Momentaufnahmen für die Ewigkeit

| So, 24. Dez. 2017

Sechs Spritzen setzte mir der Kieferchirurg, dann reichte ihm die Assistentin das Skalpell. Nein, angenehm war das nicht. Dann doch lieber Island. Aber lassen Sie mich das erklären. Oder anders gesagt: Was ich uns allen für 2018 wünsche.

Von Ronny Wittenwiler

Ein paar böse Zungen behaupteten, mein Maul liesse sich wahrscheinlich so schnell nicht betäuben. Geklappt hat es dann doch. Es war vor zwei Wochen. Da lag ich nun also auf dem Schragen und spürte diesen hässlichen Druck, innwendig, auf meinem Kieferknochen. Ich gebe zu: Wahnsinnig gute Nachrichten sind das jetzt nicht, noch immer sind’s ein paar Nachbesserungen, nachdem man mir den Zahn der Weisheit längst gezogen hatte. Doch irgendwie gelang es, den mentalen Stress während des operativen Eingriffs in Grenzen zu halten. Augen zu, Mund auf und durch, dachte ich mir.

Die sechs gesetzten Spritzen sorgten selbstverständlich dafür, dass ich keine Schmerzen verspürte. Dass ich aber relativ gelassen blieb: dafür war etwas anderes verantwortlich. «Denken Sie einfach an etwas Schönes», sagte man mir, als es losging…

Meine Insel ist das Wasser
«Ich kann mich dem Wasser nicht entziehen.» Seit er gesprochen wurde vor 25 Jahren, als Filmzitat, begleitet mich dieser Satz immer und immer wieder und in der Tat: Ich kann mich dem Wasser nicht entziehen. Schon mein ganzes Leben lang. Hier tanke ich auf. Hier hole ich Inspiration. Hier finde ich Ruhe. Das Wasser ist, wenn man so will, meine persönliche Insel. Mein Zufluchtsort. Egal, ob zuhause am Rhein oder in der Ferne.

Es war im Sommer. Mitternacht. Die Sonne steht am Horizont, versinkt im Meer, nur für einen kurzen Moment. Die Vögel über mir ziehen ihre Kreise, unter meinen Füssen pechschwarzer Sand, erdnussgrosse Lavasteinchen. Ich bin angekommen. Hier an der Mündung, wo die lange Reise des Flusses endet. Ein Jahr lang habe ich auf diesen Moment gewartet. Möge die Zeit stillstehen und in diesem Augenblick, noch bevor er überhaupt vorbeizieht, weiss ich: Irgendwann kehre ich wieder hierher zurück. Irgendwann.

Fünf Monate später schaut mir ein Mediziner mit Skalpell ins Maul, ich halte die Augen geschlossen, weil es mir seltsam vorkäme, ihn aus so kurzer Distanz anzustarren und vor allem eines gelingt mir: ich werde ruhig. Was mir hier mit geschlossenen Augen glückt, schaffe ich täglich auch mit offenen – so oft ziehen die Erinnerungen und all die damit verbundenen starken Emotionen des isländischen Sommers an mir vorbei. Immer wieder zehre ich davon. Spüre bedingungsloses Glück. Und manchmal helfen diese Gedanken daran doch tatsächlich, selbst einen Kieferchirurgen als einen Menschen zu sehen, der nur seinen Job macht. Nach 45 Minuten war der Eingriff überstanden. Und ich hatte mich in dieser Zeit auf meine ganz persönliche Insel zurückgezogen.

Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, keinen Besuch beim Zahnarzt. Ich wünsche Ihnen aber auch hin und wieder eine Insel. Und zwar genau so eine, wie sie längst von einem Berner Mundartkünstler besungen ward. Denn jeder braucht seine Insel. Eine, um die müde Seele für einen Moment baumeln zu lassen. Eine Insel, um Kraft zu tanken und sie gegebenenfalls auch nur in Gedanken hervorzuholen, wenn die Zeit wieder mal reif dafür ist. Und ich wünsche uns allen auch vermehrt wieder die Fähigkeit, selbst die kleinsten Inseln ansteuern zu können; all die kleinen Inseln, die doch täglich aufs Neue direkt vor unseren Augen liegen. Im Verein, beim Spaziergang, beim Gespräch von Mensch zu Mensch. Manchmal, gerade wenn in all der Hektik wieder mal die Wogen hochgehen, übersehen wir diese kleinen Zufluchtsorte nur all zu oft. Mögen wir öfters den Blick auch wieder direkt vor unsern Bug richten.

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