielkarriere selbst verdorben. Ich hatte die Möglichkeit, am Theater Oldenburg ein Engagement zu übernehmen. Doch da waren in Frick gerade Gemeinderatswahlen.» Picard hatte sich aufstellen lassen, wollte etwas für seine Heimatgemeinde bewirken. Und wurde als Parteiloser gewählt. In diese Zeit fiel auch die Geschichte mit Bud Spencer. Picard bekam einen Anruf. Wenn er innert einer Stunde am Flughafen sei und nach Italien komme, könne er an der Seite von Bud Spencer in einem Film spielen. «An diesem Montagabend hatte ich Gemeinderatssitzung. Ausserdem leitete ich einen Kirchenchor. Ich konnte doch nicht weg. Also habe ich es mir mit der Filmschauspielerei auch versaut.» Sagt es, grinst und macht eine weit ausholende Armbewegung. 12 Jahre wurden es im Gemeinderat. 30 Jahre leitete er den Kirchenchor. Auf der Bühne traf man ihn regelmässig an, mal unter der Regie von Dürrenmatt, mal an der Seite von Ursula Schäppi. Daneben sang er in unzähligen Operetten, gab Solo-Auftritte, war Chormitglied, dirigierte, schrieb Stücke. «Ja, natürlich singe ich heute auch noch. Seit neuestem leite ich das offene Singen bei Pro Senecute.»

Vom Waffennarr zum Hundeausbilder
Das Stichwort «Waffenchäller» fällt. «Ach ja. Ich bin eben auch ein Waffennarr. Als 16-Jähriger habe ich mein erstes Flobert erhalten. Und wurde später zum angefressenen Schützen.» Er machte die Waffenhändler-Prüfung und übernahm den «Waffenchäller» im Kornhauskeller in Frick. Als das Kornhaus umgebaut wurde, zogen wir auf den Widenplatz, wo heute noch meine Frau einen Hundesalon betreibt. «Meine Frau lernte ich über unsere Hunde kennen. Ich hatte meinen ersten Schäferhund. Den liess ich zweimal im Jahr bei einem Hundesalon waschen. Und dort arbeitete meine Frau als Hundecoiffeuse. Unsere Hunde freundeten sich an. Wir auch.» Für den Waffenchäller sei er einfach zu seriös, zu ehrlich gewesen.

Auch reichte das, was der Laden an Gewinn, wenn überhaupt, erbrachte, nicht weit. René Picard wurde Postauto-Chauffeur. 30 Jahre lang sass er als Chauffeur hinter dem Steuer. Züchtete gemeinsam mit seiner Frau Ursula Dackel und amtete als Richter an Dackelprüfungenen.

Die Liebe zu Pferden begleite ihn noch immer. Doch nach und nach verdrängte das «Hündele» die Zeit mit den ganz grossen Tieren. Wenn wunderts: René Picard eignete sich ein grosses Wissen um die Hundeausbildung an – lernte, Hundehalter zu verstehen und zu unterstützen – und eröffnete eine Hundeschule in Frick. Und wird mittlerweile intensiv von der Tochter Vanessa, ebenfalls Hundeausbilderin, unterstützt. Hat der 74-Jährige noch weitere Pläne, die er verwirklichen möchte: «Ich möchte gerne den Jakobsweg auf dem Pferderücken zurücklegen.»

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