«Ein Führungsstil muss echt sein»

Do, 08. Mär. 2018

Richard Urich: Der neue Kommandant der Feuerwehr Möhlin

Der Name verpflichtet. Jetzt ist auch der dritte Urich im Stammbaum Kommandant der Feuerwehr Möhlin. Zeit für ein Gespräch.

Ronny Wittenwiler

NFZ: Richard Urich, warum gerade Feuerwehr? Richard Urich: Faszination ist die treibende Kraft. Bereits als Bub war das so. Ich bekam das hautnah mit.

Eine Art Familienkrankheit?
Irgendwie schon (schmunzelt). Mein Grossvater war bereits Kommandant der Feuerwehr Möhlin, mein Vater ebenfalls.

Und worin liegt die Faszination?
Dass Menschen bereit sind, alles stehen und liegen zu lassen für andere Menschen, die sie eventuell nicht einmal kennen. In einer Feuerwehr finden sich die unterschiedlichsten Charaktere. Mich fasziniert, was sie gemeinsam zu leisten bereit sind.

Haben Sie sich um das Amt gerissen?
Das lässt sich so nicht sagen. Das Amt betrachte ich aber als hochspannende Aufgabe. Dass mir diese grosse Verantwortung zugetraut wird, ist auch eine Ehre.

Haben Sie Respekt vor diesem Amt?
Ja, sehr.

Angst, Fehler zu machen?
Angst ist der falsche Ausdruck.

Sondern?
Notfallsituationen erfordern Entscheidungen aufgrund einer momentanen Einschätzung. Oft ist man aber im Nachhinein schlauer, da Details entscheiden.

Zum Beispiel?
Nehmen wir ein Haus. Du siehst, dass es brennt. Anhand dessen nimmst du eine Beurteilung vor. Doch du weisst nicht, wie es im Innern aussieht, welche Materialien dort lagern. Du triffst also eine Einschätzung aufgrund dessen, was du siehst – ohne stets alles zu wissen. Davor hat man Respekt.

Riskieren Feuerwehrleute ihr Leben?
Das Leben allgemein ist ein Risiko. Feuerwehrleute gehen Risiken ein. Wir müssen diese Risiken möglichst kontrolliert halten. Wer Gefahren erkennt, beherrscht sie eher. Das Schlimmste wäre, wenn einer unserer Leute nicht mehr heimkommt. Die Sicherheit der eigenen Leute steht über allem.

Wie gelingt das?
Mit einer Ausbildung, die das Personal möglichst realitätsnah auf Ernstfälle vorbereitet. Feuerwehrleute müssen lernen, die eigenen Möglichkeiten richtig einzuschätzen. Doch nicht die Ausbildung allein schafft Sicherheit. Es braucht auch entsprechende Infrastruktur und Ausrüstung und Knowhow im Umgang damit. All das müssen wir schliesslich optimal runterbrechen auf eine Milizorganisation, wie wir eine sind.

Sind Sie ein Fan vom Milizsystem?
Ein Milizsystem, sinnvoll eingesetzt, hat viele Vorteile. Gleichzeitig hat es seine Grenzen.

Inwiefern?
Ich denke an Regionen mit grossen Feuerwehrverbünden. Über 200 Einsätze jährlich. Da droht eine Überlastung.

Und die Vorteile?
Die Feuerwehr Möhlin besteht aktuell aus 118 Leuten. Bei einem Ereignis steht nach zwanzig, dreissig Minuten rund die Hälfte auf dem Platz. Das ist eine hervorragende Leistung im Vergleich zu den Kosten. Der Feuerwehrsold, den wir auszahlen, würde nicht einmal reichen, um überhaupt nur eine einzige Person rund um die Uhr anstellen zu können. Deswegen ist unser Milizsystem sehr effizient. Man muss damit aber auch sehr vorsichtig umgehen.

Inwiefern?
Eine solche Organisation lebt vom Idealismus der Menschen, sich engagieren zu wollen. Dieses Feuer müssen wir am Leben erhalten. Unter anderem mit Respekt, attraktiver Ausbildung und entsprechender Ausrüstung.

Ist es ein Problem, dass Sie als Kommandant nicht in der näheren Umgebung arbeiten?
Mein Vorgänger Jürg Wirthlin war und ist als Materialwart der Gemeinde angestellt. Diese Möglichkeit der Präsenz habe ich nicht in diesem Ausmass. Organisatorische Anpassungen sind nötig.

Wie sehen diese aus?
Ich will die Spitze etwas brechen. Ich habe sehr gute Leute im Team, menschlich und fachlich, Offiziere, Vizekommandanten. Sie sollen in Prozesse eingebunden werden. Ich will ein Team, das sich mit Vorschlägen und Erwartungen gegenseitig beflügelt. Letztlich bleibt aber die Feuerwehr eine hierarchisch geführte Organisation. Entscheide gilt es zu akzeptieren.

Ihr Vorgänger war bekannt wie ein bunter Hund, der die Feuerwehr enorm mitgeprägt hat. Macht es diese Tatsache für Sie schwieriger,
Kommandant zu sein?

Das ist eine gewisse Herausforderung. Aber es war von Anfang an klar, dass ich nicht in seine Fussstapfen treten kann. Jeder muss seinen eigenen Tritt finden. Wer versucht, in Fussstapfen eines anderen zu treten, ist zum Scheitern verurteilt. Ein Führungsstil muss echt sein. Kopieren funktioniert nicht.

Wird unter Ihrer Führung eine Feuerwehrfusion mit Rheinfelden ein Thema?
Aus heutiger Sicht macht eine Fusion keinen Sinn. Wir pflegen bereits eine sehr gute Beziehung. Wir organisieren gemeinsame Beschaffungen, haben einen Alarmverbund und arbeiten längst eng zusammen. Dafür braucht es keinen Ehering.

Die Feuerwehr Rheinfelden warb im vergangenen Jahr mit einer Öffentlichkeitskampagne für Neumitglieder. Was tun Sie?
Mit unseren 118 Angehörigen der Feuerwehr sind wir derzeit über dem Sollbestand. Wir sind sehr gut aufgestellt, bestrebt sogar, den Bestand leicht zu reduzieren. Noch wichtiger ist natürlich, nie an einen Punkt zu gelangen, an dem wir einmal zu wenige sind.

Geht die Bereitschaft zur Freiwilligkeit zurück?
Es kann sein, dass es künftig nicht einfacher wird, Menschen zu finden, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.

Wie lange wollen Sie Verantwortung übernehmen als Kommandant?
Verläuft alles nach Plan, wird meine Amtszeit zwischen vier und acht Jahre dauern. Wir sollten permanent junge Leute nachziehen und sie für mögliche Positionen aufbauen.

Wann haben Sie das letzte Mal mit dem Feuer gespielt?
Ich habe den Hochzeitstag vergessen
(lacht).


1996 trat Richard Urich in die Feuerwehr Möhlin ein. Vor sechs Jahren wurde er Vizekommandant.

Im Rahmen der langfristigen Nachfolgeregelung für Kommandant

Jürg Wirthlin wurde er damals gefragt, ob er sich vorstellen könne, dereinst zu übernehmen.


Richard Urich, 41, verheiratet, Vater von achtjährigen Zwillingen. Der Mechaniker mit abgeschlossener Meisterprüfung arbeitet in Tenniken als Produktionsleiter für einen Werkzeughersteller. «Wenn du abseits vom Job in deiner Freizeit Feuerwehr mit dieser Intensität betreibst, dann sollte die Familie an erster Stelle kommen, wenn es um weitere Hobbys geht», sagt Urich. Hin und wieder ist er am Rhein anzutreffen. «Früher war Wasserfahren eine intensive Tätigkeit.» Er war im Vorstand vom Wasserfahrverein Ryburg-Möhlin. Als Aktiver auf dem Wasser ist er mittlerweile, parallel zum Aufstieg in der Feuerwehr, etwas kürzergetreten. (rw)

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